Russland plant geschlossenes Archiv für „destruktive Literatur“

Das russische Kulturministerium arbeitet an einem geschlossenen Bibliotheksbestand für sogenannte destruktive Literatur. Kritiker sehen Parallelen zum sowjetischen „Spezchran“. Noch sind viele Fragen offen – doch die Debatte über den Umgang mit Literatur und Meinungsvielfalt hat bereits begonnen.

Bei einer Buchmesse in Moskau (Foto: Wassili Kusmitschonok/AGN Moskwa)

In Russland könnte künftig ein Teil der Literatur nicht mehr in frei zugänglichen Bibliotheksregalen stehen. Das Kulturministerium bereitet gemeinsam mit der Russischen Staatsbibliothek in Moskau die Einrichtung eines geschlossenen Bestands für „destruktive Literatur“ vor. Die Ankündigung der stellvertretenden Kulturministerin Schanna Alexejewa löste umgehend eine öffentliche Diskussion aus.

Nach Angaben des Ministeriums sollen die betreffenden Bücher künftig getrennt vom regulären Bibliotheksbestand aufbewahrt werden. Wer Zugang zu diesen Werken erhält und nach welchen Kriterien Literatur als „destruktiv“ eingestuft wird, ist bislang jedoch nicht bekannt. Eine offizielle Definition oder ein entsprechender Kriterienkatalog wurde bislang nicht veröffentlicht.

Parallel dazu kündigte Alexejewa an, dass staatliche und kommunale Bibliotheken bereits keine Werke mehr von Autoren erwerben, die in Russland als „ausländische Agenten“ eingestuft sind. Ab 2026 sollen zudem staatliche Zuschüsse für den Ausbau von Bibliotheksbeständen ausschließlich für Literatur verwendet werden, die auf Empfehlung eigens eingesetzter Expertenräte ausgewählt wird.

Damit verändert sich auch das System der Literaturbeschaffung. Während Bibliotheken bislang einen erheblichen Teil ihrer Neuanschaffungen eigenständig bestimmen konnten, erhält der Staat künftig größeren Einfluss auf die Zusammensetzung öffentlicher Bibliotheksbestände.

Welche Bücher könnten betroffen sein?

Eine offizielle Liste der künftig eingeschränkt zugänglichen Werke existiert derzeit nicht. Dennoch lässt sich anhand der aktuellen Gesetzeslage und der Entwicklungen der vergangenen Jahre abschätzen, welche Literatur möglicherweise in das neue Archiv aufgenommen werden könnte.

Dazu zählen zunächst Bücher von Autoren, die vom russischen Justizministerium als „ausländische Agenten“ registriert wurden. Bereits heute verzichten staatliche Bibliotheken auf den Erwerb neuer Werke solcher Schriftsteller. Betroffen sind unter anderem die bekannten Autoren Boris Akunin* und Dmitri Bykow*, deren Bücher zwar nicht grundsätzlich verboten sind, deren Präsenz im öffentlichen Kulturbetrieb jedoch zunehmend eingeschränkt wird.

Hinzu kommen Werke, gegen deren Autoren strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet wurden oder deren Verbreitung aus juristischen Gründen eingeschränkt ist. Verlage und Buchhandlungen nahmen zahlreiche Titel bereits Ende 2023 aus dem Verkauf.

Auch Literatur mit LGBTQ**-Bezügen geriet zuletzt verstärkt unter Druck: Nachdem der Oberste Gerichtshof Russlands die sogenannte internationale LGBTQ-Bewegung** als „extremistische Organisation“ eingestuft hatte, stellten zahlreiche Verlage die Veröffentlichung entsprechender Bücher ein oder nahmen Titel aus ihrem Programm. Davon betroffen waren sowohl zeitgenössische Romane als auch einzelne Werke internationaler Literatur.

Darüber hinaus könnten Bücher in das geschlossene Archiv gelangen, die auf der Liste „extremistischer Materialien“ stehen oder deren Inhalte nach Auffassung der Behörden gegen geltendes Recht verstoßen. Beobachter halten es außerdem für möglich, dass künftig auch Werke aufgenommen werden, die zwar nicht offiziell verboten sind, von Verlagen oder Händlern jedoch vorsorglich aus dem Sortiment genommen wurden.

Solange aber keine verbindlichen Kriterien veröffentlicht werden, bleibt unklar, welche Literatur tatsächlich unter den Begriff „destruktiv“ fallen soll.

Wandel auf dem russischen Buchmarkt

Die vergangenen anderthalb Jahre brachten tiefgreifende Veränderungen für den russischen Buchmarkt. Nach der Gerichtsentscheidung zur LGBTQ**-Bewegung entfernten zahlreiche Verlage und Buchhandelsketten Bücher aus dem Sortiment, die als problematisch eingestuft werden könnten.

Auch die Kennzeichnung von Werken „ausländischer Agenten“ wurde ausgeweitet. Bereits erschienene Bücher bleiben zwar grundsätzlich erhältlich, werden jedoch mit entsprechenden Hinweisen versehen. Öffentliche Bibliotheken verzichten zunehmend auf Neuanschaffungen dieser Autoren.

Gleichzeitig berichten Schriftsteller und Verlage von einer intensiveren juristischen Prüfung neuer Manuskripte. Teilweise seien Änderungen an einzelnen Kapiteln oder Handlungssträngen verlangt worden, um rechtliche Risiken zu minimieren. Parallel dazu wurden Bibliotheksbestände in mehreren Regionen auf ihre Vereinbarkeit mit den geltenden Vorschriften überprüft.

Historische Parallelen zum „Spezchran“

Die Diskussion erinnert viele Historiker an die Praxis der Sowjetunion. In sogenannten Spezchran-Archiven wurden damals Bücher aufbewahrt, die nur mit besonderer Genehmigung eingesehen werden durften. Dort lagerten unter anderem Werke emigrierter russischer Autoren, Bücher politisch verfolgter Schriftsteller, religiöse Literatur, philosophische Schriften sowie Veröffentlichungen von Dissidenten und Samisdat-Publikationen.

Auch zahlreiche ausländische wissenschaftliche und politische Veröffentlichungen waren nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich. Ziel war es, den Zugang zu als ideologisch unerwünscht geltenden Inhalten zu kontrollieren.

Ob das geplante Archiv tatsächlich eine Rückkehr zu diesem Modell bedeutet, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Die russischen Behörden betonen, dass die Bücher nicht vernichtet, sondern lediglich gesondert aufbewahrt werden sollen. Dennoch sehen viele Beobachter darin einen weiteren Schritt hin zu einer stärkeren staatlichen Kontrolle darüber, welche Literatur öffentlich zugänglich ist.

Viktoria Nedaschkowskaja

*in Russland als „ausländischer Agent“ eingestuft

**in Russland als extremistische Organisation eingestuft und verboten

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