Das ewige Theater: Ein Nachruf auf Katharina Schmeer

Der Vorhang fällt. Der Saal leert sich. Die Schritte verstummen. Doch ein wahrer Künstler bleibt im Licht. Katharina Schmeer war genau eine solche Künstlerin. Schauspielerin. Regisseurin. Dramatikerin. Pädagogin. Eine Legende der deutschen Bühne. Für viele vor allem: eine Lehrerin. Am 18. September wäre sie 69 Jahre alt geworden. Wir erinnern uns an eine große Künstlerin.

Katharina Schmeer
Katharina Schmeer (Foto: Viktor Pretzer)

Das Theater, das zum Schicksal wurde

Katharina Schmeer war Schauspielerin der ersten Generation des Deutschen Schauspielhauses in Kasachstan. Ihre professionelle Biografie begann in Moskau, an der berühmten Schtschepkin-Theaterhochschule beim Maly-Theater. 1975 wurde dort das erste deutsche Studio gegründet – mit jenen jungen Schauspielerinnen und Schauspielern, die fünf Jahre später das Ensemble des künftigen Theaters in Kasachstan bilden sollten. 1980 schloss Katharina ihr Studium ab und kam gemeinsam mit ihren Kommilitonen nach Temirtau. Am 26. Dezember 1980 wurde das Deutsche Schauspielhaus eröffnet.

Für die Sowjetdeutschen war dies ein Ereignis, dessen Bedeutung weit über eine Theaterpremiere hinaus ging. Nach Jahrzehnten des historischen Bruchs erhielt das deutsche Wort wieder eine professionelle Bühne. Katharina begann ihr Theaterleben als Schauspielerin. Sie spielte auf dieser Bühne zahlreiche wunderbare Rollen und wurde mit dem Ehrentitel „Verdiente Künstlerin Kasachstans“ ausgezeichnet.

Im August 1987 kam ich an das Deutsche Schauspielhaus und begegnete dort Katharina Schmeer. Unser gemeinsames Theaterleben begann.

Dieses Theater wurde zu meinem Schicksal und zu meiner Lebensschule. Geprägt hat mich seine ganze Atmosphäre – Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, ihre Haltung zur Bühne und zum Beruf. Das Theater erzog allein durch sein Dasein, durch die tägliche Begegnung mit Menschen, für die die Bühne Leben war. Katharina nahm in dieser Geschichte einen besonderen Platz ein. Später würde ich sie meine Lehrerin nennen.

Zur Regie

Katharinas Weg zur Regie begann bereits in Temirtau. Das ist ein wichtiges Detail ihrer Theaterbiografie: Schauspiel und Regie existierten lange nebeneinander. Sie verließ nicht den einen Beruf zugunsten des anderen – die Regisseurin entstand allmählich in der Schauspielerin. Und dann begann sie, ihre eigene Sprache zu suchen.

Eine der ersten starken Manifestationen dieser Sprache wurde „Magic Afternoon“ (Wolfgang Bauer). 1988. Eine ganz andere Dramatik. Eine andere Theatertemperatur. Junge Figuren, der Nerv der Zeit, Freiheit, Grausamkeit, Ironie. „Magic Afternoon“ wurde zu Katharinas Durchbruch als Regisseurin. Danach begann ihr eigener Weg.

Kaliningrad

Mitte der 1990er-Jahre kreuzte sich dieser Weg wieder mit meinem. 1995 wurde in Kaliningrad das Deutsche Nationaltheater gegründet, damals die einzige professionelle deutsche Nationalbühne in Russland, die die Traditionen der deutschen Theater der Vorkriegszeit fortführte.

Von Anfang an dachten wir es weit über ein gewöhnliches Theater hinaus – als einzigartiges Zentrum deutscher nationaler Kultur und Kunst in Russland. Rund um die professionelle Bühne entstanden Museum und Archiv, ein musik­ethnografisches Labor, eine Literaturabteilung, das Kindertheater und eine Musikschule.

