„Alle Brunnen sind vergiftet“: Auf der Suche nach unbelasteten Fotoquellen

Klassifizierungen nach formalen Merkmalen können diejenigen in die Irre führen, die solchen Etiketten zu viel Bedeutung beimessen. Die „Moskauer Deutsche Zeitung“ (MDZ) konnte sich davon bereits mehr als einmal überzeugen. Doch der Fall der „wütenden Emojis“ verdient besondere Aufmerksamkeit.

Illustration: KI-generiert

Alle wollen Fotos

In der Doppelausgabe der MDZ 664–665 vom 20. Mai erschien ein kurzer Beitrag mit der Überschrift „Pferde, Mode und Geschäfte: Kasan-Forum 2026 überzeugt auf ganzer Linie“. In Kasan geschah nichts Außergewöhnliches. Das Forum „Russland – islamische Welt“ findet jährlich statt, und diesmal wurden keine besonderen Sensationen auf dieser Veranstaltung registriert. Daher war auch der Beitrag knapp: nur 2000 Zeichen, ein einziges Foto. Doch das Ereignis selbst ist sehr bildgewaltig: fantastische Ansichten von Kasan, Forenteilnehmer aus verschiedenen Ländern in Nationaltrachten, Pferderennen und vieles mehr. Den Platzmangel für einen ausführlichen Bildbericht in der gedruckten Zeitung beschloss die Redaktion durch zusätzliche Fotos bei der Veröffentlichung dieses Artikels in den sozialen Netzwerken auszugleichen.

Wütende Emojis


Eine Warnung mit abschreckender Wirkung (Sreenshot)

Und dann ging es los. Unsere Leser, mit denen die Redaktionsmitglieder in persönlichem Kontakt stehen, schickten ihnen überrascht Screenshots mit Warnhinweisen. „Dieser Beitrag enthält einen oder mehrere Links von einem Heraus­geber, der nach Ansicht von Facebook* redaktionell vollständig oder teilweise durch die russische Regierung kontrolliert wird.“ Es besteht der Verdacht, dass sich die Leser gar nicht die Mühe gemacht haben, den Sachverhalt zu durchdringen. Vielmehr ist anzunehmen, dass nicht alle diese Warnung der wachsamen Moderationsalgorithmen des sozialen Netzwerks überhaupt gelesen haben, sondern sich auf die fett gedruckte Überschrift beschränkten: „Durch den russischen Staat kontrollierte Medien“. Angesichts eines solchen Hinweises seitens der Plattform ist das Auftauchen wütender Emojis unter einem völlig harmlosen, unpolitischen und in gemäßigtem Ton gehaltenen Beitrag nicht verwunderlich. Die MDZ hat ein sehr unterschiedliches Lesepublikum. Die einen heften der MDZ selbstbewusst das Etikett „Ruzzzzische Propaganda“ an, andere wiederum wittern in den Veröffentlichungen der Zeitung eine Verunglimpfung der russischen Realität und eine Menge anderer sehr unangenehmer Aspekte, was der Redaktion heutzutage und hierzulande durchaus zum Verhängnis werden kann.

Das „Lesertribunal“ ist gnadenlos, aber oft kurzsichtig. Viele, die den fett gedruckten Text sehen, verstehen nicht den Grund für diese Kennzeichnung. Dabei ist er simpel. Die Redaktion war der Ansicht, dass die in der Online-Publikation platzierten Fotos nicht ausreichten und es sicherlich Leser geben würde, die mehr sehen möchten. Genau für sie wurde ein Link zur Fotogalerie des Kasan-Forums 2026 angeboten. Das Problem bestand darin, dass all diese Fotos freundlicherweise (und kostenlos zum Download, was für die ressourcenbegrenzte MDZ ein unbestreitbarer Vorteil ist) von der Agentur RIA Novosti zur Verfügung gestellt wurden. Als Fotoquelle auf der Webseite wird die autonome gemeinnützige Organisation „Direktion für Sport- und Sozialprojekte“ genannt. Dass sich beide Organisationen unter staatlicher Kontrolle befinden, steht außer Zweifel. Doch hilft der Warnhinweis des sozialen Netzwerks jenen, die keinerlei Berührungspunkte mit staatlichen oder staatsnahen Quellen haben wollen? Wir müssen solche Leser enttäuschen: Selbst das Fehlen eines Warnhinweises schützt nicht davor, Informationen aus „falschen“ Quellen zu konsumieren.

