
Die Wurzeln der Familie Wiebe
Sergej Charjukow aus Syktywkar, der Hauptstadt der Republik Komi, war der Sohn und Enkel sowjetischer Repressierter. Er stammte aus einer Mennonitenfamilie namens Wiebe. Sein Großvater, Kornelius Wiebe, wurde im Dorf Mariental im Gouvernement Samara geboren. Die Gründer dieser Kolonie und der benachbarten Siedlung Alexandertal – beide gehören heute zum Dorf Nadeschdino im Rajon Koschki des Gebiets Samara – sowie mehrerer weiterer Ansiedlungen waren in den 1850er-Jahren aus Westpreußen an die Wolga gekommen. Diese Mennoniten bildeten die letzte Welle der deutschen Kolonisation in Russland, die nahezu ein Jahrhundert umfasste.
Am 30. März 1930 wurde die Familie Wiebe „entkulakisiert“ und in die Region Archangelsk deportiert: 13 Personen, davon 11 Kinder. Als „Kulaken“ wurden wohlhabendere Bauern gebrandmarkt; sie verloren Haus und Hof und wurden zwangsausgesiedelt.
In der Sondersiedlung Cholmolejewo wurde Kornelius Wiebe der Spionage beschuldigt und am 7. Februar 1931 erschossen. Seine Frau Renata wurde 1938 auf Beschluss einer „Troika“ erschossen, eines außergerichtlichen Dreiergremiums des sowjetischen Geheimdienstes NKWD. Ihr wurde vorgeworfen, sie habe „schriftliche Verbindungen zu faschistischen ‚Wohltätern‘ in Deutschland und Schweden unterhalten, von denen sie materielle Unterstützung erhielt“.
Tatsächlich korrespondierten Mennoniten mit ihren Verwandten im Ausland und erhielten von ihnen Hilfe – auch in Devisen. Diese konnten sie in den sogenannten Torgsin-Läden ausgeben, einem staatlichen Netz von Geschäften, das von 1930 bis 1936 existierte und in dem man gegen ausländische Währung, Gold oder Silber knappe Lebensmittel und Waren kaufen konnte. Zunächst wurde dies von den Behörden sogar gefördert, denn der Sowjetstaat brauchte dringend Devisen. 1966 wurden die Wiebes, Kornelius und Renata, rehabilitiert.
Sergej Charjukows Mission: 30 Jahre Suche nach der Wahrheit
Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1999 machte sich Sergej Charjukow daran, die Schicksale von 36 „entkulakisierten“ Familien zu rekonstruieren – mehr als 230 Menschen, die aus dem Rajon Koschki in den Norden verbannt worden waren. 27 von ihnen wurden erschossen, rund 190 sind bis heute nicht rehabilitiert – sie alle, auch die Kinder, waren nach dem Entkulakisierungsverfahren als „Kulaken“ erfasst. Fast drei Jahrzehnte lang richtete er Anfragen an die Archive des FSB (des Nachfolgers des KGB), des Innenministeriums und der Standesämter. Mit den Jahren wurden die Antworten immer knapper: „Bitte direkte Verwandtschaft nachweisen“, „Angaben nicht erhalten“.

Im Oktober 2023 fertigte Sergej Charjukow eigenhändig aus Lärchenholz ein drei Meter hohes Kreuz mit der Inschrift „Den unschuldig in den Lazaretten des Gulag Umgekommenen“ an. Er stellte es auf dem Friedhof der Siedlung Adscherom in der Republik Komi auf, wo sich einst das Verwaltungszentrum des Gulag-Lagers Loktschimlag befand. Das Kreuz ist Magdalena Mattis (1913–1942) gewidmet, die in der Lagerkrankenstation starb, sowie allen 36 Familien. Eine Gedenktafel mit den Namen dieser Familien brachte er zudem an der Wand der Kirche in Nadeschdino an – dem früheren Mariental.
Das letzte Kreuz: Ein unvollendetes Vermächtnis
Das nächste Gedenkkreuz wollte Sergej Kornejewitsch im Ust-Wymski-Rajon der Republik aufstellen – im Gedenken an die Repressierten, die im Dorf Jag inhaftiert waren und starben; dort war eine Krankenstation des Gulag untergebracht. Die Deutsche National-Kulturelle Autonomie der Republik Komi, die Selbstorganisation der Russlanddeutschen in der Region, richtete ein Schreiben an die Verwaltung der Landgemeinde Gam mit der Bitte, die Aufstellung des Kreuzes in einem künftigen Park zu gestatten.
Die Antwort ließ lange auf sich warten. Doch im September 2025 schien Bewegung in die Sache zu kommen: Die Genehmigung war fast erteilt. Am Tag darauf jedoch folgte ein schroffes Nein – „die Bezirksleitung hat es verboten“.

Sergej Charjukow wird den Tag nicht mehr erleben, an dem das Kreuz auf dem Boden des Ust-Wymski-Rajons stehen wird. „Sergej lebte für dieses Gedenken an seine ermordeten Angehörigen, er hat es bewahrt. So prinzipientreue, beharrliche, im guten Sinne eigensinnige Menschen sind selten geworden“, sagt Jelena Kopp, die Vorsitzende der Deutschen National-Kulturellen Autonomie der Republik Komi.
In den vergangenen Jahren hat die Autonomie bereits Gedenkkreuze in sechs Siedlungen in der Republik Komi errichtet. Das Kreuz in Gam bleibt geplant.
Olga Silantjewa


