Dubna: Mehr als nur Wissenschaft

130 Kilometer nördlich von Moskau liegt Dubna, die Hauptstadt der russischen Kernphysik. Touristen kommen jedoch nicht nur wegen der Atmosphäre des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts hierher, sondern auch, um die Weiten des Moskaukanals und die Denkmäler des sowjetischen Modernismus zu bewundern und das Flair einer Kurstadt zu genießen.

Dubna – die einzige Stadt im Moskauer Gebiet, die unmittelbar an der Wolga gelegen ist. (Foto: Viktor Spakow)

Bei einem Ausflug nach Dubna findet man nicht das übliche touristische Angebot kleiner russischer Städte vor: keine ehemaligen Adelssitze, Kirchen, Einkaufspassagen oder Klöster. Und das, obwohl Dubna bereits im 12. Jahrhundert an einer scharfen Linkskurve der Wolga entstand. Wirklich bekannt wurde die Stadt jedoch in der Sowjetzeit – als größtes Forschungszentrum im Bereich der Kernphysik. Im Jahr 2001 wurde Dubna dann der Status einer Wissenschaftsstadt verliehen.

Die wichtigste geografische Besonderheit Dubnas ist, dass die Stadt auf einer Insel liegt. Westlich davon erstreckt sich das sogenannte Moskauer Meer – der Iwankowoer Stausee und der Moskaukanal. Im Osten verläuft die Dubna, im Süden ihr Nebenfluss, die Sestra. Mitten durch das Stadtgebiet zieht sich zudem die Wolga, die die Stadt in zwei Hälften teilt. Dies prägte auch das Stadtbild. „In Dubna gibt es eine wunderschöne Promenade, und wenn man sie entlangschlendert, hat man das Gefühl, in einem Ferienort angekommen zu sein: die Wolga, Kiefern und eine niedrige, entspannte Bebauung. Auch das historische Stadtzentrum aus der Mitte des 20. Jahrhunderts besteht aus einer von Kiefern umgebenen, flachen Bebauung“, sagt Denis Romodin, Experte für das Moskau der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Romodin ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Moskauer Stadtmuseums und Leiter von dessen Filiale, des Museums „Sadowoje Kolzo“ (Gartenring).

In menschlichem Maßstab

Die besten Orte, um sich mit der Architektur Dubnas vertraut zu machen, sind die historischen Flachbauten in der Lesnaja-Straße sowie in der Fljorow- und der Joliot-Curie-Straße. Niedrige Häuser in den breiten Straßen sind mit Erkern, Säulen, Terrassen und Giebeln verziert. Die Innenhöfe sind in üppiges Grün getaucht. Diese Viertel inmitten eines Kiefernwaldes sind Gartenstädte im Miniaturformat. So sah das ideale Wohnumfeld nach den Vorstellungen der Mitte des letzten Jahrhunderts aus. Eine Bebauung in menschlichem Maßstab, die Möglichkeit, zu Fuß zur Arbeit zu gehen oder mit dem Fahrrad durch eine angenehme und freundliche Umgebung zu fahren, eine Stadt in der Natur und nicht getrennt von ihr. Diese an der Schwelle der 1940er und 1950er Jahre errichteten Doppelhaushälften mit eigenem Grundstück waren für die wissenschaftliche Elite bestimmt.

Die Häuser in der Lesnaja-Straße gelten als Markenzeichen der Architektur Dubnas aus den 1950er Jahren. (Foto: Viktor Spakow)

Nicht weniger interessant ist das „Dreißiger“-Viertel, das nach der Nummer des dortigen Flugzeugwerks benannt wurde. In der Nachkriegszeit lebten dort in kleinen „Finnenhäusern“ deutsche Ingenieure und Arbeiter der Firmen Junkers und Siebel, die in die Sowjetunion verbracht worden waren. In Dubna wurden eigens für sie zwei Konstruktionsbüros eingerichtet.

