
Was früher für viele ungewöhnlich wirkte, wird in russischen Betrieben zunehmend zum Alltag: Frauen sitzen am Steuer schwerer Maschinen, arbeiten mit Schweißgeräten oder übernehmen technische Aufgaben in Industrie und Rohstoffgewinnung. Der russische Arbeitsmarkt erlebt einen Wandel, der weniger mit einer gesellschaftlichen Kampagne als mit einer wirtschaftlichen Notwendigkeit begonnen hat.
Unternehmen finden immer schwerer genügend Arbeitskräfte. Frauen werden damit zu einer wichtigen, bislang teilweise ungenutzten Personalreserve.
Nach Angaben der russischen Jobplattform hh.ru ist die Zahl der Bewerbungen von Frauen für gewerbliche und industrielle Berufe innerhalb von drei Jahren um 91 Prozent gestiegen. Inzwischen liegen rund 585.000 weibliche Lebensläufe für solche Tätigkeiten vor. Besonders häufig bewerben sich Frauen auf Stellen als Schweißerinnen, Dreherinnen, Maschinenführerinnen, Geologinnen, Monteurinnen und Vermessungstechnikerinnen. Allein auf die Kategorie „Hilfsarbeiter“ entfielen 132.000 Bewerbungen von Frauen.
Auch in traditionell männlich geprägten Branchen nimmt der Frauenanteil zu. In der Rohstoffförderung entfallen inzwischen 28 Prozent der Bewerbungen auf Frauen, in der Produktion 22 Prozent, bei gewerblichen Arbeitskräften 19 Prozent und im Baugewerbe 23 Prozent.
Der Arbeitskräftemangel macht Frauen interessant
Der wichtigste Motor dieser Entwicklung ist der akute Personalmangel. Die russische Industrie kämpft seit Jahren mit fehlenden Arbeitskräften. Bis 2030 könnte der Bedarf allein in der verarbeitenden Industrie auf rund vier Millionen zusätzliche Fachkräfte steigen.
Für die Unternehmen bedeutet das: Die bisherigen Recruiting-Strategien reichen nicht mehr aus. Wer früher gezielt Männer für bestimmte Produktionsberufe gesucht hat, spricht heute zunehmend Frauen an. Unternehmen bieten Schulungen an, finanzieren Weiterbildungen und versuchen, Arbeitsplätze besser auf unterschiedliche Beschäftigtengruppen auszurichten.
Auch die Arbeitswelt selbst verändert sich. Moderne Produktionsanlagen sind stärker automatisiert und digitalisiert als noch vor einigen Jahrzehnten. Körperliche Kraft ist längst nicht mehr in allen Berufen die wichtigste Voraussetzung. Häufig kommt es darauf an, Maschinen sicher zu bedienen, digitale Systeme zu verstehen und technische Abläufe zu kontrollieren. Für viele Frauen macht das industrielle Berufe attraktiver.
Zwei Frauen, ein Neustart
Die MDZ sprach mit zwei Frauen, die einen solchen beruflichen Umstieg gewagt haben. Die 32-jährige Jekaterina hat mehrere Jahre in einem Handelsunternehmen im Büro gearbeitet. Irgendwann wollte sie einen beruflichen Neustart.
„Ich hatte das Gefühl, den ganzen Tag nur vor dem Computer zu sitzen und an Besprechungen teilzunehmen. Ich wollte eine Arbeit, bei der man am Ende der Schicht sieht, was man tatsächlich geleistet hat“, erzählt sie.
Nach einer Weiterbildung begann sie als Bedienerin einer Produktionsanlage in einem Unternehmen in Zentralrussland. Der Anfang sei nicht leicht gewesen. Einige Kollegen hätten zunächst bezweifelt, dass sie sich in der Produktion behaupten könne.
„In der ersten Zeit habe ich oft gehört: Warum machst du das? Das ist doch schwere Arbeit. Aber nach ein paar Monaten war das Geschlecht kein Thema mehr. Wenn du deine Arbeit ordentlich machst und die Technik beherrschst, zählt am Ende nur das Ergebnis.“
Auch Marina, 28, hat einen ungewöhnlichen Karriereweg eingeschlagen. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete mehrere Jahre in einer Bank. Dann entschied sie sich für eine technische Ausbildung und wechselte in die Produktion.
