Sobjanin und Corona: Das Gesicht der Krise

Corona ist da und wirbelt in der russischen Politik. Während sich das Virus in Russland ausbreitet, mausert sich Sergej Sobjanin zum Spitzenpolitiker.

Sobjanin Corona
Alles unter Kotrolle? Sergej Sobjanin beim Besuch des Corona- Callcenters in Moskau (Foto: Alexander Awilow/ AGN Moskwa)

„Der Staat bin ich“ – dieses Bild vermittelt Russlands Präsident immer wieder mit seinen Auftritten. Was Wladimir Putin sagt, ist meist Gesetz und seinen Anweisungen ist Folge zu leisten. Das gilt auch für die gern inszenierten Gespräche mit den Gouverneuren des Landes, in denen Putin Fehler aufzeigt und erklärt, wie man es besser macht. Zumindest bis Ende März. Denn damals geschah etwas Erstaunliches.

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin wagte es doch tatsächlich, dem Präsidenten zu widersprechen und ihn zu korrigieren. Er erklärte Putin, dass die offiziellen Zahlen der Corona-Infizierten zu niedrig seien und forderte Nachbesserun- gen. Als Putin kurz darauf die erste Aprilwoche für arbeitsfrei erklärte, griff Sobjanin erneut ein. Nachdem die Moskauer Bevölkerung Putins Ansage als Urlaub missverstand, verordnete Sobjanin ihr Hausarrest. Etwas lange Zeit Undenkbares war geschehen – ein Lokalfürst erhob sich scheinbar über den Kremlherren. 

Innerhalb kürzester Zeit hat Sobjanin eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Der Mann ohne Eigenschaften, ein effizienter technokratischer Manager, wandelte sich zum obersten Krisenmanager Russlands. Ein Mann, den die meisten nur mit der langjährigen und kostspieligen Stadtsanierung Moskaus in Verbindung bringen, gibt auf einmal den Ton an. Er ist derjenige, der Klartext über Corona spricht und schlechte Neuigkeiten überbringt sowie unpopuläre Maßnahmen durchsetzt. Während Sobjanin handelt, und sich dabei wie im Fall der Selbstisolation in rechtlichen Grauzonen bewegt, bleibt Putin ungewöhnlich unauffällig. Lediglich zweimal wandte er sich kurz an sein Volk, konnte mit seinen Ansprachen aber nicht überzeugen. Und viele fragen sich, warum ihr Präsident das Heft des Handelns in andere Hände gibt. 

Putin denkt in größeren Sphären 

Für viele Beobachter hält sich Putin aus einem bestimmten Grund zurück. Denn er selbst möchte nicht der Überbringer schlechter Nachrichten sein. Unpopuläre Maßnahmen, wie etwa das Einsperren der Bürger in ihre eigene Wohnung, würden nur seinem Rating schaden, meint etwa das Nachrichtenportal „Meduza“. Zumal Putin an der durch die Quarantäne verschobenen Verfassungsabstimmung genug zu knabbern haben dürfte. Noch aber konnte das Coronavirus Putin nicht schaden. Laut einer Umfrage der Stif tung „Öffentliche Meinung“ und des Meinungsforschungsinstitutes WZIOM vom 3. April nahm das Ansehen des Präsidenten sogar zu. 

Glaubt man Tatjana Stanowaja vom Moskauer Carnegie-Zentrum, drückt sich Putin nicht vor dem Virus. Er sei nicht der Typ, der Verantwortung von sich weise, schreibt sie in einer Analyse. Das beste Beispiel dafür ist die unbeliebte Rentenreform, die untrennbar mit dem Namen Putin verbunden ist. Stanowaja geht davon aus, dass der Präsident die Epidemie in seinem Land schlicht und ergreifend nicht als seine Angelegenheit ansieht. Putin denke nicht national, sondern geo- politisch. Deshalb schicke er Hilfsgüter nach Italien und in die USA. Um Russland sollen sich andere kümmern, so Stanowaja. 

Dass anstelle des Präsidenten Sobjanin russischer Chef-Corona-Manager wurde, ist kein Zufall. Zwar widersprechen sich Kreml und Rathaus immer wieder. Aber letztendlich ist Sobjanin ein Vertrauter des Präsidenten. Und im Gegensatz zum neuen Ministerpräsidenten kann Sobjanin Erfahrung vorweisen. Michail Mischustin hingegen, kaum im Amt, gilt bisher als gesichtsloser Amtsträger, dem die Aufgabe nicht zugetraut wird. 

Moskau als Vorbild für das Land

Wohl auch deshalb hält sich die Regierung bisher mit landesweiten Maßnahmen, wie etwa der Ausrufung des Notstandes, zurück und stellt stattdessen lieber Sobjanin eine Carte blanche aus. Und dieser setzt sie in vollen Zügen ein. Wohlwissend, dass der Kreml ihm im Notfall den Rücken freihält. So kann Moskau mit seinen enormen Mitteln und Möglichkeiten vorangehen und als Blaupause für das Land dienen. Des Öfteren zeigte sich Sobjanin in den vergangenen Wochen auf der Baustelle des Corona-Krankenhauses, das nach chinesischem Vorbild im Schnellverfahren hochgezogen wird.

Handelt und kümmert euch persönlich um eure Leute, lautet das Signal. Und das kommt im Rest des Landes an. Zwar hat wohl kaum ein Gouverneur die finanziellen Mittel für ein neues Krankenhaus. Aber Maßnahmen, die Sobjanin zuerst einführte oder aber zumindest diskutierte (wie etwa QR-Codes für das Verlassen des Hauses oder die Abriegelung ganzer Gebiete), werden immer wieder übernommen. 

Sobjanin mit Ambitionen auf mehr? 

Mit seinem Krisenmanagement hat sich Sergej Sobjanin zur Nummer zwei in Russlands Politikerriege aufgeschwungen. Und obwohl die Corona-Epidemie in Russland noch am Anfang steht, werden jetzt schon Spekulationen laut, Moskau könne für ihn bald zu klein wer- den. Dass Wladimir Putin jedoch in absehbarer Zeit seinen Posten räumen wird, gilt als unwahrscheinlich. So bliebe für Sobjanin höchstens das Amt des Ministerpräsidenten. Ein Posten, auf dem er sich mit den vielen Problemen eines in weiten Teilen armen Landes auseinandersetzen müsste. Da scheint es lukrativer zu sein, eine reiche Stadt mit ihren Möglichkeiten zu managen. Schließlich kann man auch so landesweit großes Ansehen erringen. 

Daniel Säwert

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