Russischer Teilchenbeschleuniger

Die Stadt Dubna verdankt ihr Wachstum im 20. Jahrhundert vor allem der Gründung und dem Ausbau des Vereinigten Instituts für Kernforschung (russisch: OIJaI). Am 10. April 1957 wurde in Dubna der weltweit erste Teilchenbeschleuniger in Betrieb genommen, der Vorläufer des Hadronen-Colliders. Das Gebäude, in dem er untergebracht ist, wurde zum Wahrzeichen des OIJaI. Es wurde nach den Prinzipien des Funktionalismus erbaut, wobei die Form seine Bestimmung spiegelt. Den größten Teil des Gebäudes nimmt der Magnetring ein, daher auch die architektonische Lösung: Es wurde in Form eines Zylinders erbaut. Die Fassade zieren klassische Elemente, Pilaster und eine Kuppel. Mehr über das Synchrophasotron selbst und die mit seiner Hilfe gemachten Entdeckungen erfährt man im OIJaI-Museum. Das historische Synchrophasotron kann man leider nicht mehr besichtigen. Es wurde demontiert und durch einen neuen, modernen Beschleuniger ersetzt.

Treffpunkte der wissenschaftlichen Intelligenz

Ein weiteres wunderschönes Beispiel für die Architektur der Mitte der 1950er-Jahren ist der Kulturpalast „Mir“: Symmetrie, eine schlichte, mit Stuck verzierte Fassade und ein Portikus mit sechs Säulen und einem dreieckigen Giebel. „Mir“ ist von gemütlichen Alleen umgeben, auf denen man beim Spazierengehen die Mosaiktafeln der russisch-französischen Künstlerin Nadia Léger bewundern kann, die große Persönlichkeiten der heimischen Kultur darstellen. Die kleine Allee vor dem Gebäude ist nach dem sowjetischen Dichter, Schauspieler und Musiker Wladimir Wyssozki benannt, der mehrfach in diesem Gebäude auftrat. Hier steht auch ein Denkmal für ihn. „In der Nähe des Kulturpalasts ,Mir‘ entsteht das Gefühl, sich in einem Vorort und nicht in der Stadt zu befinden. Selbst die modernistische Architektur in diesem Teil der Stadt erinnert eher an einen Kurort“, sagt Denis Romodin.

In der Phase des rasanten Wachstums des Instituts für Kernforschung benötigte die Stadt ein modernes Kongresszentrum für Veranstaltungen mit ausländischen Gästen. 1983 wurde das Haus für internationale Konferenzen eröffnet. Auch dieses Gebäude wurde – wie das OIJaI – im Stil des sowjetischen Modernismus errichtet. Mit seinen Sichtbetonflächen, klaren Linien und der bandförmigen Verglasung fügt es sich prägnant in das Stadtbild ein. Es ist heute, ebenso wie die OIJaI-Bibliothek, ein wichtiger kultureller Treffpunkt der Stadt.

Der Moskaukanal

Eine besondere Sehenswürdigkeit in Dubna sind die Anlagen des Moskaukanals mit dem monumentalen Lenin-Denkmal. Der Moskaukanal ist mit einer Länge von 128 Kilometern eines der größten Wasserbauwerke der Welt. Er deckt etwa 60 Prozent des Bedarfs der Stadt Moskau an Trink- und Brauchwasser. Das Wasserkraftwerk Iwankowo in Dubna, eines von sieben am Kanal errichteten Kraftwerken, wurde 1937 in Betrieb genommen. Zu seinen Hauptaufgaben gehört nicht nur die Stromerzeugung, sondern auch die Aufrechterhaltung eines optimalen Wasserstands im Moskaukanal. Der Damm beeindruckt durch seine Größe, das Verwaltungsgebäude des Wasserkraftwerks Iwankowo durch sein Äußeres. Klare Geometrie, strenge Linien, ein majestätischer Bogen, ein mit Granitverkleidung verzierter Sockel – das gesamte Erscheinungsbild unterstreicht die Monumentalität und Zuverlässigkeit des Bauwerks.

Ein Bonus bei der Besichtigung des Wasserkraftwerks Iwankowo ist ein Spaziergang entlang der Uferpromenade. Dort kann man nicht nur das Panorama der Wolga bewundern, sondern auch das zweitgrößte Lenin-Denkmal der Welt. Seine Höhe beträgt 37 Meter, einschließlich Sockel. Das Denkmal wurde direkt am Wasser aufgestellt, sodass sich die beste Aussicht vom Deck eines Passagierschiffs aus bietet. Am gegenüberliegenden Ufer sieht man einen leeren Sockel. Dort stand bis 1962 ein Stalin-Denkmal in gleicher Größe. Heute ist dies einer der gemütlichen Erholungsorte für Einwohner und Gäste der Stadt.

Anna Braschnikowa

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