Benzinfreie Diät: In der Treibstoffkrise bleibt kein Russe verschont

Schon seit Wochen diskutieren die Menschen in ganz Russland nicht mehr über die Sperrung des mobilen Internets, sondern über drängendere Probleme. Wo gibt es noch Benzin? Warum herrscht Mangel? Und kann man etwas dagegen tun? Die Antworten hängen vom Blickwinkel und der jeweiligen Position ab.

Benzin
In den Warteschlangen an den Tankstellen stehen Moskauer Autofahrer oft länger als eine Stunde. (Foto: Igor Beresin)

In der aktuellen Benzin-Krise in Russland lassen sich deutlich alle fünf Stufen der emotionalen Bewältigung eines Schocks beobachten. Wir erlebten Verleugnung und Zorn. Manche verhandelten noch, andere sind bereits in tiefe Depression verfallen, doch es gibt auch jene, die die Situation schlichtweg akzeptiert haben. In der klassischen Theorie folgen diese Phasen aufein­ander. Doch in Russland werden die Stufen gern einmal durcheinandergeworfen: Da schließt die Akzeptanz die Depression nicht aus und das Verhandeln verträgt sich bestens mit dem Zorn. Das Wichtigste dabei ist jedoch, nicht zu verallgemeinern. Jeder hat seine eigene Geschichte, die Lage unterscheidet sich von Region zu Region, und zudem verändert sie sich ständig. Alles, was die MDZ-Redaktion tun kann, ist die Beobachtungen festzuhalten.

Verleugnung

Es gibt keine besseren Verleugner als die russischen Amtsträger. Selbst wenn buchstäblich jedem bereits klar ist, dass es ein Problem gibt, wiegt die Obrigkeit das ihr anvertraute Volk in der Sicherheit, dass nichts (Schlimmes) geschehen sei. Der Benzinmangel existiere nur in der Fantasie der Verbraucher, wofür es unwiderlegbare Beweise gebe. Auf dem Papier existieren die Reserven, die Produktion läuft auf Hochtouren und die Regionalverwaltungen tun alles, damit die Verbraucher keinen Schaden nehmen.

Diese Phase ist mittlerweile überwunden. Das Problem selbst wurde nach einiger Zeit eingeräumt, doch die Ursachen wurden noch lange geleugnet. Dass die Angriffe ukrainischer Drohnen auf Raffinerien weit im russischen Inland den Ölmarkt beeinflussen, wurde lange von der Hand gewiesen. Für die Veröffentlichung von Videos mit Drohneneinschlägen und schwarzem Rauch über den Treibstofftanks wurden strenge Strafen angedroht. Doch nach einer gewissen Pause meldete sich Präsident Wladimir Putin zu Wort. Er bezeichnete die Drohnenangriffe auf die Raffinerien als Versuch, Schaden zuzufügen, vor allem aber als Mittel des psychologischen Drucks. Doch er bestreitet, dass dies den weiteren Verlauf der Dinge beeinflussen könnte.

Zorn

Die Unzufriedenheit lässt nicht lange auf sich warten. Zorn bemächtigt sich all jener, die bereits vier Tankstellen abgeklappert haben, an der fünften anstehen, aber der Sprit geht ihnen direkt vor der Nase aus. In diesen Schlangen kommt es mitunter zu Handgreiflichkeiten – hier lassen die Autofahrer ihrem aufgestauten Zorn freien Lauf.

Doch der Frust entlädt sich nicht nur im Umfeld der Tankstellen. Noch viel mehr Empörung rufen jene hervor, die die wahren Ursachen der Krise leugnen. Wenn irgendein Beamter in seinen sozialen Netzwerken schreibt, der Benzinmangel liege an fehlenden Tankwagen, daran, dass alles von Spekulanten aufgekauft wurde, oder die Autofahrer den Hype selbst verursacht hätten, ballen sich bei vielen Autofahrern ganz von selbst die Fäuste. Ja, es gibt Spekulanten. Und ja, es gibt Panikkäufe. Doch die wahre Ursache des Mangels liegt woanders.

Finanzminister Anton Siluanow behauptet, es gebe keine Preissteigerungen. Und das in dem Moment, in dem die Fahrer ihre Tanks nicht mehr für 70, sondern für 125 Rubel pro Liter auffüllen. Blogger, darunter auch deutschsprachige, drehen Videos, die zeigen, wie ruhig es an den Tankstellen zugeht. Es gibt ja Benzin. Und womöglich stimmt das an diesem einen Ort zu diesem einen Zeitpunkt sogar. Doch das ist eine Halbwahrheit, die als ganze Wahrheit verkauft wird. Die Emotionen jener, die sich solche Videos ansehen, während sie in der einstündigen Schlange an der Zapfsäule stehen, sind mehr als verständlich.

