
Wie entstand die Idee, mit dem Fahrrad nach Russland zu fahren?
Ich wollte eine große Fahrradtour machen. Bei meinen ersten Trainingsrunden im Januar dieses Jahres merkte ich, dass ich eine gute Grundkondition habe und darauf aufbauen kann. Ich liebe Moskau. Für mich ist das die schönste Großstadt, die ich bis jetzt auf der Welt gesehen habe. Und ich liebe das Fahrradfahren, also habe ich beides verbunden. Danach trainierte ich sechs Monate lang bei jedem Wetter: bei Regen, Kälte, starkem Wind und zuletzt auch bei 35 bis 40 Grad. An heißen Tagen fuhr ich Etappen von 150 bis 160 Kilometern, um auf extreme Bedingungen vorbereitet zu sein.
Woher kommt Ihre Begeisterung für Russland?
Ich war 2015 zum ersten Mal dort und reise seitdem regelmäßig nach Russland. Ich habe viele Länder gesehen, unter anderem Brasilien, Venezuela, Kolumbien, China und zahlreiche europäische Staaten. Aber die Mentalität, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die ich in Russland erlebt habe, sind für mich einzigartig. Ich wurde von völlig Fremden zu Geburtstagen, Hochzeiten und sogar Beerdigungen eingeladen. Für mich sind nicht Berge oder das Meer das Wichtigste, sondern die Möglichkeit, am Alltag der Menschen teilzunehmen.
Wie war Ihre erste Reise?
Die Geschichte begann in Ägypten. Dort lernte ich mit Freunden einen Mann namens Igor aus Moskau kennen. Einige Monate später lud er uns zu seinem 50. Geburtstag ein. Zufällig fiel die Geburtstagsfeier auf das Wochenende, an dem mein Bruder Hochzeit feierte. Ich sollte Trauzeuge sein. Das habe ich abgesagt und bin für ein verlängertes Wochenende zu Igors Geburtstag nach Moskau geflogen. Ich war so begeistert, dass ich noch im selben Jahr allein nach Jekaterinburg reiste.
Wie ist die Fahrt von Leipzig nach Moskau verlaufen?
Ich startete am 4. Juli 2026 morgens bei Leipzig mit einem etwa 40 Jahre alten Fahrrad aus Eisen vom Flohmarkt und nur dem allernötigsten Gepäck, absolut minimalistisch: ein kleines Zelt, eine Decke, etwas Werkzeug und ein wenig Wechselkleidung. Ich war gezwungen, jede Nacht im Hotel zu schlafen, da es ständig regnete. Mein Wunsch war aber, in der Natur zu übernachten. Bis Mitte Juli bin ich durch Polen, Litauen, Lettland und Estland mit je 180 Kilometern pro Tag fahren. An der estnisch-russischen Grenze musste ich warten, weil mein Visum erst ab dem 20. Juli gültig war. Ich nutzte den Übergang Koidula-Petschory, einen der wenigen Grenzübergänge, die noch für Fußgänger geöffnet sind. Radfahrer gelten dort als Fußgänger. Am 20. Juli bin ich nach Russland eingereist, am 25. Juli habe ich Moskau erreicht.
Gab es Schwierigkeiten an der Grenze?
Im Großen und Ganzen nein. Ich hatte aber total vergessen, dass es verboten ist, europäische Währungen auszuführen. Ich hatte Euro dabei. Klingt verrückt, aber ich hatte keine andere Wahl, als das Geld in einem estnischen Wald zu vergraben. Auf dem Rückweg hole ich es dann wieder ab. Ansonsten dauerte die Ausreise aus Estland etwa 25 Minuten. Auf russischer Seite musste ich wegen Autos, Fußgängern und Reisebussen länger warten. Mein Telefon wurde kontrolliert, das Fahrrad wurde geröntgt und das Gepäck geöffnet. Die Beamten arbeiteten gründlich und korrekt. Für mich war das nachvollziehbar, und ich hatte damit keinerlei Probleme.
Hatten Sie keine Angst vor eventuellen Zwischenfällen?
Nein. Meine Familie und Freunde hielten mich zwar für verrückt, aber sie konnten die Situation selbst nicht beurteilen, weil kaum jemand aus meinem Umfeld Russland bereist. Ich war auch nach 2022 dort und fuhr 2023 mit dem Fahrrad in die Oblast Kaliningrad. Ernsthafte Probleme hatte ich in Russland nie. Mein größtes Ziel war klar: von Leipzig bis auf den Roten Platz in Moskau zu fahren. Daran habe ich nicht gezweifelt.
