In Russland sehen sie wieder Schwarz

Der russische Fußball war immer ein Thema, bei dem sich Sportinteressierte im Westen das Gähnen verkneifen mussten. Seit 2022 sind die Teams aus Russland nun auch noch für alle internationalen Wettbewerbe gesperrt, was zur Folge hat, dass Ausländer sie erst recht aus dem Blick verloren haben. Doch wie fühlt sich die russische Blase eigentlich von innen an?

Die „Lukoil Arena“ von Spartak Moskau macht schon von außen Eindruck. (Foto: Tino Künzel)

Matwei Safonow hat in der vergangenen Saison mit Paris Saint-Germain bereits zum zweiten Mal die Champions League gewonnen. Anders als im Jahr davor saß der Russe diesmal nicht nur auf der Bank, sondern hatte sich inzwischen als Stammtorhüter etabliert. Doch einen der prominentesten Namen im europäischen Klubfußball sprachen die Kommentatoren im deutschen Bezahlfernsehen konsequent falsch aus – mit Betonung auf der ersten statt der zweiten Silbe.

Man sollte meinen, dass es zum Handwerk eines TV-Sportjournalisten gehört, dem Job auch phonetisch gewachsen zu sein, zumal es im Zweifelsfall schon reicht, einige Internetvideos in der Originalsprache zu Rate zu ziehen. Wenn selbst dieser minimale Aufwand gescheut wird, dann zeugt das nicht nur von viel Nachsicht mit den eigenen Unzulänglichkeiten, sondern auch einer herablassenden Einstellung gegenüber dem Spieler und den Besonderheiten seiner Muttersprache. Bei Türken gibt man sich hörbar mehr Mühe.

Nur wenige internationale Stars

Ob sich der Ton vielleicht ändern würde, wäre Safonow nicht mehr oder weniger ein Einzelfall? Fakt ist: Mit Alexander Golowin (AS Monaco) und Alexej Batrakow (Galatasaray Istanbul) spielen neben Safonow nur wenige Russen für renommierte ausländische Klubs, die häufig in den Schlagzeilen sind, was durchaus schon anders war. Und die russischen Klubs selbst sind seit viereinhalb Jahren von der Teilnahme an internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Das mag zu dem Trugschluss verleiten, es mit den Russen und Russisch nicht so genau nehmen zu müssen.

Zudem sind auch die eher sporadischen Erfolge des russischen Fußballs schon wieder eine Weile her. 2005 gewann ZSKA Moskau den UEFA-Cup, 2008 wiederholte Zenit St. Petersburg dieses Kunststück. Ebenfalls 2008 zog Russland nach einem überraschenden, aber verdienten Sieg über die Niederlande ins EM-Halbfinale ein. Zehn Jahre später gelang der Sbornaja bei der Heim-WM eine ähnliche Sensation, als sie das Achtelfinale gegen Mitfavorit Spanien nach Verlängerung und Elfmeterschießen überstand.

Und heute? Nimmt sich Russlands Profifußball weiter wichtig, wenn es schon sonst keiner tut, und fährt medial auf, was geht. Einerseits würde man sich natürlich gern wieder mit der europäischen Konkurrenz messen, andererseits waren die Europa-Cup-Auftritte oft genug ernüchternd, weshalb man sich auch in der Isolation recht wohl zu fühlen scheint.

Frauenfußball für 100 Rubel

Als Probe aufs Exempel soll uns ein Sonntag im August dienen. 14.30 Uhr ist zunächst Frauenfußball angesagt, die „Superliga“. Lokomotive empfängt ZSKA zum Moskauer Derby und Spitzenspiel Vierter gegen Zweiter. Das Interesse hält sich in Grenzen, die Tickets sind schon zum Preis von 100 Rubel zu haben, umgerechnet etwa einem Euro. In der Sapsan-Arena, dem kleineren Stadion auf dem Lok-Gelände am nordöstlichen Stadtrand, verlieren sich ein paar hundert Zuschauer. Immerhin wird ZSKA aber von einer ansehnlichen Fanschar unterstützt, sodass für ein bisschen Stimmung gesorgt ist.

So sieht es aus, wenn in Russlands oberster Frauenliga ein Punktspiel stattfindet. (Foto: Tino Künzel)

Es ist das letzte Spiel vor der dreiwöchigen Sommerpause. Die „Superliga“ mit ihren 13 Mannschaften wird von März bis November ausgetragen, wenn auch ohne große Anteilnahme der Öffentlichkeit. Auf der Tribüne kennt und duzt man sich. Nach zehn Minuten wird der erste Gästefan unruhig. „Aufgewacht, Nadja!“, brüllt er quer über den Platz. Davon soll sich wohl Nadeschda Smirnowa angesprochen fühlen, eine von mehreren Nationalspielerinnen in beiden Teams. Der Weckruf fruchtet nicht. Kurz darauf trifft Lokomotive zum 1:0, dabei bleibt es bis zum Schluss.

Spitzenspiel vor toller Kulisse

Noch ein wenig weiter außerhalb, aber diesmal im Nordwesten, wird 20 Uhr der Schlager Spartak Moskau gegen den FC Krasnodar in der Russischen Premier-Liga (RPL) angepfiffen. Mit knapp 39.000 Zuschauern ist die „Lukoil Arena“ so gut gefüllt wie nur selten in der jüngeren Vergangenheit. Zehn Jahre nach der letzten Meistersaison wittert der Spartak-Anhang nach gutem Start in die neue Spielzeit wieder einmal Morgenluft.

Vom Fan-Boykott nach Einführung des obligatorischen Fanpasses, den der Staat 2023 zur Vorbedingung für den Ticketkauf machte, ist nichts mehr zu sehen. Die Eintrittspreise sind dabei sehr moderat. Für 1200 Rubel (etwa zwölf Euro) wird ein Sitzplatz mit bester Sicht auf das Geschehen geboten. In Deutschland gäbe es dafür selbst in der vierten Liga allenfalls einen Stehplatz.

Trainer Schwarz wieder da

Unten auf dem Rasen stehen sich zwei Weltauswahlen gegenüber. Hatten 2022 noch viele ausländische Spieler und Trainer die Flucht aus Russland angetreten, sind die Teams heute wieder sehr international besetzt. Bei Spartak beginnen an diesem Abend vier Russen in der ersten Elf, bei Krasnodar fünf. Spartaks Trainer Juan Carlos Carcedo ist einer von vier Spaniern in der 16 Mannschaften zählenden Liga. Besonders bemerkenswert aus deutscher Sicht: Sandro Schwarz, der Dynamo Moskau zwischen 2020 und 2022 trainiert hatte, kehrte diesen Sommer nach Stationen bei Hertha BSC und den New York Red Bulls zu dem Moskauer Traditionsklub zurück.

Die Fans von Spartak gaben alles, mussten aber eine Niederlage verkraften. (Foto: Tino Künzel)

Im Top-Duell zwischen Spartak und Krasnodar fallen schon in den ersten zehn Minuten drei Tore – und dann keine mehr. Die Partie endet 1:2 und wäre vom Niveau her vielleicht im Mittelfeld der Bundesliga anzusiedeln. Trotz aller Spannung ist die Stimmung eher friedlich-schiedlich und kein bisschen aufgeladen, viele Väter sind mit ihren Kindern gekommen.

Gebremste Euphorie

Zehn Minuten vor Schluss beginnen die ersten Zuschauer abzuwandern. Warum sie es so eilig haben, wird später klar: Nach dem Abpfiff muss der Oberrang warten, bis sich der Unterrang geleert hat. Und ehe sich die Massen draußen zerstreut haben, sodass die Heimfahrt angetreten werden kann, dauert es noch einmal.

Einen Monat später ist Spartak nur noch Vierter und muss mit schon sechs Punkten Rückstand auf Tabellenführer Krasnodar aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren. Immerhin: Zenit St. Petersburg, in den letzten acht Jahren sieben Mal Meister, geht es auf Platz fünf sogar noch schlechter. Irgendwie tröstlich.

Tino Künzel

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