Tretjakow-Galerie: Es blüht und duftet überall

In der Staatlichen Tretjakow-Galerie findet derzeit eine maximal sommerliche Ausstellung statt – „Blumen. Symbol der Schönheit“. Gezeigt werden 150 Werke von Künstlern aus der zweiten Hälfte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, vereint durch ein einfaches Thema – Blumen.

Die Blumenskulpturen von Walentina Kusnezowa (Foto: AGN Moskwa)

An einem Wochentag drängen sich die Menschen im Gebäude der Tretjakow-Galerie am Kadaschow-Ufer – in einem nicht abreißenden Strom kommen sie, um die Ausstellung „Blumen. Symbol der Schönheit“ zu sehen. Schon jetzt lässt sich sagen: Diese Ausstellung ist ein unbestrittener Erfolg, wenn auch eher ein kommerzieller als ein künstlerischer.

„Blumen. Symbol der Schönheit“ ist das erste Projekt der neuen Direktorin der Tretjakow-Galerie, Olga Galaktionowa. Angekündigt wurde die Ausstellung noch von der früheren Direktorin Jelena Pronitschewa, umgesetzt hat sie jedoch bereits Galaktionowa. Die gesamte Schau ist floralen Motiven in der russischen Malerei des Silbernen Zeitalters und der Avantgarde gewidmet. Eine komplexe Konzeption oder eine besondere kuratorische Idee sucht man hier vergebens. Die Besucher bekommen zu  sehen, wie sich das Blumenthema in Landschaft, Stillleben und Porträt entwickelt hat.

Blumen in allen Formen und Größen

Die Ausstellung selbst ist wie eine Blume angelegt – im Zentrum werden Werke von Lewitan, Kuwschinikowa (der Geliebten Lewitans), Wasnezow und Kramskoj präsentiert, und von dort gehen wie Blütenblätter die Säle ab, in denen die Arbeiten thematisch angeordnet sind.

Der erste Saal ist dem Stillleben gewidmet. In der russischen Kunst erlebte die Gattung des Blumenstilllebens ihre Blütezeit Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Am zahlreichsten sind in diesem Saal die Gemälde Konstantin Korowins vertreten. Seine Blume schlechthin ist die Rose. Rosen wuchsen in seiner Datscha auf der Krim, wo er sich für längere Zeit aufhielt. Die berühmten üppigen Rosen von Gursuf gedeihen dort bis heute.

„Mein wichtigstes, mein einziges, mein unablässig verfolgtes Ziel in der Malkunst war stets die Schönheit, die ästhetische Wirkung auf den Betrachter, der Zauber von Farben und Form“, schrieb Korowin. Und tatsächlich: Auf Korowins Bildern ist alles schön – die Blumen, die Frauen, die Korridore und Säle der Herrenhäuser. Korowin wollte, dass seine Farben wie Musik klingen, und erfand die Gattung des „Nocturne“. Auch dies ist einer der thematischen Bereiche der Ausstellung.

Hier wird das Blumenthema zur Kulisse für stärker erzählerische Bilder – etwa für die Darstellung der Töchter Fjodor Schaljapins (er war mit dem großen Sänger eng befreundet) oder für die Beschwörung einer Stimmung, die an eine alte Romanze erinnert.

Blumen werden häufig Teil des Ornaments. In dem Saal, der schlicht „Ornament“ heißt, sind Entwürfe von Jelena Polenowa für verschiedene Interieur-Arbeiten sowie für Illustrationen nach Motiven russischer Märchen zu sehen. Hier werden auch Schamotte-Skulpturen von Walentina Kusnezowa gezeigt. Sie ist unsere Zeitgenossin und arbeitet im Genre der naiven Skulptur.

Die Ausstellung „Blumen. Symbol der Schönheit“ in der Tretjakow-Galerie (Foto: Wassilij Kusmitschonok/AGN Moskwa)

Ein wahrer Volkserfolg

In jedem der sieben Säle blicken den Besuchern Blumen in allen Formen und Größen entgegen: Löwenzahn, Flieder, Sumpfdotterblumen, Rosen, Lilien, Phlox und sogar Feigenbäume. Die Besucher tauschen sich aus: „Wie hat man nur solch prachtvolle Feigenbäume heranziehen können?“ Ich muss sagen, dass ich die Ausstellung zu einer Zeit besuchte (wohl eher zufällig), während der mich Damen im fortgeschrittenen Alter umgaben und ein einzelner Mann mittleren Alters im Hawaiihemd. Sie alle lasen die Namen der Künstler und die Titel der Bilder halblaut vor, als wollten sie sich diese auf der Zunge zergehen lassen oder einprägen.

Ja, die Ausstellung hat keine tiefgründige Idee. Sie erfreut mit schönen, leuchtenden Blumen und klangvollen Künstlernamen: Gontscharowa, Kontschalowski, Udalzowa, Grabar. Manches wurde aus den eigenen Depots geholt, manches von anderen Museen ausgeliehen. Kinder fühlen sich in der Ausstellung wohl – sie erkunden mit Vergnügen die Welt der Natur, sei sie auch künstlerisch dargestellt.Hier lassen sich sehr angenehm eine bis anderthalb Stunden verbringen – als könnte man die Malerei regelrecht einatmen.

Und danach möchte man die Tretjakow-Galerie am liebsten mit Blumen verlassen. Man kann im Museumsshop vorbeischauen und einen Armvoll gehäkelter Blumen kaufen – die übrigens sehr reizend, aber auch recht teuer sind. Oder doch lieber in einen Blumenladen gehen und sich einen Strauß Pfingstrosen gönnen – in Moskau ist jetzt genau ihre Saison.

Bis zum 18. Oktober 2026.

Ljubawa Winokurowa

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