Jana Lantratowa, die neue Menschenrechtsbeauftragte Russlands

Man muss den Wechsel einer hohen Position nicht zwangsläufig als Symbol für etwas Neues deuten. Es kann sich um eine schlichte Rotation handeln: Die maximal zulässige Amtszeit ist abgelaufen, ein anderer tritt die Nachfolge an. Doch im Fall von Jana Lantratowa lässt sich in dieser Rotation durchaus auch Symbolik erkennen.

Jana Lantratowa
Jana Lantratowa: von der Duma ins Menschenrechtsamt (Foto: Alexander Awilow/AGN Moskwa)

Die Politikerinnen

Der Politikertyp, dem die neu ernannte Menschenrechtsbeauftragte Russlands, Jana Lantratowa, angehört, ist in Deutschland wohlbekannt: eine junge Frau – zumindest im Vergleich zu ihren Kontrahenten –, zweifellos attraktiv, doch nicht nur und vielleicht nicht einmal primär wegen ihres Äußeren. Sie spricht entschlossen, bringt mutige Vorschläge ein, und das sorgt dafür, dass man ihr zuhört. Man könnte diesen Typus treffend als „Kämpferin“ bezeichnen.

Vertreterinnen dieser Politiker-Klasse gibt es auch in Russland. Lange Zeit bemühten sich Reporterkameras bei allen öffentlichen Auftritten darum, die effektvolle Natalja Poklonskaja ins Bild zu bekommen, die mit 36 Jahren Staatsanwältin der Krim war. Jetzt richten sich die Objektive der Fotografen auf Jana Lantratowa. Mit 37 Jahren hat sie einen noch höheren Posten bezogen.

Nach oben mit einem „Aufzug“

Lantratowas Vorgängerin, Tatjana Moskaljkowa, musste ihr Amt räumen: Mehr als zwei Amtszeiten hintereinander darf ein Beamter diese Position nicht innehaben. Gegen Moskaljkowa hatte die Landesführung keine Einwände, doch aller Wahrscheinlichkeit nach wird „ein neuer Besen anders kehren“. Immerhin ist Tatjana Moskaljkowa 70 Jahre alt und übernahm das Amt der Menschenrechtsbeauftragten bereits mit 60. Sie konnte noch in sowjetischer Zeit Erfahrungen sammeln – in der Begnadigungsabteilung beim Präsidium des Obersten Sowjets, anschließend im Innenministerium, wo sie bis zum Rang eines Generalmajors der Miliz aufstieg. Sie ist eine Person „sowje­tischer Prägung“.

Jana Lantratowa hingegen stammt aus einem völlig anderen System. Ihr gesamtes politisches Leben fiel in die Präsidentschaft Wladimir Putins. Anfang der 2010er-Jahre war sie aktives Mitglied der „Jungen Garde“ von „Einiges Russland“ und beteiligte sich an zahlreichen Projekten, die als „Aufzugsplattformen“ für junge Menschen in höhere Staatsämter dienen. Doch nicht alle steigen auf – Lantratowa gelang es. 2021 wurde sie Abgeordnete der Staatsduma, wo sie mit mehreren breit diskutierten Gesetzentwürfen auffiel (siehe Infokasten), und 2025 übernahm sie sogar den Vorsitz des Ausschusses für die Entwicklung der Zivilgesellschaft, Fragen öffentlicher und religiöser Vereinigungen.

Vielfältige Arbeit

Wie gut Jana Lantratowa für die Überwachung und Verteidigung der Menschenrechte in Russland geeignet ist, lässt sich erst beurteilen, wenn man definiert, was das staatliche System unter diesem Schutz derzeit versteht. Es ist offensichtlich, dass sich die Vorstellung von  Menschenrechtsschutz seit den 1990er-Jahren stark verändert hat.

In den vergangenen Jahren vollzog sich der Bruch mit europä­ischen Menschenrechtsinstitu­tionen, das System wurde deutlich härter. In dieser Lage wäre ein schrittweiser Abbau der Ombudsmann-Stelle eigentlich naheliegend gewesen. Doch bei einem Treffen am 12. Mai mit der scheidenden Amtsinhaberin bezeichnete Präsident Wladimir Putin ihre Arbeit als „sehr umfangreich und vielfältig“. Und Moskaljkowa selbst führte in ihrem Abschlussbericht aus, dass die Inanspruchnahme der Stelle unter ihrer zehnjährigen Leitung fast um das Dreifache gestiegen sei. Das ist leicht nachzuvollziehen. Schließlich ist dieses Büro maßgeblich in die Koordinierung von Gefangenenaustauschen eingebunden. Tatjana Moskaljkowa hat sich, den Fernsehbildern zufolge, dabei aktiv eingebracht. Was Moskaljkowa gelang, sollte auch Lantratowa gelingen.


Fünf Mal Lantratowa: von Quadrobing bis Blogger

1. Im Oktober 2024 erläuterte Lantratowa ihren Gesetzentwurf zum Verbot destruktiver Ideologien – darunter Quadrobing. Denn es gibt Communitys dieser Jugend-Subkultur, deren Anhänger sich auf allen vieren bewegen und Tiere imitieren – „nicht so harmlos, wie es auf den ersten Blick scheint.“

2. Im August 2022 schlug Lantratowa vor, die Adoption russischer Waisenkinder durch Bürger „unfreundlicher“ Staaten zu verbieten. „Kinder sind unser nationales Gut, und wir werden nicht zulassen, dass sie in ‚unfreundlichen‘ Ländern zu ‚Vertriebenen‘ werden“. Das schrieb Lantratowa in ihrem Blog.

3. 2024 schlug sie vor, für Vido­spiele – analog zu Filmen – Freigabezertifikate einzuführen. „Neben der ungeheuerlichen Grausamkeit und Falschheit [in Call of Duty] werden alle russischen Soldaten und Moskau-treuen Freiwilligen als Kriegsverbrecher dargestellt, deren Ziel es sei, Zivilisten zu töten und Nachbarstaaten zu schaden.“

4. Im März 2022 befürwortete Lantratowa Gesetzesänderungen, die dem Generalstaatsanwalt das Recht einräumen, Medien zu schließen, die „unzuverlässige Informationen“ über russische Streitkräfte verbreiten oder diese „diskreditieren“. Kritiker sehen darin ein Instrument zur Zensur unabhängiger Berichterstattung.

5. Lantratowa wandte sich wiederholt an Generalstaatsanwaltschaft und Medienaufsicht mit der Forderung, populäre Blogger auf die Verbreitung „nicht-traditionell“ eingestufter Wertvorstellungen und „unmoralischen Verhaltens“ zu überprüfen. Die Initiative dient dem „Schutz traditioneller Werte“ vor westlichem Einfluss.

Igor Beresin

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