„Meine Eltern konnten überhaupt nicht verstehen, warum ich einen ruhigen Bürojob gegen die Arbeit in einem Betrieb eintauschen wollte“, erzählt sie. Ausschlaggebend sei schließlich ein Angebot des Arbeitgebers gewesen: bezahlte Weiterbildung, ein verlässliches Gehalt und eine klare berufliche Perspektive.
Die größte Herausforderung sei nicht die Technik gewesen, sondern der Umgang mit Vorurteilen. „Ich hatte am Anfang das Gefühl, ständig beweisen zu müssen, dass ich das kann. Wenn ein Mann einen Fehler macht, ist es ein normaler Fehler. Bei einer Frau wird schnell gefragt, ob sie für den Beruf überhaupt geeignet ist.“ Inzwischen fühlt sich Marina in ihrem Beruf angekommen.
Vom Büro in die Werkhalle
Dass Frauen nicht nur einfache Hilfstätigkeiten übernehmen, zeigt sich auch an den Bewerbungszahlen für technische Berufe. Immer häufiger finden sich in den Lebensläufen von Frauen Ausbildungen und Berufswünsche, die lange fast ausschließlich Männern vorbehalten waren.
Dabei geht es nicht nur darum, einen Arbeitsplatz zu finden. Für viele Frauen ist eine gewerbliche Ausbildung ein Weg zu einem sicheren Einkommen und einer langfristigen beruflichen Perspektive.
Auch rechtliche Veränderungen haben dazu beigetragen. Russland hat die Liste der Berufe, die Frauen aus Sicherheits- und Arbeitsschutzgründen nicht ausüben durften, in den vergangenen Jahren deutlich verkürzt. Damit wurden zahlreiche Tätigkeiten für Frauen formal zugänglich.
Die gesellschaftlichen Vorurteile verschwinden allerdings langsamer. Produktion und Handwerk werden noch immer häufig mit körperlich harter Arbeit und einer männlich dominierten Unternehmenskultur verbunden. Viele Frauen entscheiden sich deshalb erst dann für einen solchen Beruf, wenn sie einen konkreten Betrieb und dessen Arbeitsbedingungen kennengelernt haben.
Höhere Löhne als Treiber
Ein weiterer Faktor ist das Einkommen. Unternehmen konkurrieren um Fachkräfte und müssen deshalb ihre Gehaltsangebote verbessern. Nach Angaben von hh.ru sind die angebotenen Gehälter im Produktionsbereich innerhalb von zwei Jahren um rund 40 Prozent gestiegen.
Für Frauen kann eine gewerbliche Qualifikation damit eine attraktive Alternative zu klassischen Büroberufen sein. Sie ermöglicht einen vergleichsweise schnellen Einstieg in einen gefragten Beruf und bietet zugleich die Chance, sich innerhalb eines Unternehmens weiterzuentwickeln.
Von vollständiger Gleichstellung kann allerdings noch keine Rede sein. Der Gender-Pay-Gap ist auch in den industriellen Berufen deutlich. In einigen Branchen verdienen Frauen weiterhin erheblich weniger als ihre männlichen Kollegen.
Trotzdem verändert sich die Perspektive. Eine Tätigkeit in der Produktion wird für immer mehr Frauen nicht mehr als Zwischenlösung gesehen, sondern als eigenständiger Karriereweg.
Ein Wandel, der bleiben könnte
Der zunehmende Anteil von Frauen in gewerblichen Berufen ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungen: Unternehmen suchen dringend Personal, Frauen sind bereit, neue berufliche Wege einzuschlagen, und die Arbeitsplätze selbst verändern sich durch Automatisierung und Digitalisierung.
Für die Arbeitgeber bedeutet das, dass sie ihre Personalpolitik anpassen müssen. Weiterbildung, Mentoring, sichere Arbeitsbedingungen und transparente Aufstiegsmöglichkeiten werden wichtiger.
Der Anstieg der weiblichen Bewerbungen um 91 Prozent ist mehr als eine Zahl aus einer Arbeitsmarktstatistik: Er zeigt, wie stark der Fachkräftemangel die Grenzen zwischen traditionellen „Männer-“ und „Frauenberufen“ verschiebt.
Viktoria Nedaschkowskaja


