Doswidanja Russland – Shalom Israel

Der deutsche Botschafter Alexander Graf Lambsdorff hat seinen Hut gezogen.

Alexander Graf Lambsdorf
MDZ-Autor Frank Ebbecke (rechts) wünscht seinem Botschafter viel Erfolg am neuen Wirkungsort. (Foto: Nikita Markow/Deutsche Botschaft in Moskau)

Sein eleganter, schwarzer Hut war keine „gentlemanlike“ Modevariante, er war eine Art „Markenzeichen“, wenn er zu offiziellen Anlässen Botschaft oder Residenz verließ – und wohl auch je nach Wetterlage zum Schutz seiner schwindenden Haarpracht über seiner fliehenden Denkerstirn. Das vorerst letzte Mal war das wenige Tage vor seiner Abreise, als er ins Moskauer Außenministerium einbestellt worden war. Er war einbestellt worden, um Protest gegen die Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Botschaft in Moskau entgegenzunehmen, die auf „schmerzliche Probleme“ der russischen Bevölkerung (Benzinkriese) hingewiesen hat.

In seiner dreijährigen Amtszeit war es das fünfte Mal, dass er hochoffiziell in das Hauptquartier des schon legendären Sergej Lawrow zitiert wurde. Und das war es soweit auch schon mit den Regierungskontakten. Denn ansonsten hatte er als oberster Repräsentant eines von den hiesigen Machthabern als „unfreundlicher Staat“ apostrophierten europäischen Landes allen Grund, sich von der Regierung weitgehend isoliert und ignoriert zu fühlen. Dass er hier nicht gerade der hocherwünschte Gesprächspartner zum vor vielen Jahren und für viele Jahre gepflegten „Brückenbau“ werden konnte, mag ihn doch enttäuscht haben, hat ihn aber nie davon abgehalten, bei jeder Gelegenheit strikt und geradeheraus klare Kante zu zeigen.

Ihm mögen die Hände gebunden gewesen sein, aber den Mund hat er sich nicht verbieten lassen – wie auch bei seiner letzten Ansprache während seines Abschiedsempfangs ohne Wenn und Aber: „Der Krieg muss aufhören, das Leid der Menschen muss ein Ende haben, es muss zu einem dauerhaften und gerechten Frieden kommen.“ Da erinnerte er auch in persönlicher Runde an Worte von Deutschlands erstem Bundeskanzler Konrad Adenauer, der den hohen Wert des Patriotismus und eines gesunden Nationalgefühls hervorhob, vor blindem Nationalismus aber warnte.

Aber hier und jetzt soll es nicht nur um einschätzende, politisch gefärbte Exkursionen aus der Dienstzeit des scheidenden Botschafters gehen, sondern auch darum, das Bild eines Mannes von jahrhundertealtem, noblem Geblüt lebendig werden zu lassen, der trotz aller allgemein verbreiteten gesellschaftlichen Vorurteile sozusagen ein echter „Mensch des Volkes“ ist. Er ist ein aufmerksam zuhörender, höflicher Gesprächspartner, aber nicht immer ein geduldiger, denn auf vieles hat er schon längst seine dezidierte Replik und fundierte Meinung.

Er entstammt einem seit 1238 dokumentierten Familiengeschlecht mit von Generation zu Generation vererbter Grundbildung und Spitzen-Karrieren im öffentlichen Dienst und ist zu einem respektierten, verantwortlichen Mitwirkenden auf den verschiedensten politischen Weltbühnen herangereift. Schon vor drei Jahren, bei einem Antrittsbesuch, war schnell zu spüren, dass er ein grundempathischer, optimistisch-lebensfroher Zeitgenosse ist, bei Bedarf sach- und fachkundig, scharfsinnig und meinungsstark: „Dies ist nicht das Ende unserer gemeinsamen Geschichte. Ich bin überzeugt: Die Gewalt wird nicht das letzte Wort haben.“ Das formulierte er zu seinem vielbeachteten, vielgelobten Einstieg. Er wusste, das wird schwer, doch er steht auch bei seinem Abschied dazu.

