Unter der Kuppel

In Moskau wurde der neue Kul­turort „TON-Zentrum“ eröffnet, der sich in der Nähe der Bahnhöfe befindet. Das ehemalige Dampflokdepot wurde zu einem multifunktionalen Ausstellungsraum sowie zu einem Konzert- und Theaterort umgestaltet.

Das TON-Zentrum befindet sich im Gebäude des Runddepots aus dem Jahr 1851. /AGN Moskwa/Jaroslaw Tschingaew

Wenn Sie schon einmal auf dem Komsomolskaja-Platz waren, der im Volksmund als „Platz der drei Bahnhöfe“ bekannt ist, dann wissen Sie, was für ein ungemütlicher, lauter Ort das ist. Man möchte am liebsten sofort von dort fliehen, und außerdem verliert man sich dort leicht. Jetzt wird es wohl etwas anders werden.

Neben den Zügen

Das Kulturzentrum „TON-Zentrum“ wurde unweit des Leningrader Bahnhofs eröffnet. Man muss parallel zu den Bahngleisen gehen; entlang der Route zum Zentrum sind Wegweiser aufgestellt, sodass man sich unmöglich verlaufen kann. Endpunkt der Route ist das rote, runde Depot – ein Kulturerbe. Es wurde 1851 nach einem Entwurf des Architekten Konstantin Ton erbaut.

Ton wurde in Sankt Petersburg als Sohn eines deutschen Juweliers geboren. Er erhielt eine hervorragende Ausbildung an der Kaiserlichen Akademie der Künste. Nach seinem Abschluss an der Akademie und einem Studienaufenthalt in Europa, wo er antike Denkmäler und Meisterwerke der Renaissance studierte, kehrte Ton nach Russland zurück und wurde zum Chefarchitekten der Regierungszeit Nikolaus’ I.

Konstantin Ton, der Schöpfer der Christ-Erlöser-Kathedrale und des Großen Kremlpalasts, entwarf auch den Leningrader Bahnhof (ehemals Petersburger, später Nikolaewski) in Moskau sowie den Moskauer Bahnhof in Sankt Petersburg. Das Runddepot wurde zeitgleich mit der Nikolaewski-Eisenbahnstrecke gebaut, welche Moskau und Sankt Petersburg verband. Insgesamt wurden auf dieser Strecke neun Ringdepots errichtet. Das Moskauer Depot ist jedoch das einzige, das nach einem individuellen Entwurf in idealer Kreisform gebaut wurde. Im Depot befand sich ein Wendekreis, der die Dampflok wendete und zum gewünschten Abstellplatz leitete. Diese Anordnung ermöglichte es, Platz zu sparen und auf lange Ausfahrtsgleise zu verzichten.

Ein weiterer Vorteil des Depots war und ist die Kuppel, die den Wendeplatz vor Schnee und Regen schützte. Der Zahn der Zeit hat diesem architektonischen Bauwerk nicht gut getan. Es wurde bereits mehrmals von verschiedenen Behörden umgebaut; bis vor Kurzem befand sich darin ein Markt. Im Jahr 2011 wurde versucht, das Gebäude von der Denkmalliste zu streichen. Im Jahr 2013 wurden neun der 22 historischen Abschnitte im Zuge der Verbreiterung der Gleise abgerissen. Das Gebäude verlor seine Kuppel und den Wendekreis. Damals gelang es der Öffentlichkeit, das Depot zu retten. Nach der Sanierung wurde dort die private Kultureinrichtung „Ton-Zentrum“ eröffnet.

Der flexible Raum

Der Name spielt sowohl auf den Nachnamen des Architekten als auch auf die Bestimmung des Ortes an: Hier existieren zeitgenössische Musik und Kunst nebeneinander. Im Inneren ist der Raum in zwei Bereiche unterteilt: einen Ausstellungs- und einen Konzertbereich. Derzeit findet im Foyer die Ausstellung „Temporäre Konstruktionen“ statt. Hier werden Werke der Künstler Lena Solowjowa und Dmitri Zapylichin präsentiert. Lena hat das Gelände vor dem Bahnhof fotografiert und die Bilder auf Baumaterialien gedruckt. Dmitri Zapylichin hat seine Skulpturen zur Verfügung gestellt – selbstgebaute Metallmechanismen, die zwar keinen praktischen Zweck erfüllen, aber ihren eigenen Rhythmus haben. Zu den weiteren interessanten Exponaten der Ausstellung gehören Objekte aus der Sammlung des Heimatforschers Jewgeni Petrow. Er sammelt Gegenstände, die mit der Eisenbahn in Verbindung stehen. So sind in der Ausstellung beispielsweise alte gusseiserne „Rauchen verboten“-Schilder, Dampflokpfeifen, eine Laterne und ein Absperrhahn zu sehen.

Der Konzertsaal ist durch Theater­vorhänge von den Besuchern getrennt. Wer hinter den Vorhang blickt, sieht dort einen recht geräumigen, runden Saal mit einer Drehbühne und darüber eine Kuppel. „Alle sind von diesem Raum begeistert: Er zieht an, lockt und lenkt die Gedanken. Er erinnert zugleich an das Pantheon, an einen Zirkus und an einen Tempelraum. Die tempelhafte Akustik zieht viele Künstler an: A-cappella-Gesang wird hier fantastisch klingen“, sagte Katja Bo­tschavar, künstlerische Leiterin des TON-Zentrums, bei der Eröffnung.

Die Kuppel des Depots erzeugt eine besondere Akustik/AGN Moskwa/Jaroslaw Tschingaew

Im August findet hier die Opern­ausstellung von Andrej Bartenev „Die Hochzeitsfreude – mit einer vertauschten Braut und anderen Zwischenfällen“ statt. Es handelt sich um eine märchenhafte Inszenierung, in der es keine Schauspieler gibt, sondern nur Schaufensterpuppen. Das Libretto stammt von der beliebten Schriftstellerin Jewgenija Nekrasowa, die Musik vom Komponisten Wladimir Rannew. Zu den weiteren vielbeachteten Musikpremieren gehört ein Auftritt von Teodor Currentzis mit einem neuen Werk, der jedoch erst für Ende des Jahres geplant ist.

Ljubawa Winokurowa

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