War die gesamte Route im Voraus festgelegt?
Nein. Eine solche Reise lässt sich nicht minutengenau planen. Man weiß nie, ob das Fahrrad ausfällt, ob man körperliche Probleme bekommt oder ob eine Etappe länger dauert. Ich setzte mir nur drei große Abschnitte: von Leipzig bis zum Suwalki-Korridor, von dort bis zur Grenze Koidula-Petschory und anschließend bis Moskau. Alles Weitere entschied ich unterwegs.
Wie planen Sie die Rückreise?
Ich möchte mit dem Zug von Moskau nach Pskow fahren, dann etwa 70 Kilometer bis Petschory radeln, die Grenze nach Estland überqueren und anschließend in zwei Tagesetappen Tallinn erreichen. Von dort nehme ich einen Flixbus nach Berlin. Ein Flug wäre komplizierter, weil ich das Fahrrad zerlegen und verpacken müsste.
Was hat Sie unterwegs besonders beeindruckt?
Wieder die Menschen. Für die Fahrt durch das Baltikum kleidete ich mich bewusst neutral und trug keine russischen Symbole. Trotzdem war ich positiv überrascht: In Polen, Litauen, Lettland und Estland waren die Menschen höflich und interessiert. Probleme hatte ich nirgendwo. Mein eigentliches Ziel nannte ich allerdings nicht, sondern sagte, ich führe nach Tallinn. Aufgrund früherer negativer Erfahrungen wollte ich Diskussionen vermeiden.
Wie wurden Sie in Russland als Deutscher aufgenommen?
Sehr positiv. Ich spürte weder Ausländerfeindlichkeit noch Aggressivität gegenüber Deutschen. Im Gegenteil: Als Deutscher wurde ich meist mit Interesse und Respekt behandelt. Auf dieser Reise kam ich mit einer Familie ins Gespräch. Der Mann sprach etwas Englisch und lud mich ein, auf seinem Grundstück zu übernachten. Ich durfte in seinem alten Volkswagen-Bus schlafen und an einem Kindergeburtstag teilnehmen. Solche Begegnungen habe ich in Westeuropa nie erlebt. In Moskau habe ich allerdings eine Strafe bekommen. Ich bin auf dem Fahrradweg durch Moskau gefahren, und die Fußgängerampel war auf Rot. Ich habe gewartet, bis die Ampel für Fußgänger und Fahrräder auf Grün schaltete, und bin dann über den Zebrastreifen mit meinem Fahrrad gefahren – aber ich hätte mein Fahrrad schieben müssen wie ein normaler Fußgänger. Und dafür hat mir die russische Polizei eine Strafe aufgebrummt. Das war mein Fehler.

Kommen Sie im nächsten Jahr wieder?
Das weiß ich noch nicht. Ich plane solche Reisen eher kurzfristig und werde sehen, wie sich die Situation in den kommenden Monaten entwickelt. Diese Fahrt aber war ein großer persönlicher Erfolg: Ich hatte mir vorgenommen, mit meinem alten Fahrrad von Leipzig bis auf den Roten Platz zu kommen – und genau dieses Ziel habe ich erreicht.
Das Gespräch führte Anna Braschnikowa
Zu Gast bei Sibiriendeutschen
Neben der diesjährigen Moskau-Fahrt hat André Voigt Russland bereits mehrfach bereist – darunter Omsk, Samara, zweimal Archangelsk, Kaliningrad, Taganrog und Rostow am Don. Besonders ziehen ihn kleinere Städte und ländliche Regionen abseits des Massentourismus an. So wollte er die Geschichte der ersten deutschen Siedler in der westsibirischen Region Omsk vor Ort nachvollziehen und radelte dafür auch in den Deutschen Nationalrayon Asowo. In Omsk besuchte der Leipziger das Deutsch-Russische Haus, in Asowo sprach mit Einheimischen – einige von ihnen pflegen bis heute einen schwäbischen Dialekt. Ein weiterer Halt war das Siedlerdorf Alexandrowka, in dem 1893 die ersten Deutschen eintrafen. Durch das dortige Volksmuseum führte ihn Tatjana Regnier, die ihm die Geschichte der Siedlung aus erster Hand näherbrachte.


