Sowjetische Kunst der 80er: Rebellion im Garage

Das Projekt „Kunst in den 1980er-Jahren“ widmet sich dem Zusammenspiel von Kunst und Massenkultur in der spätsowjetischen Zeit. Das war die Zeit, in der Künstler, Musiker, Filmemacher endlich aus ihren Wohnungen in den öffentlichen Raum traten und die Grenzen zwischen offizieller und inoffizieller Kunst verwischt wurden.

Papierflieger als interaktives Element, das die Besucher in einen Dialog einbezieht. (Foto: Anna Braschnikowa)

Die Idee des Projekts basiert auf dem Konzept der „langen 1980er-Jahre“. Das bedeutet, die Kuratoren laden die Besucher ein, die Zeit von Mitte der 1970er- bis Anfang der 1990er-Jahre zu erkunden. Daher beginnen die Achtziger im Garage-Museum nicht nach dem offiziellen Kalender, sondern fast unmittelbar nach einem der bekanntesten und wichtigsten öffentlichen Ereignisse der inoffiziellen Kunst in der Sowjetunion: der legendären „Bulldozer-Ausstellung“ von 1974. Nachdem die Miliz die Künstler, die ihre Werke auf einer Brachfläche im Moskauer Stadtteil Beljajewo ausstellen wollten, auseinandergetrieben hatte, kam es zu einem internationalen Skandal. Dies hatte Auswirkungen auf die sowjetische Kulturpolitik: Man beschloss, den Nonkonformisten legale Ausstellungsmöglichkeiten zu gewähren. Daraufhin durften die Künstler eine Freiluftausstellung im Ismailowo-Park und später auf dem Gelände der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft (WDNCh) durchführen.

Kunst zwischen Zensur und Freiheit: Die legendären Aktionen

Den Auftakt des Projekts „Kunst in den 1980er-Jahren“ bildet die Rekonstruktion der Aktion „Das Ausbrüten des Geistes“ aus einer Ausstellung Moskauer Künstler im Pavillon „Haus der Kultur“ auf dem Gelände der WDNCh. Im Jahr 1975 wurde sie von den Künstlern der sogenannten Nest-Gruppe durchgeführt: Gennadij Donskoj, Michail Roschal-Fedorow und Viktor Skersis. In ein riesiges Nest aus Stroh und Zweigen legten sie ein Ei. Die Zuschauer wurden eingeladen, es auszubrüten. Die Idee gefiel der Zensurkommission damals gar nicht. Man versuchte, das Nest zu entfernen, doch andere Teilnehmer der Ausstellung zeigten sich solidarisch und drohten, ihre Arbeiten abzuhängen. Daraufhin zogen sich die Funktionäre zurück. Die Ausstellung zeigt eine Rekonstruktion des Nestes. Die heutige Zensur lässt es gnädig durchgehen. Jeder Besucher kann sich hier hinsetzen und versuchen, den Geist der reinen Kunst „auszubrüten“.

Aktion „Aufblühen des Geistes“. Die Gäste werden eingeladen, ein Ei auszubrüten. (Foto: Anna Braschnikowa)

Nicht weniger interessant ist die Rekonstruktion der Installation „Küchenkunst“ (Kitchen Art) von Natalia Abalakowa und Anatoli Schigalow. Darin wurden Haushaltsgegenstände zu Symbolen: ein Gasherd (mit der Aufschrift „Duchowka“), ein Küchentisch mit einem Vorhang (Aufschrift „Sakralowka“) und ein Schrank für den Mülleimer („Netlenka“).

So schufen die Künstler ein symbolisch-realistisches Bild der inoffiziellen Kunst dieser Zeit. „Duchowka“ – ein Wortspiel, das an „Duchownost“ (Spiritualität) und den Ofen erinnert – bildete zusammen mit dem Unvergänglichen („Netlenka“) und dem Sakralen („Sakralowka“) eine ironische Anspielung auf das Vokabular der Schöpfer und Kritiker jener Zeit.

Sowjetische Kunst
Installation „Kitchen Art“, 1983   (Foto: Anna Braschnikowa)

Kino, Rock und der Geist der Achtziger

Ein Symbol der achtziger Jahre war der Film „Assa“ von Sergej Solowjow, ein Bruch mit den Traditionen der Väter. In Moskau entstand sein Kino, dessen wichtigste Protagonisten die Brüder Aleinikow waren.

Die Musikszene wurde zu dieser Zeit zu einer der wichtigsten Plattformen der Generation. In „Assa“ trat die Gruppe „Kino“ auf, und es erklangen Lieder aus dem Leningrader Rockclub. Viele Künstler, die nicht einmal Instrumente spielen konnten, wollten Rockstars sein. So entstand die Simulationsband „Mittelrussische Platte“.

Die sowjetischen 1980er-Jahre waren die Zeit reiner, zweckfreier Kunst. Der Kunstmarkt steckte noch in den Kinderschuhen, viele Künstler befanden sich im Untergrund und arbeiteten aus reiner Leidenschaft, ohne Aussicht auf kommerziellen Erfolg. Alle kreativen Menschen waren Teil eines großen künstlerischen Prozesses, ohne sich streng in Schubladen wie „Ich bin Künstler“ und „Ich bin Musiker“ stecken zu lassen. Diese einzigartige Zeit endete größtenteils erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Bis zum 23. September 2026.

Anna Braschnikowa

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