Alle Brunnen sind vergiftet

Die MDZ-Redaktion bemüht sich, eigene Fotos zu verwenden. Wir fotografieren alles, was wir nur erfassen können. Doch auch weitaus größere Redaktionen als unsere nutzen die Dienste von Fotobanken und Agenturen. Auf den Seiten der MDZ sind Fotos der bereits erwähnten Agentur RIA Novosti zu sehen. Die MDZ-Redaktion hat ein Abonnement bei der Fotobank der Agentur TASS – und schätzt diese Fotoquelle sehr. TASS ist eine staatliche Organisation. Wahrscheinlich entfällt der Löwenanteil der Illustrationen in der MDZ, neben unseren eigenen, auf die „Agentur für städtische Nachrichten Moskau“ (AGN Moskwa). Dieses hervorragende Projekt arbeitet unter dem Dach der Moskauer Stadtregierung. Es gibt natürlich auch Fotobanken führender russischer Zeitungen. Doch dort gelten eigene finanzielle Konditionen, die nicht immer zur MDZ passen, und die Fotos z.  B. des „Kommersant“ können im Prinzip auch aus politischen Motiven beanstandet werden. 100 Prozent der Aktien des Verlagshauses „Kommersant“ kontrolliert der Unternehmer Alischer Usmanow, den einige Medien als „kremlnah“ bezeichnen. Alischer Usmanow geriet bereits im Februar 2022 unter die Sanktionen der EU.

Wenn man sich zum Ziel setzt, die von vornherein abwegige Idee eines Verzichts auf russische Fotoquellen umzusetzen und Illustrationen ausschließlich in deutschen Quellen zu suchen, hilft auch das nicht. Niemand wird direkt mit einer russischen Publikation zusammenarbeiten wollen. Die MDZ ist schlichtweg technisch nicht in der Lage, Fotos der Agentur dpa zu bezahlen, da in Deutschland das Zahlungssystem MIR nicht akzeptiert wird. Doch eine direkte Zusammenarbeit ist gar nicht nötig, man kann Fotos über dpa-Partner erwerben. Zum Beispiel über die staatliche russische Agentur TASS. Der Kreis schließt sich. Wir haben die ganze Umgebung abgesucht, aber alle Brunnen erwiesen sich als „vergiftet“ durch die Staatskontrolle.

Formale Kriterien vs. Realität

Natürlich ist das Problem weitreichender als die Geschichte eines kleinen Zeitungsbeitrags. Das schnelle Anheften von Etiketten – die kategorische Zuordnung einer Person zu einer bestimmten Gruppe oder einer Organisation zu einer bestimmten Klasse – sagt oft wenig über die tatsächliche Sachlage aus. Formal ist alles logisch. Deutschland unterhält keine Beziehungen zu russischen staatlichen Einrichtungen, und da praktisch alle führenden russischen Universitäten solche sind, bleiben die Kontakte bislang eingefroren. Dabei gibt es unter den Universitätsprofessoren, ganz zu schweigen von den Studenten, weitaus mehr Menschen, mit denen selbst die härtesten deutschen Kritiker der russischen Machthaber auf persönlicher Ebene gern kommunizieren würden. Doch formal besteht ein Verbot, und das wiegt schwerer als alle anderen Überlegungen.

Es ist offensichtlich, dass diese Situation so lange anhalten wird, wie die „Kanonen sprechen“ und Menschen sterben. Und keiner hat versprochen, dass wir alle danach zum normalen Leben zurückkehren. Darüber hinaus wünschen sich nicht alle eine solche Rückkehr. Aber diejenigen, die sich das wünschen, sollten vielleicht schon jetzt damit beginnen, sich darin zu üben. Zum Beispiel, indem sie neugierig darauf sind, was sich hinter einem Etikett verbirgt. Vielleicht ist es ja so aufgeklebt, dass darunter eine wichtige Information verborgen bleibt?

Igor Beresin

*gehört zum Unternehmen Meta, das in Russland als extremistisch anerkannt und verboten ist.

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