Wütend sind auch die Datschenbesitzer: Das Abfüllen von Benzin in Kanister ist verboten – wie sollen jetzt Benzin-Motorsensen, Rasenmäher und Motorhacken betankt werden? Einerseits sind die Limits von 30 Litern pro Tankvorgang nachvollziehbar. Damit es für alle reicht. Doch andererseits muss ein Autofahrer, der zwischen den Regionen unterwegs ist, an fast jeder Tankstelle entlang der Route in langen Schlangen anstehen. Man kann sich lebhaft vorstellen, was Fernfahrer von jenen halten, die diese Limits eingeführt haben.

Verhandeln

Vielleicht ist das ja wirklich alles nur ein vorübergehendes Chaos? Vielleicht regelt sich jetzt alles von selbst? Wer versucht, mit der Realität zu „verhandeln“, düstere Gedanken zu verdrängen und die Lage mit Gebeten zu bessern, verliert haushoch gegen jene, die ein ganz reales Geschäft daraus machen. Beten ist ja immer gut, aber wer es geschafft hat, sich mit Treibstoff einzudecken und nun die Überschüsse weiterzuverkaufen, der gewinnt. Die Nachfrage nach Sensen ist indes bei der Online-Handelsplattform Wildberries um 480 Prozent gestiegen (bei Sicheln um 280 Prozent.

Man kann sich nur ausmalen, wie intensiv innerhalb der Unternehmen des Staatssektors um jeden Liter Benzin „verhandelt“ wird. Wer bekommt den Treibstoff zuerst, wenn er nicht für alle reicht? Und wie sieht es dort aus, wo die regionalen Führungskräfte durchgesetzt haben, dass der gesamte Treibstoff zugunsten des Staatssektors verteilt wird? Angesichts dessen stellten Unternehmer und Ladenbesitzer den Behörden die mehr als berechtigte Frage, wer denn dann die Lebensmittel in die Geschäfte liefern soll.

Depression

Man kann nicht gerade behaupten, dass die Stimmung der Russen schon vor der Benzinkrise und all den anderen Problemen besonders rosig gewesen wäre. Doch der Treibstoffmangel stellt die Menschen vor eine weitaus härtere Prüfung als die Sperrung ihrer Lieblings-Apps. Für Umgehungswege der Internetblockaden fanden sich sofort Lösungen. Beim Treibstoffdefizit funktioniert das nicht. Das Schild „Kein Benzin“ an den Zapfsäulen bedeutet buchstäblich steigende Preise und weitaus weniger komfortable Ausflüge aufs Land. Auch Fernreisen könnten auf der Kippe stehen: Gut informierte Quellen aus der Branche sprechen bereits von Problemen mit dem Kerosin.

Doch selbst wenn man keine großen Sommerpläne geschmiedet hatte, reicht schon der Anblick eines in die Luft fliegenden Tankdeckels oder des Rauchs über St. Petersburg während des Internationalen Wirtschaftsforums, um einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Man kann verbieten, Videos zu veröffentlichen. Aber man kann nicht den ukrainischen Drohnen untersagen, über die Häusern der Russen hinwegzufliegen. Kurzum: Selbst wenn über einem Haus in einem ziemlich abgelegenen Dorf im Gebiet Twer plötzlich ein russischer Militärhelikopter kreist, bringt das keine Beruhigung – eher im Gegenteil.

Der Witz der letzten Woche: „Bitte bezahlen Sie Ihren Einkauf mit einem Lächeln!“ (an der Kasse per Biometrie-Erkennung durch die Sberbank, die ein Lächeln im Gesicht erkennt – Anm. d. Red.), schlug man einem Apothekenkunden vor, der gerade Antidepressiva kaufte.

Akzeptanz

Wie kann man so etwas überhaupt akzeptieren? Wahrscheinlich so, wie man die Realität akzeptiert. Der Krieg beschränkt sich nicht mehr auf „irgendwo dort weit weg“.  Und das missfällt sicher vielen Russen. Viel mehr Menschen als noch vor einigen Monaten hoffen auf Friedensverhandlungen. Der „Treibstoff“ für diesen Meinungswechsel waren nicht allgemeine Überlegungen über Gut und Böse, sondern eine ganz konkrete Substanz. Treibstoff.

Igor Beresin

Newsletter

    Wir bitten um Ihre E-Mail: