Zu Besuch bei Lenin: Gorki Leninskije

Gorki Leninskije erlebt in den letzten Jahren eine Renaissance. Das Museum ist in Bezug auf sein Freizeitangebot deutlich jünger geworden: Stand-up-Paddling-Touren, ein ökologischer Lehrpfad, Kollaborationen mit zeitgenössischen Künstlern. Wie bedeutend ist Lenin hier als Figur?

Das Hauptgebäude (Foto: Ljubawa Winokurowa)

In Gorki Leninskije lässt sich locker ein ganzer Tag verbringen, besonders bei schönem Wetter. Aber zuerst muss man hinkommen. Von der Metrostation Domodedowskaja fährt ein Bus zur Siedlung Gorki Leninskije. Von der Haltestelle muss man noch etwa einen Kilometer zu Fuß bis zum Eingang des Museumsreservats gehen. Angesichts der Tatsache, dass die Navigation in Moskau derzeit nicht korrekt funktioniert, kann man die Einheimischen nach dem Weg fragen. Allerdings können sie einen in die falsche Richtung schicken. So wie es in meinem Fall war. Und statt der auf der Museumswebsite versprochenen acht Minuten zu Fuß ist man erst nach 40 Minuten dort.

Man sollte beachten, dass die Besichtigung der wichtigsten Museumsobjekte nur in bestimmten Zeitfenstern möglich ist. Das Gutshaus kann man nicht ohne Führung betreten, und das Museum schließt um 19 Uhr (obwohl es in meinem Beisein um 18:30 Uhr geschlossen wurde). Wenn Sie an der Kasse fragen, wohin man gehen soll, wenn man zum ersten Mal auf dem Gut ist, wird man Ihnen sagen: unbedingt ins Hauptgebäude des Guts. Das stimmt, aber gehen Sie bitte nicht am Wissenschafts- und Kulturzentrum „Museum Lenin“ vorbei. Selbst wenn Ihnen Lenin gleichgültig ist, wird Sie dieses Museum kaum kaltlassen. Und außerdem werden Sie an diesem Gebäude ganz sicher nicht vorbeikommen – es wirkt vor dem Hintergrund der umliegenden Natur einfach viel zu futuristisch. Links das Gebäude des Kulturzentrums, rechts Pferde vom örtlichen Reitverein, die auf der Weide grasen.

Das Gebäude des Kulturzentrums als Musterbeispiel der sowjetischen Moderne  (Foto:  Ljubawa Winokurowa)

Das Hightech-Museum

Das Kulturzentrum zu Ehren Lenins ist das jungste Gebäude auf dem Gelände des Museumsreservats. 1974, zum 50. Todestag von W. I. Lenin, beschlossen die Behörden, das Museum zu erneuern und ein neues Gebäude zu bauen. Mit dem Projekt wurde der Architekt Leonid Pawlow beauftragt, der von 1974 bis 1980 daran arbeitete. Als Grundlage nahm Pawlow seinen früheren Wettbewerbsentwurf für ein Lenin-Museum an der Wolchonka in Moskau und überarbeitete ihn grundlegend. Heraus kam ein Gebäude, bestehend aus elf identischen Würfeln und einem Zylinder, verkleidet mit weißem Marmor und rotem Tuffstein. Die Gesamtfläche des Komplexes beträgt etwa 6000 m². Der Bau begann 1980 unter Breschnew und endete 1987 unter Gorbatschow, bereits in der Zeit der Perestroika, als die Haltung zur sowjetischen Vergangenheit revidiert wurde.

Das Museum wurde 1987 als Wissenschafts- und Kulturzentrum „Museum W. I. Lenin“ eröffnet. Die architektonische Gestaltung zeichnet sich durch kubische Monumentalität und geometrische Strenge aus. Im Inneren wurde eine umfangreiche Ausstellung zum Leben und Wirken Lenins untergebracht. Das Museum war als zentrale Erinnerungsstätte des Landes konzipiert, daher durchdachten die Autoren die Multimedia-Elemente. Die Hauptausstellung besteht aus fünf thematischen Abschnitten, die den Lebensstationen Lenins gewidmet sind. Im Zentrum eines jeden steht ein schwarzer Glaskubus, in dem sich rekonstruierte historische Szenen mit Gegenständen aus jener Zeit, menschlichen Figuren, Beleuchtung und Ton befinden. All dies wird per Knopfdruck des Fremdenführers in Bewegung gesetzt, was nach der Idee der Autoren die Besucher anziehen sollte. Die Steuerung des Systems erfolgte über einen Macintosh-Computer.

Das Kulturzentrum mit dem letzten Lenin-Denkmal    (Foto: AGN Moskwa)

Das neue Museum ist das letzte große Lenin-Memorial, das in der UdSSR errichtet wurde. Seine Architektur und technische Ausstattung spiegelten den Ansatz der späten Sowjetzeit wider – den Versuch, den Hang der Machthaber zur Monumentalität mit den damals modernen Technologien zu verbinden.

Die neuen Bewohner

Der nächste Punkt entlang der Route ist das Gutshaus. Von außen betrachtet ein gewöhnliches Adelsgut. Es ist in drei Teile gegliedert: den Nord- und den Südflügel sowie das Haupthaus. Um nicht mit einer langen historischen Einführung zu ermüden, sei nur gesagt, dass das Gut hier seit dem 15. Jahrhundert existiert. Gorki wechselte mehrfach die Besitzer, die den unterschiedlichsten alten Adelsfamilien angehörten: den Naumows, Trubezkis, Beloselskis, Beketows, Buturlins. Das Fundament der heutigen Guts- und Parkanlage wurde 1824 unter Generalleutnant Alexander Pissarew gelegt.

Die letzte Besitzerin des Landguts Gorki war Sinaida Grigorjewna Morosowa-Reinbot, die Witwe eines der größten Industriellen und Mäzene jener Zeit, Sawwa Morosow. Unter Sinaida Reinbot (nach dem Tod ihres Mannes Sawwa heiratete sie den Moskauer Stadthauptmann Anatoli Reinbot) erhielt das Gut sein heutiges äußeres und inneres Erscheinungsbild. In dieser Zeit wurde das Anwesen auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Sämtliche Versorgungsleitungen wurden verlegt: Warm- und Kaltwasser, Heizung und, was am wichtigsten war, die Telefonverbindung wurde verbessert. Gerade diese Annehmlichkeiten sollten 1918 eine der Schlüsselrollen spielen, als Gorki zur Regierungs-Landresidenz für Wladimir Lenin gewählt wurde.

Sinaida Reinbot wurde ausquartiert, an ihrer Stelle bezog Lenin mit seiner Familie das Gutshaus. Er ordnete an, die gesamte Einrichtung des Hauses zu erhalten, sodass bis heute die Porzellansammlung, die Sinaida Reinbot ihr Leben lang zusammengetragen hatte, prachtvolle Möbelgarnituren, Gemälde und sogar die sanitären Anlagen erhalten geblieben sind. Einen großen Eindruck macht das Zimmer Lenins, in dem er die letzten Monate vor seinem Tod lebte. Seine gesamte Einrichtung ist so erhalten, wie sie zu seinen Lebzeiten war.

Das Zimmer, in dem Lenin starb (Foto: Ljubawa Winokurowa)

Den Dokumenten nach galt Lenins Aufenthaltsort als Sanatorium, doch außer dem Führer der Revolution gab es dort natürlich keine weiteren Gäste.

Nach dem Gutshaus lohnt sich ein Spaziergang durch den Park. Jetzt blüht hier der Jasmin, und bald werden die Äpfel reif. Es gibt eine kleine Imkerei-Station und außerdem einen ökologischen Lehrpfad. Das Museum widmet der Kinderbetreuung viel Aufmerksamkeit, es gibt hier ein eigenes Kinderzentrum, das keinerlei Bezug zu revolutionären Ideen hat. Und im Sommer wird außerdem Open-Air-Kino veranstaltet.

Ljubawa Winokurowa

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