Pleite statt Profit: Russlands Fashion-Markt kriselt

Jeder dritte Bekleidungshändler in Russland rutscht in die roten Zahlen – vom Massenmarkt bis zum Luxussegment. Zu diesem Schluss kommen Experten der Fashion Consulting Group, die die 100 umsatzstärksten Unternehmen analysiert haben. Die Nachfrage sinkt, während die Kosten weiter steigen.

Die Regale sind voll, die Kassen leer. Artur Nowossilzew/AGN Moskwa
Die Regale sind voll, die Kassen leer. (Foto: Artur Nowossilzew/AGN Moskwa)

Mit einem Umsatzrückgang aufgrund der schwachen Nachfrage sind sowohl russische Massenmarken als auch Premiumlabels konfrontiert. Laut Anna Lebsak-Kleimans, Geschäftsführerin der Fashion Consulting Group, verzeichneten 34 Prozent der im stationären Handel vertretenen Massenmarken und 40 Prozent des Luxussegments Verluste. Zum Vergleich: Vor vier Jahren lagen diese Werte bei 18 Prozent bzw. 22 Prozent.

So erlitt das Unternehmen Awgust (Marke Oodji) erstmals seit drei Jahren einen Verlust in Höhe von 819,2 Millionen Rubel, während der Nettogewinn des Unternehmens im Vorjahr bei 58 Millionen Rubel lag. Die Verluste der Bekleidungskette Twoje stiegen innerhalb eines Jahres um mehr als das Anderthalbfache: von 372,3 Millionen auf 620,8 Millionen Rubel. Das Unternehmen Sesonaja Kolleksija verzeichnete ein Minus von 978,8 Millionen Rubel.

Rote Zahlen: Krise erfasst Massenmarkt und Luxussegment

Im vergangenen Jahr meldeten 23 Unternehmen ihren Rückzug vom russischen Fashion-Markt. Die verbliebenen Akteure begannen, ihre Verkaufsflächen um 10 bis 15 Prozent zu reduzieren.

Nach dem Abzug ausländischer Unternehmen aus Russland in den Jahren 2022 und 2023 entstanden im Land Dutzende einheimische Marken, und es wurden über 500 neue Geschäfte eröffnet. Das Angebot wuchs schneller als die Nachfrage, was letztlich zu einer Überhitzung des Marktes führte. Wie Lebsak-Kleimans betonte, ist der Großteil der vom Markt verschwundenen Marken in den Onlinehandel abgewandert. Dank des Parallelimports hat sich ein großer alternativer Markt von Agenten gebildet, die dieselben Waren wie früher ins Land bringen.

Laut Angaben der Fashion Consulting Group lag der durchschnittliche Warenkorb für Bekleidung und Schuhe im ersten Quartal 2026 bei etwas mehr als 3000 Rubel, was einem Anstieg von sechs Prozent entspricht. Gleichzeitig sank die Anzahl der Käufe um vier Prozent. Das bedeutet, dass die Käufer zwar mehr Geld pro Einkauf ausgeben, aber seltener in die Geschäfte gehen.

Vom Boom zur Ernüchterung: Überangebot, Sparzwang und steigende Kosten

Wie Experten hervorheben, wirkt sich die Abkühlung der russischen Wirtschaft auf die Konsumnachfrage aus: Generell neigen die Russen derzeit eher dazu zu sparen, als zu kaufen. Die Situation für Bekleidungshändler wird zusätzlich durch die in diesem Jahr erfolgte Anhebung der Mehrwertsteuer von 20 Prozent auf 22 Prozent erschwert. Finanziellen Druck auf die Unternehmen üben zudem steigende Mietpreise für Geschäftsräume und die Notwendigkeit aus, die Gehälter der Mitarbeiter zu erhöhen.

Auch die Textilherstellung in Russland selbst ist recht kostspielig, berichtet Swetlana Kostenko, Direktorin des Kompetenzzentrums für die Entwicklung der Modeindustrie an der Plechanow-Wirtschaftsuniversität. In den meisten Fällen müssen Stoffe, bestimmte Beschlagteile und Materialien aus dem Ausland importiert werden. Oft ist es selbst unter Berücksichtigung von Logistik und Zollgebühren günstiger, Kleidung in Südostasien zu produzieren als in Russland.

Verzweifelte Rabattschlachten: Überlebenskampf im Fashion-Markt

Um Käufer in die Geschäfte zu locken und die Verkaufszahlen zu steigern, sehen sich russische Hersteller gezwungen, die Preise zu senken und Ausverkäufe zu veranstalten. Im Frühjahr kündigten rund zehn der größten russischen Marken für Bekleidung, Schuhe und Accessoires ungewöhnlich hohe Rabatte von 30 bis 90 Prozent an. Einige Unternehmen profitierten von diesen Maßnahmen. Doch wie Experten warnen, werden sie langfristig die Probleme der schwachen Konsumnachfrage nicht lösen und die finanziellen Kennzahlen der Unternehmen weiter verschlechtern. Ilja Jaroschenko, Präsident von Baon, ist überzeugt, dass am Ende dieses Jahres auf dem russischen Markt möglicherweise nur noch einige Dutzend profitable Bekleidungsketten übrig bleiben werden.

Xenija Melnikowa

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