Ein Freilichtmuseum für sibiriendeutsche Kultur entsteht bei Omsk

Gespräche auf Deutsch und Russisch, fröhliches Lachen, der Duft von Kreppeln aus der Sommerküche und ein vertrautes Lied auf dem Akkordeon: So feierte am 25. Juli in Asowo das „Haus eines Sibiriendeutschen“ seine Eröffnung. Es bildet den Auftakt eines ambitionierten Kulturprojekts: des „Deutschen Hofes“, der derzeit im Gebiet Omsk entsteht.

Als Vorbild diente ein Gehöft im deutschen Dorf Alexandrowka bei Omsk (Foto: Irina Skworzowa

Vom ersten Konzept zum lebendigen Ensemble

Die Ursprünge des Projekts reichen bis ins Jahr 2017 zurück. Damals entwickelten die Deutsche National-Kulturelle Autonomie des Gebiets Omsk und der Deutsche Nationalrayon Asowo ein erstes Konzept. Ziel ist es, das einzigartige kulturelle Erbe der Sibiriendeutschen zu bewahren und für künftige Generationen zu erhalten.

Bis aus der ersten Idee Realität wurde, vergingen fast zehn Jahre – ein langer und mitunter steiniger Weg. Doch schließlich war es im Sommer dieses Jahres soweit: Beim interregionalen Kulturfestival der Russlanddeutschen „Phoenix“ wurden die ersten Gebäude des Ensembles feierlich eröffnet. Die Festivalgäste in Asowo konnten das Hotel, das zwar formal nicht zum „Deutschen Hof“ gehört, das „Haus eines Sibiriendeutschen“ und die Kirche besichtigen. Zukünftig sollen auf dem Gelände des Kultur- und Bildungszentrums noch weitere historische Bauten rekons­truiert werden: eine Halb-Erdhütte und eine Erdhütte, ein überdachter Wirtschaftshof, eine Räucherkammer, ein Garten und ein Kinderspielplatz. Zudem ist die Eröffnung eines Restaurants mit traditioneller russlanddeutscher Küche geplant.

Ein archetypisches Bild der sibirischen Heimat

Ein Blick ins Innere des Hauses offenbart eine durchdachte Architektur mit einem U-förmigen Grundriss. Das absolute Herzstück bildet der große Kachelofen, um den herum Küche, Wohnzimmer, Eltern- und Kinderzimmer kompakt angeordnet sind. Von den Wohnräumen führt ein warmer, überdachter Gang direkt in den Stall. Das raue sibirische Klima zwang die Siedler zu einer höchst pragmatischen Lösung: Alles Wichtige unter einem Dach zu vereinen, damit man nicht bei jedem Gang ins Freie erst die schwere Winterkleidung anziehen musste. Die Sommerküche ist in einem separaten Gebäude untergebracht.

Typisch für die Wohnhäuser der Deutschen in Sibirien: ein überdachter Gang zum Stall (Foto: Irina Skworzowa)

Die Ethnografin Tatjana Smirnowa aus Omsk erklärt: „Das ‚Haus eines Sibiriendeutschen‘ im ‚Deutschen Hof‘ ist ein archetypisches Bild. Manche Besucher mögen vielleicht sagen: ‚Bei uns war das nicht so.‘ Aber die deutsche Kultur ist stark regional geprägt. Bei der Besiedlung Sibiriens brachten die Siedler aus verschiedenen Herkunftsregionen ihre lokalen Traditionen mit. Allein in Sibirien lebten Deutsche aus der Wolgaregion, dem Schwarzmeergebiet und aus Wolhynien. Um diese Vielfalt zu vereinen, muss man einen gemeinsamen Nenner finden. Als solcher gilt das Haus aus Alexandrowka, einer der ersten deutschen Siedlungen in Sibirien, die 1893 entstand.

Heute erschaffen wir durch Museen, deutsche Kulturzentren, Projekte des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur sowie durch Presse und soziale Medien genau solche wiedererkennbaren, archetypischen Bilder. Es gibt heutzutage kaum noch Dörfer, in denen solche historischen Häuser erhalten geblieben sind. Genau deshalb ist die Existenz dieses Ensembles so wichtig. Allein seine Präsenz – und erst recht die Integration eines religiösen Zentrums – hat eine enorme symbolische Bedeutung.“

Spirituelles Zentrum und Ort der Erinnerung

Von den Fenstern des Schlaf- und Wohnzimmers aus fällt der Blick direkt auf die Kirche. Das Gebäude ist zwar noch nicht vollständig fertiggestellt, doch am Eingang empfängt bereits Wladimir Winogradow, der stellvertretende Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland, die Besucher und lädt sie herzlich zum Hereinkommen ein.

