
Es gibt kaum eine Publikation in Russland, die dem Sieg der AfD nicht wenigstens ein paar Sätze gewidmet hätte. Allerdings wurde der vielerorts durchaus erwartete Triumph der Blauen in Magdeburg eher als Anlass genommen, um über die Tiefe des Falls der Schwarzen zu berichten. Das lässt sich auch in den Kommentaren russischer Funktionäre nachvollziehen.
Russische Politiker: Koalition ist selbst schuld
Maria Sacharowa, Sprecherin des Außenministeriums, verwies auf den überzeugenden Sieg der AfD und vermutete (oder vielmehr: stellte mit Nachdruck fest), dass die Schließung des Russischen Hauses in Berlin und des Generalkonsulats in Bonn der Versuch gewesen sei, kurz vor der Wahl „die russische Karte auszuspielen“.
Kremlsprecher Dmitri Peskow merkte an, dass „dies [die Wahl und der Sieg der AfD] eine innere Angelegenheit Deutschlands sei und wir weder das Recht noch die Absicht hätten, uns dort einzumischen“. Doch auch er führte das Geschehene auf das Konto der regierenden Koalition zurück.
Merkel, „Spiegel“ und „Compact“
Die Medien beleuchteten die Geschichte unterschiedlich. Einige kamen mit detaillierten Analysen, andere beschränkten sich auf die Wiedergabe deutscher und internationaler Publikationen sowie bekannter Persönlichkeiten. So zitiert die „Rossijskaja Gaseta“, das offizielle Publikationsorgan der russischen Regierung, die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel, die den Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt als „Wendepunkt“ in der Geschichte des Landes bezeichnete und die Niederlage der CDU nur schwer verkraften kann.
Die Wirtschaftszeitung „Kommersant“ veröffentlichte eine Auswahl von Auszügen aus ausländischen Medien. Ein paar Absätze aus dem „Spiegel“, etwa ebenso viel aus einer Veröffentlichung des „Deutschlandfunks“ sowie Zitate aus dem „Wall Street Journal“, dem „Economist“ und der türkischen Zeitung „Milliyet“. Und plötzlich – „Compact“. Möglicherweise steht diese in Russland wenig bekannte Zeitschrift damit erstmals in einer Reihe mit den oben genannten Publikationen.
Wessen Kampf?
In analytischen Artikeln wie auch in den Äußerungen russischer Politiker wird der Schwerpunkt meist auf das Scheitern der CDU und persönlich auf Bundeskanzler Friedrich Merz gelegt. Die russische Nachrichtenagentur TASS betitelte ihren Artikel über die abgehaltene Wahl denn auch: „Niederlage im Osten: Welche Schlussfolgerungen über die Zukunft von Merz aus dem Sieg der AfD in Sachsen gezogen werden können“. Welche Schlussfolgerungen TASS zieht, lässt sich am Titel eines der Kapitel erahnen: „Der verurteilte Kanzler“. Es sei angemerkt, dass die TASS-Veröffentlichung eine der wenigen ist, in der die Partei „Alternative für Deutschland“ überhaupt charakterisiert wird. In der überwiegenden Mehrheit der Artikel in der russischen Presse ist die AfD einfach nur „eine Partei“. TASS hingegen erinnert daran, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD als rechtsextremistisch eingestuft hat.
Doch die eigentliche „Waffe“ des Autors des Artikels sind die Überschriften und Untertitel. Nachdem ich das Kapitel mit dem Titel „Ihr Kampf“ mehrmals gelesen habe, habe ich immer noch nicht verstanden, von wem konkret die Rede ist und welcher Kampf gemeint ist. Oder ist das eine Anspielung auf das berüchtigte, als extremistisch eingestufte und in Russland verbotene Buch? Unklar.
Immer dabei: Spätaussiedler
Russische Leser verstehen den Unterschied zwischen Publikationen wie etwa der eher boulevardesken „Moskowski Komsomolez“ und der Wirtschaftszeitung „RBK“ sehr gut. Jeder weiß, wo es leichte Lektüre gibt und wo fundierte Expertise Standard ist. Umso bedauerlicher ist es zu sehen, wie diese Expertise ins Stocken gerät. Die „RBK“: „Obwohl Fragen der Außenpolitik traditionell keine große Rolle bei Landtagswahlen spielen, sind diese Positionen im Osten Deutschlands, wo unter anderem die Mehrheit der Spätaussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion lebt, recht stark.“ Es ist schwer zu sagen, wann die Spätaussiedler aus den postsowjetischen Ländern ihre Wohnsitze in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg, Niedersachsen oder Hessen verlassen haben, um nach Sachsen-Anhalt zu ziehen. Schade, dass eine seriöse Zeitung dazu beigetragen hat, ein verzerrtes Bild der Spätaussiedler zu zeichnen. Wobei: Daran sind sie längst gewöhnt.
Igor Beresin


