Michael von der Schulenburg: Der deutsch-russische Dialog ist unausweichlich

Im Vorfeld des 9. Mai, des russischen Tags des Sieges, sprach die MDZ mit dem Europaabgeordneten Michael von der Schulenburg über seine russischen Wurzeln, die Voraussetzungen für einen Neustart des deutsch-russischen Dialogs sowie den Wandel der Erinnerungskultur.

Michael von der Schulenburg
Michael von der Schulenburg, Mitglied des Europäischen Parlaments (Das Bündnis Sahra Wagenknecht), 2005-2012 Berater des UN-Generalsekretärs für politische und Friedenssicherungsfragen (Foto: privat/Europäisches Parlament)

Der 9. Mai in Russland ist ein Feiertag, der Generationen vereint und die Erinnerung an die Heldentat der sowjetischen Soldaten bewahrt.  Letztes Jahr besuchten Sie zusammen mit einer kleinen Gruppe Ihrer Kollegen aus dem Europäischen Parlament gerade an diesem Tag Moskau. Was bedeutet es für Sie persönlich, an den Gedenkveranstaltungen am 9. Mai in Russland teilzunehmen?

Ach ja, gut, dass Sie das gerade jetzt ansprechen. Es ist nun fast genau ein Jahr her, und doch kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen. Ich war tief beeindruckt von der Freundlichkeit und Herzlichkeit, mit der wir in Moskau empfangen wurden – gerade auch als Deutsche.

Am 9. Mai gingen wir als Privatpersonen gemeinsam mit Tausenden Russen zum Grab des Unbekannten Soldaten. Viele trugen ausgebleichte Schwarz‑Weiß‑Fotografien ihrer gefallenen Angehörigen mit sich. Auch wir legten drei rote Nelken nieder. Zunächst hatten wir überlegt, dort kein Deutsch zu sprechen, um keinen – durchaus verständlichen – Unmut hervorzurufen. Doch wir sprachen schließlich Deutsch. Und das Erstaunliche geschah: Alle um uns herum begegneten uns mit einer so großen Herzlichkeit, fast so, als freuten sie sich, dass auch zwei Deutsche an diesem Ort der Erinnerung standen – an dem Grab eines unbekannten Soldaten, der mit hoher Wahrscheinlichkeit einst von Deutschen getötet wurde. Diese unerwartete Wärme hat mich tief berührt.

Noch am selben Tag haben wir eine Erklärung nach Deutschland herausgegeben. Vielleicht möchten Sie diese Ihren Lesern zugänglich machen.

Auch all unsere politischen Gespräche verliefen in einer für uns unerwartet respektvollen, ja freundlichen Atmosphäre. Von dem Hass und der Unversöhnlichkeit, die wir vor allem aus dem Europäischen Parlament kennen, war in Moskau nichts zu spüren. Darf ich an dieser Stelle noch einmal meinen tiefen Dank an all unsere politisch so wichtigen russischen Gesprächspartner aussprechen, die sich die Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen – und ebenso an jene, die uns bei der Organisation dieser Reise so tatkräftig unterstützt haben.

Sie wurden einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren. War es in Ihrer Familie üblich, über diesen Krieg zu sprechen?

Nun, meine beiden Eltern wurden im ehemaligen Russischen Kaiserreich geboren – mein Vater in St. Petersburg in 1903 und meine Mutter in Riga in 1914. Die Familie meiner Mutter, eine von Engelhardt, lebte dort seit dem 14. Jahrhundert; sie wurde jedoch nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ausbruch der Bolschewistischen Revolution vertrieben. Auf der Seite meines Vaters trat ein Vorfahr im Jahr 1807 – also nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt – in den Dienst der russischen Armee. Erst 1925 gelangte mein Vater durch die Vermittlung seines deutschen Verwandten und des späteren Botschafters in Moskau, Schulenburg, nach Deutschland.

Die Familie meines Vaters gehörte der orthodoxen Kirche an, und alle Generationen waren mit russischen Frauen verheiratet. In der Zeit des Nationalsozialismus galten daher meine beiden Eltern als «nicht-arisch». Das brachte erhebliche Schwierigkeiten mit sich, führte aber auch dazu, dass mein Vater weder in der Armee diente noch irgendeine Stellung im damaligen Regime innehatte. Auch meine Mutter war in keiner der Nazi Organisationen. Ich beschreibe dies so ausführlich, um zu erklären, dass in unserer Familie die Zeit des Nationalsozialismus immer als zutiefst negativ angesehen wurde – und dass es keinerlei Russenhass gab. Meine Eltern waren ja großenteils selbst Russen.

