
Was zwischen dem Klick und der Benachrichtigung „abholbereit“ geschieht, bleibt meist unsichtbar. Dabei ist nur der Klick digital. Die Ware selbst liegt nicht in der Cloud. Sie steht in einem Hochregal, fährt über ein Förderband und legt im Lastwagen einen ziemlich analogen Weg zurück. Für einen Einkauf, der sich auf dem Bildschirm fast schwerelos anfühlt, ist erstaunlich viel Beton und Bewegung nötig.
Nach den jüngsten Angriffen auf mehrere Logistikzentren von Wildberries mussten einzelne Standorte ihre Arbeit zeitweise unterbrechen. Damit rückte eine Frage in den Blick, die im normalen Einkaufsalltag kaum eine Rolle spielt: Was geschieht mit einem Handelssystem, wenn nicht die App ausfällt, sondern der Ort dahinter?
Ein Netz, das fast alles trägt
Diese Frage betrifft längst mehr als ein einzelnes Unternehmen. Nach Angaben von Data Insight entfielen 2025 bereits 81 Prozent aller russischen Onlinebestellungen auf Marktplätze. Wildberries nähert sich nach eigenen Angaben der Marke von 100 000 Abholpunkten und kann täglich mehr als 20 Millionen Bestellungen abwickeln.
Selbst für Orte mit weniger als 5000 Einwohnern bietet Wildberries vereinfachte Abholpunkte an, die in einem bestehenden Geschäft oder sogar in einem Privathaus untergebracht werden können.
Das Paradox der Größe: Abhängigkeit und Reserve zugleich
Gerade deshalb reichen die Folgen eines Lagerausfalls weit über das beschädigte Gebäude hinaus. In einer Halle liegt die Ware vieler Verkäufer. Für kleinere Unternehmen kann dieser Bestand einen erheblichen Teil des gebundenen Kapitals ausmachen. Geht er verloren oder bleibt über längere Zeit unerreichbar, fehlen nicht nur Pakete, sondern Einnahmen und finanzieller Spielraum.
Für das Netz als Ganzes sieht die Rechnung jedoch anders aus. Ein Unternehmen, dessen Versand an nur einem Lager hängt, ist nach einem schweren Schaden schnell vollständig handlungsunfähig. Ein über viele Regionen verteiltes Logistiknetz kann Lieferwege ändern und auf andere Standorte ausweichen. Wildberries erklärte nach den ersten Unterbrechungen, seine Abläufe entsprechend angepasst zu haben. Das Logistikzentrum im tambowschen Kotowsk nahm bereits am 23. Juli wieder Lieferungen an.
Genau darin liegt das Paradox: Weil das Netz so groß ist, trifft ein Ausfall viele. Weil es so groß ist, kann es aber auch an anderer Stelle weiterarbeiten. Die Größe der Marktplätze schafft also Abhängigkeit und zugleich die Reserve, einzelne Störungen aufzufangen.
Zurück ins Einkaufszentrum? Keine Option
Die Fähigkeit, intern auszuweichen, ist umso wichtiger, weil außerhalb der großen Plattformen kaum kurzfristig Ersatz bereitsteht. Nach einer Prognose der Analysegesellschaft Euler könnten Wildberries und Ozon 2026 zusammen 77 Prozent des Branchenumsatzes erreichen. Diese Nachfrage ließe sich nicht einfach zurück in die Einkaufszentren verlagern. Ein paar Dutzend Millionen zusätzliche Kunden lassen sich schließlich nicht zwischen Rolltreppe und Surf Coffee unterbringen – von ihren Bestellungen ganz zu schweigen. Und selbst wenn sich dafür irgendwo noch Platz fände, wäre damit der gewohnte Komfort des Onlinekaufs nicht von heute auf morgen ersetzt.
Besonders deutlich wird das außerhalb der großen Städte. Ein Abholpunkt ersetzt dort nicht jedes Geschäft, macht aber Waren erreichbar, für die der nächste passende Laden weit entfernt wäre. Der Branchenverband AKIT weist darauf hin, dass der Onlineanteil am Einzelhandel gerade in Regionen mit schwächer entwickeltem stationärem Handel deutlich über dem landesweiten Durchschnitt liegt. Dort ist der Marktplatz nicht nur bequem. Er schließt eine ganz praktische Lücke.
Wie widerstandsfähig der Onlinehandel gegenüber Offline-Erschütterungen ist, versuchen wir schon seit mehr als einer Woche zu ergründen.
Sabrina Borger


