Farbe zurück: Wie Moskauer Freiwillige Eberzahn-Fliesen retten

Während einige Baudenkmäler zugrunde gehen, werden andere von Freiwilligen gerettet. Die Stiftung „Wnimanije“ engagiert sich für den Erhalt historischer Gebäude. Für ihre Aktionen kann man sich kaum anmelden, die Online-Registrierung ist blitzschnell ausgebucht. Unserer MDZ-Autorin ist es gelungen, an einer davon in Moskau teilzunehmen.

Vier Stunden Arbeit und wenig Ergebnis   (Foto: Nastja Lasarewa)

Samstagmorgen, Stadtzentrum. In der Kasarmenni-Gasse ist alles ruhig. Hier stehen lauter historische Häuser und ein riesiger moderner Luxuswohnkomplex, der wie ein eingesetzter Zahn aussieht. Die Stiftung „Wnimanije“ führt in der Kasarmenni-Gasse eine Freiwilligenaktion durch – die Fliesen aus dem 19. Jahrhundert müssen von Farbe befreit werden. Für die Aktion gab es zehn Plätze. Alle Plätze waren schnell vergeben – in den letzten Jahren haben sich die Moskauer aktiv der Verschönerung ihrer Stadt angenommen.

„Sie müssen sich zuerst eine Stelle aussuchen – wo ist es für Sie bequemer zu reinigen?“, fragt der Architekt und Restaurator Pjotr Schustow.

Ein Denkmal der rationalen Moderne

Das Haus in der Kasarmenni-Gasse 8, Gebäude 1, ist ein siebenstöckiges Mietshaus vom Anfang des 20. Jahrhunderts – ein typisches Beispiel für ein Objekt im Stil der rationalen Moderne. Die völlig glatten Wandflächen, verkleidet mit hellgelben „Eberzahn“-Fliesen, werden nur durch „Fensterumrahmungen“ aus dunkelgrüner Majolika verziert. Das Haus wurde 1977 in den Denkmalkatalog aufgenommen, jedoch aus dem heutigen Verzeichnis geschützter Denkmäler gestrichen. Das Haus gehörte den Kaufleuten Martin Liats und Georg Vocht. Bis 1927 befand sich hier mit Unterbrechungen die Moskauer Niederlassung der Firma „Siemens & Halske“. Im Erdgeschoss gab es ein Geschäft für estnische und finnische Milchprodukte sowie eine Bäckerei.

Das Mietshaus in der Kasarmenni-Gasse   (Foto: Ljubawa Winokurowa)

Heute befindet sich an der Stelle der Bäckerei ein Lebensmittelgeschäft und daneben ein angesagter Barbershop. Pjotr Schustow war der Initiator dafür, die Fliesen an der Außenseite des Hauses zu reinigen. Diese Fliese heißt „Eberzahn“ (Kabantschik). Der Name entstand aufgrund der Besonderheiten ihrer Herstellung. Der Fliesenrohling wurde beidseitig mit Glasur überzogen – so ließ er sich leichter transportieren. An den Stirnseiten des Rohlings befanden sich zwei durchgehende Löcher, die an eine Schweineschnauze erinnerten. Beim Schlag des Maurers mit der Spitzhacke zerbrach der Rohling in zwei einzelne Fliesen mit einer rauen Oberfläche, die beim Verlegen besser am Mörtel haftete. Solche Fliesen waren das Markenzeichen der rationalen Moderne – eines sparsamen Dekorationsstils.

Vom Spaziergang zur Rettungsaktion

Pjotr Schustow wurde auf dieses Haus bei einem Spaziergang durch die Gasse aufmerksam. Die Fliesen im Erdgeschoss des Gebäudes waren von den Kommunalbetrieben weiß überstrichen worden, dabei ist die ursprüngliche Farbe der Fliesen hellgelb. Das Überstreichen ist eine billige Methode, ein Gebäude ordentlich aussehen zu lassen, aber aus historischer Sicht falsch. Pjotr ging in den Barbershop und das Lebensmittelgeschäft und fragte, ob sie etwas dagegen hätten, wenn Freiwillige die Farbe von den Fliesen entfernen. Alle waren einverstanden. „Eigentlich muss man die Mieter oder Eigentümer des Gebäudes fragen. Da die Mieter nichts dagegen hatten, haben wir angefangen“, erklärt Pjotr.

Es scheint, als sei das Entfernen von Farbe von den Fliesen eine sehr einfache Tätigkeit. In Wirklichkeit ist es ziemlich arbeitsaufwändig. Auf jede Fliese muss eine spezielle Lösung aufgetragen werden, dann muss man sieben Minuten warten, bis sie einwirkt, und anschließend die Farbschichten sehr vorsichtig mit einem Spachtel abtragen. In vier Stunden Arbeit kann eine Person auf diese Weise zwei bis drei Quadratmeter Fliesen reinigen. Sehr meditativ und sehr langsam.

Hin und wieder kommen Anwohner vorbei und reagieren unterschiedlich auf die Freiwilligenaktion. Eine Frau schrie uns an, weil hier schon seit einigen Wochen etwas vor sich geht (mit der Fliesenreinigung wurde im Mai begonnen) und sie noch kein Ergebnis sieht. Man hätte ihr gerne vorgeschlagen, Handschuhe anzuziehen und selbst den Spachtel in die Hand zu nehmen. Aber sie schrie und ging. Eine andere Bewohnerin des Hauses lobte die Freiwilligen sehr und gab Hinweise, welche weiteren Häuser in der Nachbarschaft einer Reinigung bedürfen.

Gemeinsam für den Denkmalschutz

Die Freiwilligen, die beim letzten Mal in derselben Gasse bei der Aktion dabei waren, erzählten, dass ein Bewohner des Luxushauses gegenüber praktische Hilfe angeboten hatte. Er stellte seinen Parkplatz zur Verfügung, damit dort ein Baugerüst gelagert werden konnte und spendierte allen Kaffee. Leider war dieser wunderbare Mensch diesmal nicht da, dafür spendierte die Stiftung „Wnimanije“ nach der Arbeit allen Pizza. „Wir haben also buchstäblich fürs Essen gearbeitet“ – scherzen die Freiwilligen. Über neue Freiwilligenaktionen der Stiftung kann man sich in ihren sozialen Netzwerken informieren.

Ljubawa Winokurowa

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