„Es ist zwar noch nicht ganz fertig eingerichtet, aber es ist bereits warm und gemütlich“, bemerkt Stanislaw Gorenbacher, ein junger Schauspieler aus Omsk, der die Kirche gemeinsam mit seiner Frau besichtigt hat. „Wenn man nachvollzieht, was die Russlanddeutschen durchgemacht haben, wie sie ihren Glauben im Verborgenen bewahren mussten, und sich heute in diesem neuen Kirchenraum wiederfinden, erfüllt einen das mit tiefer Bewunderung für die Kraft des Glaubens. Dieses Gefühl lässt absolut keinen Raum für Negativität. Wie soll man das jemandem erklären, der diesen Ort nie gesehen hat? Ich weiß es selbst nicht. Deshalb werde ich unbedingt meine Freunde hierherbringen und ihnen diesen Ort zeigen. Hier in diesen Mauern spürt man etwas ungemein Vertrautes.“

Blick auf die evangelisch-lutherische Kirche im „Deutschen Hof“ in Asowo (Foto: Irina Skworzowa)

Brücke der Generationen und Impuls für den Tourismus

Kristina Fedorowa (geb. Farber) aus Dubna bei Moskau besucht ihre Eltern in Swonarjow Kut (25 Kilometer von Asowo entfernt) jeden Sommer. Die Eröffnung des neuen Gehöfts wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Besonders bewegend war es für sie, ihre Eltern auf dem Gelände zu beobachten: Immer wenn sie einen Gegenstand aus ihrer eigenen Kindheit wiedererkannten, begannen sie sofort, ihren Enkeln davon zu erzählen: „So eine Buttermaschine hatten wir auch. Da haben wir die dicke Sahne hineingeschüttet und selbst Butter gemacht.“ So entspann sich ein Gespräch, alte Erinnerungen wurden wach, und die Kinder staunten, dass man das früher alles von Hand machte und es nicht einfach im Supermarkt zu haben war.

„Auf solchen Reisen macht die ganze Familie kleine Entdeckungen“, erzählt Kristina. „Im modernen Alltag räumen wir traditionellen Dingen oft keinen Platz mehr ein, sie wandern bestenfalls ins Museum. Für meine Eltern ist die Begegnung mit diesem Vertrauten aber wie Balsam auf die Seele – sie berührt ihre ganz persönliche Familiengeschichte. Das hilft mir enorm, meinen Kindern begreiflich zu machen, dass früher alles mit den eigenen Händen gemacht wurde.“

„Ein solches Gehöft ist eine einzigartige Idee, die uns stolz auf unsere Region macht“, sagt Ksenia Kasakowa, Lehrerin aus Asowo. „Wir hoffen, dass es Touristen anzieht und unsere Dörfer lebendig bleiben. Denn im modernen Alltag verliert die junge Generation oft den Bezug zu ihren Wurzeln. Umso wichtiger sind Projekte wie die neu eingeweihte ‚Allee der Freundschaft‘. Meine Schüler haben hier kleine Tannen gepflanzt, um die wir uns gemeinsam kümmern. Das ist die Brücke zwischen den Generationen: Die Kinder wachsen mit diesen Bäumen auf und geben die Tradition weiter.“

Ein historischer Auftrag

Finanziert wird die Realisierung des Ensembles mit Spenden von Bewohnern des Gebiets Omsk und anderer russischer Regionen, von russlanddeutschen Landsleuten in Deutschland sowie durch Förderbeiträge lokaler Unternehmer. Auch die Verwaltung des Deutschen Nationalrayons Asowo und zivilgesellschaftliche Organisationen der Russlanddeutschen treiben das Projekt aktiv voran. Langfristig soll der „Deutsche Hof“ zu einem festen Ankerpunkt im Kultur- und Erlebnistourismus werden und dem gesamten Gebiet Omsk neue touristische Impulse geben.

Der Deutsche Nationalrayon Asowo ist der jüngste im Gebiet Omsk. Er wurde 1992 als Rayon mit einer kompakt ansässigen deutschen Bevölkerung gegründet, um deren Kultur und Traditionen zu bewahren. Die Eröffnung des „Deutschen Hofes“ stellt die logische Fortsetzung dieses historischen Auftrags dar. Nun steht das Ensemble vor einer neuen Herausforderung: über die Grenzen der Region hinaus zu wirken und Touristen aus dem ganzen Land anzuziehen, die in die Atmosphäre und den Alltag der Sibiriendeutschen eintauchen möchten.

Irina Skworzowa


Kirchenbauten

Nach 1991 erhielten die lutherischen Gemeinden in Russland meist ihre historischen Gebäude zurück oder richteten Bethäuser in gewöhnlichen Gebäuden ein.

Kirche Asowo

Von Grund auf neu errichteten die Gläubigen hingegen nur wenige Kirchen: die lutherische Kirche in Omsk (1995), die hölzerne St.-Marien-Kirche in Tomsk, die 2006 anlässlich des Gipfeltreffens mit Angela Merkel und Wladimir Putin entstand, sowie die Evangelisch-Lutherische St.-Marien-Kathedrale in Saratow (2015), die evangelisch-lutherische Erlöserkirche in Tscheljabinsk (2002), die evangelisch-lutherische Kirche in Krasnoturjinsk (2011) und die evangelisch-lutherische Kirche in Berjosowski (2020) im Gebiet Swerdlowsk sowie die lutherische Kirche im Dorf Litkowka im Rajon Tara, Gebiet Omsk. In Asowo entsteht die nächste Kirche. Für die Fertigstellung des Baus werden derzeit Spenden gesammelt.

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