
Ich bin ein verantwortungsbewusster Mensch. So einer sollte ein Chefredakteur wohl auch sein. Wenn ich keine Lust auf das habe, was getan werden muss, reiße ich mich zusammen und mache es. Diesmal hatte ich wirklich keine Lust, aufs Land zu fahren. Eigentlich mag ich das Dorf, in dem ich mehr als einen Sommer verbracht habe. Aber es sind 360 km auf der M9 in eine Richtung und dann noch etwa 15 km bis zum Ziel.
Sofort fiel mir ein, wie die Generation unserer Väter Ende der 1980er-Jahre diese Strecke bewältigte: In den Kofferraum kamen zuerst zwei Kanister Benzin, weil man unterwegs nicht immer tanken konnte. Heute hingegen wird in Moskau überhaupt kein Benzin mehr in Kanister abgefüllt. Also musste ich mich schon am Tag vor der Fahrt noch in Moskau um Treibstoff kümmern. Nachdem ich vier Tankstellen abgeklappert und die Schilder „Kein Benzin“ bewundert hatte, wurde ich an der fünften fündig. 1 Stunde 15 Minuten Schlange stehen – und schon war der Tank voll (dafür reichte mein Limit von 30 Litern).

Und an einem wunderschönen Sonntagmorgen, dem 28. Juni, rollte ich bereits auf der M9 (Moskau – Riga) dahin. Die ersten Eindrücke beruhigten: Fünf Tankstellen in Folge waren in Betrieb, keine Schlangen, und die Preise waren nicht allzu happig. Aber warum tanken, wenn der Tank voll ist? Die Vorräte auffüllen wollte ich dann in der Gegend von Subzow, aber ich hatte keine Lust, lange anzustehen – vor mir waren etwa 15 Autos. Also fuhr ich weiter. Doch an der Tankstelle beim Rschew-Denkmal war nichts. Und an der nächsten auch nicht. Und an der darauffolgenden ebenfalls nicht. Und so ging es 170 km lang.
Der Rückweg war entspannter. Gleich zu Beginn meiner Rückfahrt hatte ich Glück, dort zu tanken, wo es gestern noch kein Benzin gab. In der Schlange standen nur drei Autos. Noch einmal musste ich die Vorräte kurz vor Moskau auffüllen, aber auch hier musste ich nicht anstehen. Allerdings war der Treibstoff diesmal teurer. Angesichts der Berichte aus anderen Regionen verstehe ich, dass ich noch einmal Glück gehabt habe. Aber nun muss ich mir wohl ein Fahrrad zulegen. Eines, das mich trägt.


