Kuchen vom Balkon: Wie ein Kochprojekt viral ging

In diesem Sommer ging in den sozialen Netzwerken ein Video viral, das zeigte, wie auf einem Moskauer Balkon ein Café mit Kirschkuchen entstand. Der Autor des Videos, Petr Martjuk, machte sich damit über die Warteschlangen vor den angesagten Moskauer Lokalen lustig, in denen es nicht einmal Tische gibt, sondern nur Ausgabefenster.

Lieferung eines Kirschkuchens aus dem 5. Stock; die Kuchen hat Petrs Freundin gebacken (Quelle: @petyaetoya)

Das Lokal heißt „Balkan“, was eine Anspielung auf den Begriff „Balkon“ ist, und befindet sich am Leningrader Prospekt 66. Petr Martjuk bezeichnet das Projekt als „das nischigste Café Moskaus“. Er hat „Balkan“ als Scherz über die Vorliebe der Moskauer für trendige Lokale ohne Sitzplätze, mit kleiner Speisekarte, seltsamen Öffnungszeiten, Warteschlangen und schnell vergriffenen Speisen ins Leben gerufen.

Zwei Tage, sechs Kuchen und eine Menge Wirbel

In Martjuks Lokal werden diese Elemente bis ins Absurde getrieben: Auf der Speisekarte stehen nur zwei Angebote – ein Kirschkuchen nach dem Vorbild von „Twin Peaks“ und schwarzer Kaffee –, und die Öffnungszeiten richten sich ganz nach dem Belieben des Gründers und gelten so lange, bis die Kuchen aufgebraucht sind.

Allerdings war das Café nur zwei Tage lang geöffnet – im Backofen zu Hause ist es gar nicht so einfach, viele Kuchen zu backen, und es gab ziemlich viele, die sie probieren wollten. Die Kuchen konnten per SMS bestellt werden, und Petr ließ die fertigen Bestellungen an einem Seil vom fünften Stock herunter. „Ich war darauf vorbereitet, dass niemand kommen würde, deshalb war ich sogar überrascht, als ich die erste SMS mit einer Bestellung erhielt. An diesem Tag verkauften wir 20 Portionen Kuchen, und außerdem berichteten die Medien und Telegram-Kanäle sofort über meine Idee. Die zweite Eröffnung des Cafés fand am 4. Juli statt, und darauf bereitete ich mich schon ernsthafter vor. Ich habe mir ein Unterhaltungsprogramm ausgedacht, damit sich die Leute in der Schlange nicht langweilen, Merchandise mit dem Logo des Cafés drucken lassen und neue Becher gekauft. In die Vorbereitungen habe ich 20.000 Rubel investiert“, schrieb Petr in einer Kolumne für die Webseite „T-Business Secrets“.  Am Ende verkaufte das „Café“ am zweiten Betriebstag sechs Kuchen, die Kosten wurden gedeckt und es gab sogar einen kleinen Gewinn. Ein Stück Kuchen kostete 450 Rubel, ein Becher Kaffee ebenfalls.

Die Moskauer nahmen die Idee begeistert auf. Am zweiten Tag des Cafébetriebs kamen etwa 30 Menschen unter den Balkon. Den Videos in den sozialen Netzwerken nach zu urteilen, verhielten sie sich ruhig und geduldig, obwohl nicht jeder einen Kuchen abbekam. Leider musste Petr aufgrund von Beschwerden der Nachbarn „Balkan“ schließen. „Balkan“ ist für mich eher ein Medienprojekt: Ich plane, nicht mit dem Produkt selbst Geld zu verdienen, sondern mit dem Publikum, das ich dank dieser kreativen Idee gewinnen konnte“, erklärt Petr gegenüber „T-Business Secrets“. 

Petr verspricht jedoch, das Projekt im August in einem anderen Format wieder aufzunehmen, verrät aber noch nicht, in welchem.

Vom Balkon aus: Nachahmer und neue Ideen

Unter dem Video, in dem Petr über die Beschwerden seiner Nachbarn berichtete, hinterließen die Zuschauer zahlreiche unterstützende Kommentare. Der beliebteste Kommentar erhielt mehr als 2.000 Likes: „Die Nachbarn sind neidische Hater.“ Doch das Wichtigste ist: Dutzende Menschen begannen sofort, ihre eigenen Balkone anzubieten. Manche laden ihn an die „Tschisty Prudy“ ein, andere in den „Gazetny pereulok“, andere bieten eine Wohnung in der Nähe des Arbats an. Vielleicht entsteht Petrs neues Projekt ja in einem der Häuser an diesen Adressen.

Es muss gesagt werden, dass die Idee, Essen vom Balkon aus zu verkaufen, Nachahmer gefunden hat. So eröffnete Ruslan Pawlischin in Sankt Petersburg auf seinem Balkon das „Tiramisu-Café“. Auch dieses war nur ein paar Tage in Betrieb, bevor es aufgrund von Beschwerden der Nachbarn geschlossen werden musste. Derzeit sucht Ruslan nach einem neuen Balkon für sein Café.

Ljubawa Winokurowa

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