Nach 1945 dauerte es Generationen, um aus ehemaligen Feinden Partner werden zu lassen. Heute herrscht vielerorts wieder die Rhetorik der gegenseitigen Entfremdung. Sehen Sie in der deutschen Gesellschaft Ressourcen für einen neuen Dialog?

Ich bin zutiefst erschrocken über den in den Medien, in Teilen der politischen Eliten und leider auch unter vielen Deutschen verbreiteten Russenhass. Das ist vor allem ein westdeutsches Phänomen. Ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Dort ist eine solche Haltung deutlich weniger verbreitet. Es bleibt für mich unverständlich, wie angesichts der deutschen Geschichte und der daraus erwachsenen Verantwortung eine derartige Einstellung wieder so offen hervortreten kann.

Irgendwann wird – ja muss – es wieder zu einer Annäherung zwischen Deutschland und Russland kommen, schon allein weil wir Nachbarn sind und es bleiben werden. Doch ich glaube nicht, dass dies schnell geschehen wird. Die Gräben, die durch deutsche Selbstgerechtigkeit auf der einen und russische Verletzungen auf der anderen Seite entstanden sind, sind tief. Hinzu kommt der Ukrainekrieg, dessen Folgen das Verhältnis beider Länder noch lange belasten werden. Und schließlich spielt auch die deutsche Aufrüstung eine Rolle, ebenso wie das erklärte Ziel der Bundesregierung, erneut die stärkste Armee in Europa aufbauen zu wollen.

Gleichzeitig verändert sich die Welt um uns herum. Russland ist ein europäischer Staat und wird sich kulturell immer Europa zugehörig fühlen. Doch wirtschaftlich und technologisch liegt die Zukunft zunehmend in Asien. Deutschland hat seine frühere Rolle als wirtschaftlicher und technologischer Motor Europas eingebüßt und besitzt daher nicht mehr die Anziehungskraft auf Russland, die es nach den beiden Weltkriegen noch ausübte. So entsteht eine geopolitische Dynamik, in der Deutschland seine traditionellen transatlantischen Beziehungen verliert, während Russland seine Beziehungen zu den BRICS‑Staaten rasant ausbaut. Russland braucht also Deutschland nicht mehr wie einst.

Nach den Erfahrungen der beiden Weltkriege herrschte in Deutschland das Motto «Nie wieder Krieg». Wie bewerten Sie heute die öffentliche Diskussion über Sicherheit und die Beziehungen zu Russland in Ihrem Land?

Ich bin überzeugt, dass die große Mehrheit der Deutschen keinen Krieg will. Und obwohl die Bundesregierung immer wieder mehr «Wehrtüchtigkeit» einfordert, lässt sich in der Bevölkerung kein neuer Militarismus erkennen. Vorherrschend ist eher eine gewisse Gleichgültigkeit.

Das hat auch demografische Gründe. Die Deutschen haben immer weniger Kinder – und damit auch weniger Bereitschaft, diese in einen möglichen Krieg zu schicken. Zugleich ist der Anteil der Menschen mit nicht-europäischen Wurzeln deutlich gestiegen. Viele von ihnen teilen weder die historisch geprägten Erfahrungen noch die emotionalen Dispositionen vieler Deutscher und empfinden daher auch keinen ausgeprägten Russlandhass. Für sie werden politische Prioritäten weit stärker von Entwicklungen im Nahen Osten oder in ihren Herkunftsregionen bestimmt. Vor diesem Hintergrund dürfte auch der politische Anspruch der Bundesregierung, die «stärkste Armee Europas» aufbauen zu wollen, an diesen demographischen Realitäten scheitern.

Warum Deutsche immer noch Kriegsparteien wie die CDU/CSU oder Grünen in Regierungsverantwortung wählen, ist mir schleierhaft. Allerdings gehe ich davon aus, dass die Bevölkerung zunehmenden die Auswirkungen der direkten und indirekten Kriegskosten der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten zu spüren bekommen wohl verändern. Nur, was wären die politischen Alternativen? Ich befürchte, dass Deutschland unruhigen Zeiten entgegengehen könnte.

In den letzten Jahren gibt es in Deutschland immer öfter Diskussionen darüber, wessen Gedächtnis ist «unser eigenes» und wessen ist «fremdes». Zum Beispiel, wenn sowjetische Militärgräber oder Denkmäler für die sowjetischen Befreier vom Faschismus zu einem Streitthema werden. Wie beurteilen Sie diesen Trend?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich das Problem wirklich mit einem Gegensatz von «eigenem» und «fremdem» Gedächtnis beschreiben lässt. Viel eher scheint mir, dass Deutschland insgesamt über ein nur schwach ausgeprägtes Geschichtsbewusstsein verfügt und diesem auch keinen hohen Stellenwert beimisst. Man lebt stark in der Gegenwart.