Aber dann verändern sich seine Gesichtszüge schnell: zu einem sympathischen, so offen wie offenen Lächeln. Auch seine politisch-liberale Einstellung weist ihm dabei den Weg und wurde ihm in die Kölner Wiege gelegt. Der heute 59-Jährige ist waschechter Rheinländer und ein glühender dazu: Er ist seit jeher eingetragener Fan des 1. FC Köln und erwärmt sich alljährlich für den traditionellen, speziellen Humor im Kölner Karneval, ein Mann, der eben lachen kann. Zu seinen Gewohnheiten und seinem „normalen“ Auftreten gehört

auch, dass er zum Beispiel gern sein eigenes Auto (nein, keine dienstliche Edelmarke, ein bescheideneres Modell der deutschen Traditionsmarke Audi) für Fahrten zwischen den beiden Hauptstädten steuerte. Was ihm aus Moskau wohl fehlen wird, so nennt der kunst- und kulturbeflissene Alexander Graf Lambsdorff seine regelmäßigen Spaziergänge durch die beeindruckend-pittoreske Umgebung im Zentrum der Kapitale, sind vor allem seine Erkundungsgänge durch die zahllosen Museen und Besuche erstklassiger Konzerte. Er ist offen für all das, was Menschen inspirieren kann, und sucht genau dort nach dieser Inspiration, wo immer sein Zuhause auch sein mag. Das signalisiert auch der Kühlschrankmagnet in seiner hiesigen Wohnung mit dem frei aus dem Russischen adaptierten Sinnspruch: „Das Glück ist näher als du glaubst“. Stolz ist er, dass unter anderem während seiner Amtszeit der Festsaal der Botschaft zum bilateralen Eldorado vieler hochklassiger kultureller Veranstaltungen wurde. Vielleicht keine so ganz große Brückenbauerei, aber immerhin der Erhalt menschlicher Bindungen.

Bei der emotionalen Abschiedsveranstaltung war zu fühlen: Alexander Graf Lambsdorff wurde nicht nur respektiert, sondern genauso gemocht. Dies spiegelte sich auch in den spontanen Auflachern wider, die seine launige Abschiedsrede unterbrachen. Nein, das war keine offizielle Abrechnung der letzten drei Jahre, das waren seine urpersönlichen Eindrücke. Er bezeichnete seine Zeit hier diplomatisch geschickt als „interessant“. Es war eine Verabschiedung ohne geharnischte Wertung der Schieflage, aber deutlich gab er seiner persönlichen großen Bewunderung für den Mut zum Widerstand und den ebenso großen Friedenswillen vieler russischer Mitbürger klaren Ausdruck. Es war ein Abschiedsfest unter Freunden, wie er eingangs sagte – über 400 waren eingeladen, von denen fast alle auf das streng gesicherte Botschaftsgelände kamen. Deutsche Expats, für die dieses Gelände schließlich so etwas wie eine „Heimatinsel“ ist, und heimische Russen aus allen gesellschaftlichen Bereichen sowie das versammelte diplomatische Korps.

Der schwarze Hut aus Moskau ist erst einmal eingemottet. Aber ein alternativer Kopfschutz liegt bereits in seiner Hand: ein klimatisch wohl eher angesagter Strohhut für Tel Aviv – den kann er sicher gut gebrauchen in seiner neuen Verantwortung für Deutschland in einer erneut so sensiblen, historisch krisengeschüttelten Weltregion. Rein persönlich schaut er zuversichtlich und mit Freude auf seine Zeit im „Heiligen Land“. Eingefleischte Kölner sagen sich eben nach ihrem lokalen „Grundgesetz“: „Et hät noch immer jot jejange.“ Danke für Ihre Jahre in Moskau bei uns. „Maachen’s et jot, tschö“, Exzellenz.

Frank Ebbecke

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