Im August 1997 lud ich Katharina Schmeer an unser Theater ein. Im November 1997 entstand ihre erste Kaliningrader Inszenierung. Es folgten „Loriot. Liebe & Rock ’n’ Roll“, „Die Greisin“, „Arglistig ist der Mensch“ und weitere Inszenierungen. Am 12. Mai 1998 hatte die lyrische Komödie „Pardon, meine Liebe!“ Premiere. Das war eine weitere Seite ihrer Begabung: Regie allein genügte ihr nicht. Sie schrieb für die Bühne. Gerade in Kaliningrad zeigte sich besonders deutlich eine Eigenschaft, die ich immer für eine ihrer wichtigsten hielt: Sie konnte um sich herum Theater entstehen lassen. Keine Institution. Keinen Spielplan. Theater als Raum menschlicher und künstlerischer Nähe.

Premiere „Bleiwe losse“ – Kaliningrad, 27.10.2000. Von links: Ludmilla Pretzer, Nikolaj Iwanow, Galina Guro (1963–2026), Katharina Schmeer (Foto: Privatarchiv Viktor Pretzer / Sammlung VIKTOROMANO)

Im Juli 1998 ging das Deutsche Nationaltheater auf seine erste Gastspielreise – an die Wolga. Mit dieser Reise begann die Gastspielgeschichte des Theaters.

In unserem damaligen Programm standen die Worte: „Das Wolgagebiet – Erinnerung an die Vorfahren, ewige Quelle der Inspiration und der künstlerischen Suche.“ Vom 9. bis 31. Juli führte die große Route durch die Gebiete Saratow und Wolgograd: Engels, Marx, Rownoje, Krasnoarmeisk, Pallasowka, Kamyschin. Wir fuhren zu einer der wichtigsten Quellen unseres eigenen Schaffens – zur Geschichte unseres Volkes, in das Land der Wolgadeutschen, zur Erinnerung an unsere Eltern und Vorfahren. Für Katharina und mich als Wolgadeutsche hatte dieser Weg auch eine zutiefst persönliche Bedeutung.

Moskau

Im Januar 1999 kam das Deutsche Nationaltheater erstmals zu Gastspielen nach Moskau. Wir spielten auf der Kammerbühne des Maly-Theaters – an der Schtschepkin-Theaterhochschule, unserer gemeinsamen Alma Mater. Auf dem Spielplan standen Katharinas Inszenierungen „Contra naturem …“, „Wunderarzt“, „Die Schwiegermütter“, „Liebe & Rock ’n’ Roll“, „Hitzig ist nicht witzig“. Die Vorstellungen besuchte auch der deutsche Botschafter Ernst-Jörg von Studnitz.

Für Katharina war dies eine besondere Rückkehr. Die ehemalige Studentin der Theaterschule kehrte als Regisseurin, als „Verdiente Künstlerin Kasachstans“, mit ihren Inszenierungen und ihrer eigenen Theatererfahrung zurück.

Ein Theater, das weitergeht

Katharina hatte keine Schule mit einem Schild an der Tür. Aber sie hatte eine Schule ohne Wände. Ihre Schülerinnen und Schüler leben heute in verschiedenen Ländern, sprechen verschiedene Sprachen und stehen auf verschiedenen Bühnen.

Natascha Dubs ist heute Chefregisseurin des Deutschen Schauspielhauses in Almaty. Natalia Schewtschenko nannte Katharina ihre Lehrerin. Diese Linie fand ihre eigene Fortsetzung in Natalia Schewtschenkos Theaterprojekten.  Antonina Domke erinnert sich daran, wie Katharina sie 1992 in das Theaterstudio aufnahm. Jahrzehnte später bleiben ihre Energie, ihr Humor, ihre Strenge und ihre Fähigkeit in Erinnerung, in einem jungen Künstler dessen eigene Individualität zu erkennen.