Hinzu kommt der tiefgreifende Wandel der sozialen Strukturen. Familien sind heute deutlich kleiner, und die Familie als solche spielt im gesellschaftlichen Leben nur noch eine begrenzte Rolle. Ein‑ und Zwei‑Personen‑Haushalte dominieren. Dadurch werden Erfahrungen, Erinnerungen und Erzählungen viel seltener zwischen den Generationen weitergegeben.

Eine weitere Rolle spielt der hohe Anteil von Menschen mit ausländischen Wurzeln. Sie bringen eigene, oft sehr unterschiedliche historische Erfahrungen und Erinnerungskulturen mit. Eine gemeinsame Geschichtserinnerung existiert daher immer weniger – und gerade in den Schulen wird dies zunehmend spürbar.

All dies hat dazu geführt, dass zentrale historische Erfahrungen – etwa an den deutschen Nationalismus oder an die unsägliche Verbrechen, die Deutsche in der  Sowjetunion begannen haben weitgehend aus dem kollektiven Bewusstsein verschwunden sind. In Russland, aber auch in vielen außereuropäischen Ländern, ist das historische Gedächtnis dagegen wesentlich tiefer verankert.

Sie sind ein Verwandter von Friedrich-Werner von der Schulenburg, dem deutschen Botschafter in Moskau in den Jahren 1934-1941. Den Zeugenaussagen nach warnte er bis zuletzt vor den Risiken eines Krieges mit der UdSSR. Wie haben sie sich in Ihrer Familie an seine Haltung erinnert?

Friedrich‑Werner von der Schulenburg wurde 1944 wegen seiner Beteiligung an der Verschwörung des 20. Juli gegen Hitler hingerichtet. Deshalb habe ich ihn selbst nicht mehr erlebt. Dennoch spielte er in den Erinnerungen meiner Eltern und in unserer Familiengeschichte eine bedeutende Rolle.

Sehen Sie heute in der deutschen Politik Persönlichkeiten, die mit gleicher Entschiedenheit wie einst Ihr Vorfahre für einen stabilen Frieden zwischen Deutschland und Russland eintraten und vor Eskalation warnten?

Auch heute gibt es in Deutschland Menschen, die sich für einen Frieden zwischen Russland und Deutschland einsetzen. Glücklicherweise geraten sie dafür nicht mehr in Lebensgefahr – doch besonders erfolgreich scheinen sie bislang ebenfalls nicht zu sein. Allerdings sind diese Menschen insbesondere in Deutschland isoliert und sehen sich oft beruflichen Schwierigkeiten ausgesetzt oder werden oft als Putin Versteher verunglimpft.

Medienberichten zufolge steht Clemens von Goetze, Botschafter in Mexiko, als neuer deutscher Botschafter in Moskau im Gespräch. Sollte sich dies bestätigen, wäre er innerhalb der letzten drei Jahrzehnte bereits der sechste Diplomat mit adeliger Namensherkunft auf diesem Posten. Ist das Zufall – oder folgt die Besetzung des Moskauer Botschafterpostens einer bestimmten Logik?

Falls Sie den Adel ansprechen: Dieser wurde bereits 1919 – also vor über hundert Jahren – abgeschafft. Ein gemeinsamer adeliger Hintergrund dürfte daher heute kaum noch eine Rolle spielen. Entscheidend wäre vielmehr, dass Herr von Götze – ich kenne ihn persönlich nicht – das diplomatische Geschick besitzt, um die deutsch‑russischen Beziehungen wieder in eine konstruktivere Richtung zu lenken und um die derzeitige deutsche Haltung, nicht mit Russland sprechen zu wollen, überwinden kann.

Da es letztlich um so wichtige Dinge wie um Verhandlungen zur friedlichen Beilegung des bereits über vier Jahre andauernden Ukrainekrieges und um die Wiederherstellung des Friedens auf dem europäischen Kontinent gehen muss, wird der zukünftige deutsche Botschafter vor einer außerordentlich schwierigen Aufgabe stehen. Seine Einbindung in die EU mit 27 anderen Botschaftern, wird das alles noch schwieriger machen, Bewegung in eine so festgefahrene Situation Lage zu bringen. Ich wünsche ihm dafür Erfolg – und auch das Quäntchen Glück, das er dafür brauchen wird.

Das Gespräch führte Femida Selimowa

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