RT-Chefin Simonjan: Ihr denkwürdiges China-Gespräch

Der Chefredakteur der MDZ, Igor Beresin, hat sich das Interview der RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan mit dem Philosophen und Professor für Internationale Beziehungen an der Fudan-Universität, Zhang Weiwei, angesehen. Einige Beobachtungen.

Margarita Simonjan und Zhang Weiwei    (Quelle: Rutube  RT auf Russisch) 

Kriecherei vor dem Osten

Die Aussage von RT-Chefin Margarita Simonjan über Putins Barmherzigkeit, die sie im Dialog mit dem Direktor des China-Instituts an der Fudan-Universität Zhang Weiwei gemacht hat, wurde reichlich kommentiert. Es gab jedoch in diesem Interview noch viel mehr Bezeichnendes. Denn Simonjan ist nicht nur eines der Gesichter der russischen Broadcast-Industrie, sondern ein Teil der russischen herrschenden Klasse. Sie entpuppte sich überhaupt als eingefleischte Sinophilin. Simonjan erzählte ihrem Gesprächspartner, dass alle ihre Kinder „von Kindesbeinen an“ Chinesisch lernen. Und wenn jemand fragt, warum die Wahl ausgerechnet auf diese Sprache gefallen sei, wunderten sie sich: „Wenn wir groß sind, wird China die Welt regieren.“

In dieser kindlichen Antwort spiegeln sich die Vorstellungen der Erwachsenen wider – jenes Kreises, dem Margarita Simonjan angehört. Es geht allerdings nicht einfach nur um eine Fremdsprache. Die Geschichten über die multipolare Welt und die Überwindung jeglicher Hegemonie sind für das Publikum des Senders RT. In Wirklichkeit soll die Welt einen Herrscher haben. Für Simonjans Kreis scheint China nicht Partner, nicht Nachbar zu sein, sondern eben der (zukünftige) Herrscher.

In der Sowjetunion Ende 1930er gab es eine Kampagne gegen die „Kriecherei vor dem Westen“. Heute werden diese Thesen von den Fernsehsendern wiederholt. Es ist dennoch an der Zeit, von einer Kriecherei vor dem Osten zu sprechen.

Journalistische Standards

Als sie an die Anfänge des Senders und die Wahl seiner Entwicklungsstrategie erinnerte, erzählte die RT-Chefin, was ihr an den führenden westlichen Medien schon damals nicht gefiel. „Die angelsächsische Journalistenschule hat uns jahrelang erzählt, dass es sehr wichtig sei, zwei Standpunkte widerzuspiegeln. Wichtig ist, dass es keine Voreingenommenheit gibt, wie sie es nennen – bias. Wichtig ist, dass alles steril ist – abgewogen und objektiv.“ Simonjan zufolge, wollte sie diesen Weg nicht gehen. Sie hielt einen solchen Ansatz von Anfang an für undurchführbar: „Was du siehst, hängt davon ab, wo du stehst.“ Darüber hinaus ist sie der Ansicht, dass die westlichen Medien selbst dieser Deklaration nicht gerecht werden und das, was sie tun, „offene und plumpe“ Propaganda ist. Und die RT-Führung beschloss, „einen anderen Standpunkt zu vertreten“. Anstelle der westlichen Propaganda fand sich eine andere.

Und man muss sagen, dass dieser Ansatz gefragt war. Wie Margarita Simonjan im Interview sagte, findet der Sender trotz Verbote und Sanktionen, trotz der Abschaltung von RT in Europa, Wege in die Herzen und Köpfe der Westeuropäer. „Wir kriechen jetzt aus den Ritzen und dringen direkt in ihre Häuser“, so Simonjan.

KI und schädliche Plattformen

Margarita Simonjan präzisierte nicht, was sich hinter der bildhaften Formulierung über die Ritzen verbirgt, aus denen RT zu den Westeuropäern kriecht. Aber man kann davon ausgehen, dass dies unter anderem soziale Netzwerke und Messenger sind. Also sind sie ein Segen. Ja, aber nicht in Russland. Laut Simonjan stellen diese Plattformen eine Bedrohung für Russland dar, und sie begrüßt ihr Verbot, das allerdings nicht so viel bringt.

Geschichte und Interpretationen

Das Thema „Geschichte“ durfte bei Simonjan auch nicht fehlen.  Nach Ansicht der RT-Chefin ist die Europa-Begeisterung Peters des Großen nur eine Episode in der Geschichte Russlands. Und die Mode für die französische Sprache in der Adelsklasse sei relativ schnell vergangen. Simonjan geht noch weiter: „Was ist russische Architektur? Was ist russische Kunst? Was ist russische Literatur? Was ist russisches Ballett? Was ist russische Malerei? Sie ist anders. Kann man sagen, dass sie europäisch ist? Nein. Kann man sagen, dass sie asiatisch ist? Nein.“ Die RT-Chefin präzisiert nicht, in welchem Moment die russische Literatur, angefangen bei Puschkin, aufgehört hat, Teil der europäischen Literatur zu sein.

Margarita beeindruckt

An der Bewertung der Geschichte kann man natürlich herumkritteln. So erzählte Simonjan über die regionalen Tendenzen in schweren Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion: „Die Region Krasnodar hatte ihre eigenen Vertretungen im Ausland, ihre eigenen Botschaften.“ Eine Bestätigung für die Worte von den „Botschaften“ konnte nicht gefunden werden. Es wäre interessant zu erfahren, welche Länder den Krasnodarer Gesandten ihre Beglaubigungsschreiben überreicht haben. Dabei eröffnete die Region auch unter Putin Handelsvertretungen, zum Beispiel 2005 in Mailand. Und das war kein Beweis für den Wunsch Krasnodars, sich vom Rest Russlands abzuspalten.

Simonjan kann die Wahrheit sagen, fragwürdige Fakten liefern oder einfach Märchen erzählen. Aber sie macht das sehr brillant. Und das ist die Hauptsache. Heute können Brillanz und Originalität die Genauigkeit und die nach Ansicht der RT-Chefin veralteten Standards, bei denen alles „steril, abgewogen und objektiv“ ist, durchaus ersetzen. Das funktioniert.

Igor Beresin

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