
In Astana habe ich einen Engel kennengelernt. Wobei „kennengelernt“ vielleicht etwas übertrieben ist, denn ich war noch nicht einmal geistesgegenwärtig genug, wenigstens nach seinem Namen zu fragen. Wir standen beide in der Schlange vor der einzigen Kasse des Baiterek-Turms, der wohl bekanntesten Sehenswürdigkeit dieser Stadt. Weil dort für verschiedene Kategorien von Personen Ermäßigungen gelten oder sie gleich ganz freien Eintritt haben, aber dafür erst einmal Nachweise vorgelegt werden müssen, kamen wir kaum von der Stelle.
Beschenkt von einem Fremden
Als ich nach einer Dreiviertelstunde endlich dran war, klappte die Kartenzahlung nicht. Und Bargeld hatte ich nicht getauscht. Aber da war ja noch der Engel direkt hinter mir. Mit dieser kosmischen Ungerechtigkeit wollte oder konnte er sich nicht abfinden. Während ich noch mit meinem Schicksal haderte, zahlte er ohne große Worte den regulären Eintrittspreis von 2500 Tenge (knapp fünf Euro) für mich und drückte mir das Ticket in die Hand. Ich stammelte etwas von einer Rücküberweisung, aber keine Chance: „Nicht nötig, haben Sie einen schönen Tag.“ Und schon war er weg.
Diese Szene hat mir tatsächlich den Tag versüßt, der bereits vielversprechend begonnen hatte. Denn Astana ist eine der erstaunlichsten Städte der Welt, ein Gesamtkunstwerk, in Europa undenkbar, aber mit einer Wucht und Dynamik, die allemal beeindruckend sind. Kasachstans Ex-Präsident Nursultan Nasarbajew bestimmte das damalige Akmola, nordöstlich der Landesmitte gelegen und 300 Kilometer von der russischen Grenze entfernt, 1997 zur neuen Hauptstadt anstelle des südöstlichen Almaty nahe Kirgisistan.

Millionenstadt im Eiltempo
Die hauptsächlich aus Steppenland bestehende Akmola-Provinz war in den 1940er Jahren zum viertgrößten Vertreibungsgebiet der Wolgadeutschen und anderer Angehöriger der deutschen Minderheit innerhalb der Sowjetunion geworden. In Astana selbst stellen ethnische Deutsche heute zwar weniger als ein Prozent der Bevölkerung, sind damit aber immer noch die fünftgrößte nationale Gruppe.
Die Stadt hatte 1997 nicht einmal 300.000 Einwohner. Große Teile wurden am Reißbrett neu errichtet, vor allem das sogenannte linke Ufer, wie man hier sagt, also die komplette Neustadt mit dem heutigen Zentrum. Den Masterplan dafür entwarf der japanische Stararchitekt Kisho Kurokawa. Für 2030 wurde eine Einwohnerzahl von einer Million Einwohnern prognostiziert. Die war jedoch schon 2018 erreicht. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich die Bevölkerung auf heute 1,7 Millionen nahezu verdoppelt.
Mit der Metro in die City
Nur vom 97 Meter hohen Baiterek-Turm lässt sich am Horizont noch das flache Nichts jenseits der immer neuen Wohnviertel erspähen. Der Turm selbst war eines der ersten Wahrzeichen des Aufbruchs, um ihn herum entstand eine Planstadt mit kilometerlangen schnurgeraden Prospekten und dem zentralen Prachtboulevard Nurschol zwischen dem Einkaufszentrum Chan Schatyr und dem Präsidentenpalast Ak Orda.

Zuletzt war ich 2017 hier, als Astana die Weltausstellung Expo zum Thema „Energie der Zukunft“ ausrichten durfte. Schon damals galt die Stadt vielen als Sensation. Seitdem ist sie weiter gewachsen – horizontal wie vertikal. Vom Flughafen bis zum ebenfalls relativ abgelegenen neuen Hauptbahnhof verkehrt seit Mai in einer großen Schleife die neue oberirdische Metro mit ihren 18 Stationen. Beim Bau lief längst nicht alles glatt, doch nun, wo die fahrerlosen chinesischen Züge auf einer Hochtrasse durch die City surren, ist das hochmoderne Verkehrssystem aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.
Einmal Nur-Sultan und zurück
Vom Flughafen, der nach Nursultan Nasarbajew benannt ist, geht die Fahrt zum Preis von umgerechnet gut 0,90 Euro vorbei an der Nursultan-Moschee, der größten des Landes und ganz Zentralasiens, und der Nasarbajew-Universität. Nach Nasarbajews Rücktritt 2019 hieß auch Astana zu Ehren des Mannes, der Kasachstan 30 Jahre regiert hatte, Nur-Sultan, wurde aber 2022 rückbenannt.
Deutsche können Kasachstan bis zu 30 Tage visafrei besuchen. Selbst wenn Astana nur zum Transit auf internationalen Flügen genutzt wird, spricht bei ausreichend Aufenthalt also nichts gegen eine Stippvisite. Im Morgennebel wirkt die Stadt eher kalt und ungastlich, sogar die Metro ist um 7 Uhr fast menschenleer und nur im Botanischen Garten Frühsport angesagt. Doch nach 10 Uhr, wenn die großen Malls und Attraktionen wie der kugelrunde frühere kasachische Expo-Pavillon und heutige KI-Tempel Alem AI öffnen, kommt Astana schnell auf Touren.

Beim BIP schon vor Russland
Markante Bauten in der Innenstadt tragen Peking, Moskau, St. Petersburg oder Abu Dhabi im Namen – ein Fingerzeig für die Gesellschaft, in der sich Kasachstan bevorzugt sieht. Staatschef Kassym-Schomart Tokajew vermeidet politische Abgrenzungen, durch die sich Türen für sein Land schließen könnten. Der Kurs als Hub zwischen Ost und West scheint den Wohlstand zu befördern. Mitte 2025 meldete der IWF, Kasachstan habe beim Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt erstmals Russland überholt. Kurz- und mittelfristig rechnen Experten mit einem anhaltend überdurchschnittlichen Wachstum.
Astana ist derweil weiter auf seinem eigenen Zeitstrahl unterwegs. Ob nun die futuristische Fußgängerbrücke Atyrau oder Abu Dhabi Plaza, der 2022 mit allerdings jahrelanger Verzögerung fertiggestellte höchste Wolkenkratzer in Zentralasien – das Selbstbewusstsein ist überall mit Händen zu greifen. Noch finden wohl die wenigsten Europäer Kasachstan auf der Landkarte. Das könnte sich ändern.
Tino Künzel