2004 arbeitete ich in Hamburg an einem deutsch-russischen Theaterprojekt und lud Anastasia Komerlo ein. Katharina war damals weit von uns entfernt, und doch war sie in unserem Theater unsichtbar gegenwärtig – in Anastasia, in ihrer Haltung zur Bühne, in dem, was bereits von der Lehrerin an die Schülerin weitergegeben worden war.

Da wurde besonders deutlich: Eine Lehrerin lebt nicht nur in ihren eigenen Inszenierungen weiter. Sie lebt in den Menschen weiter, denen sie einst half, an sich selbst zu glauben, die Bühne anders zu sehen und den Beruf als Schicksal zu empfinden. Der kasachische Bühnenbildner Anuarbek Burkitbajew schrieb in Erinnerung an Katharina: „Meine erste Regisseurin Katharina Schmeer lehrte mich, das Theater zu lieben, glaubte an mich als Künstler und gab mir Selbstvertrauen.“ So existiert eine Theaterschule. Ohne Diplom. Ohne Gebäude. Von Mensch zu Mensch weitergegeben.

Die Rückkehr

Jahre später kehrte Katharina an das Deutsche Theater Kasachstans zurück – nun als gereifte Regisseurin. 2005 inszenierte sie „Feuer geben!“ nach Loriot. 2006 folgte „Detektive der Steinzeit“(Alexander Wolodin). Es war inzwischen ein anderes Deutsches Theater. Ein anderes Ensemble. Eine andere Zeit. Doch Bulat Atabajew, an dessen Seite die junge Katharina einst als Assistentin die Regie erkundet hatte, sprach nun von ihr als einer Künstlerin, die ein Ensemble formen und das künstlerische Niveau des Theaters heben könne. Der Kreis schien sich zu schließen. Die Schülerin wurde zur Lehrerin. Die Schauspielerin, die einst von großen Rollen geträumt hatte, schuf nun selbst den Raum für andere Künstler.

Theater nach dem Vorhang

Am 7. August 2026 kam aus München die Nachricht: Katharina war nicht mehr. Und plötzlich lag der ganze weite Raum ihrer Theaterbiografie vor mir. Temirtau. Almaty. Kaliningrad. Moskau. Hamburg. Münster. München. Inszenierungen. Rollen. Stücke. Schüler. Freunde. All das, woraus Theater besteht, nachdem der Vorhang gefallen ist.

Am 18. September 2027 wäre Katharina siebzig Jahre alt geworden. Über dieses Datum hatten wir noch zu ihren Lebzeiten gesprochen. Heute sammeln Natascha Dubs und ich Dokumente, Fotografien und Erinnerungen, rekonstruieren Katharinas künstlerische Biografie und bereiten ein internationales Projekt vor, das den Namen trägt: „Akkord der Liebe“. Es soll vor allem Deutschland und Kasachstan miteinander verbinden. Darin können Theater und Musik, Poesie und Archiv, Fotografie und menschliche Erinnerung zusammenfinden.

2004 schrieb ich das Lied „O wunderschöne Katharina“. Darin die Zeile: „Unsere Reise geht zum Ende, doch ich halte noch deine Hand“. Heute höre ich sie anders: In jedem deiner Blicke bleibt ein Stück von unserem Lied. 2027 – unser Jubiläum. Ihre Stücke werden wieder erklingen, ihre Gedichte zu Musik. In meiner Theaterhymne: Und das Theater – weiter wandert … VIVAT, KATHARINA! VIVAT, KÖNIGIN! Du bleibst im Licht.

Viktor Pretzer, Regisseur, Dramatiker, Forscher zur Geschichte des deutschen Theaters, Leiter von INTERBÜHNE Lübeck e.V.

Freunde, Kollegen und Angehörige von Katharina Schmeer haben eine Initiative ins Leben gerufen, um der großen Schauspielerin, Regisseurin und Pädagogin ein würdiges Denkmal zu setzen. Alle, die diese Idee unterstützen und dazu beitragen möchten, die Erinnerung an Katharina lebendig zu halten, sind herzlich eingeladen, sich an der Spendenaktion zu beteiligen.

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: