Patriarch Kyrill Buch „Krieg“: Die Pflicht, Sieger zu sein

Das Verlagshaus des Moskauer Patriarchats hat ein weiteres Buch von Patriarch Kyrill herausgebracht - „Krieg: Jenseits der sichtbaren Ursachen und Folgen“. Die Ausführungen des höchsten kirchlichen Hierarchen zum Thema Krieg verdienen definitiv Beachtung.

Das Kirchenoberhaupt am Fest Mariä Verkündigung    (Foto: Artur Nowossilzew/AGN Moskwa)

In der Beschreibung der Publikation mit dem Titel „Krieg: Jenseits der sichtbaren Ursachen und Folgen“ heißt es, dass ihr Autor, Patriarch Kyrill, Begriffe wie Opferbereitschaft, Patriotismus und Sieg aus einer geistlichen Perspektive betrachtet. Das Buch löste zwar keinen solchen Wirbel aus wie die jüngsten Worte des Patriarchen, die er in Sarow – dem wissenschaftlichen Zentrum, in dem die sowjetische Atombombe entwickelt wurde – äußerte: „Durch die Arbeit der Wissenschaftler, Ingenieure und Arbeiter, die hier tätig waren, ist zweifellos die Gnade und Barmherzigkeit Gottes über unserem Land erschienen.“ Doch auch im neuen Werk von Patriarch Kyrill mangelt es nicht an markanten Aussagen.

Spirituelle Überhöhung staatlicher Narrative

Die neue Publikation des Patriarchen über Kriege (Foto: Igor Beresin)

Die Publikation erinnert eher an eine Sammlung von Reden – Predigten oder gar Geschichtsvorlesungen. Dieser historische Teil unterscheidet sich kaum von jenen Narrativen, die man aus dem Munde der meisten russischen Beamten hören kann. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Narrative ist die Idee vom Sonderstatus Russlands als seltenes, wenn nicht gar einzigartiges Beispiel für echte staatliche Souveränität sowie das Bild Russlands als „belagerte Festung“, umgeben von Feinden. Hinzu kommt die Idee der Konfrontation mit dem Westen – einer ideologischen und bisweilen auch militärischen Auseinandersetzung.

In seinem Buch bleibt das Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche im Rahmen dieses Konzeptes, wobei er den Akzent auf die spirituelle Dimension legt. „Während in anderen Ländern die Suche noch andauert, müssen wir nichts mehr suchen. Ich bin zutiefst überzeugt: Wir haben alles gefunden.“ So schreibt der Patriarch über geistliche Werte.

Selektive Geschichtsschreibung

Will man genau hinsehen, lassen sich im Text des Buches Widersprüche finden. Mal schreibt der Autor, dass der Westen Russland gegenüberstehe und dass er keine Zweite Front im Zweiten Weltkrieg eröffnet habe, bevor nicht klar war, dass die Sowjetunion den Sieg davontragen würde. Aber weiter betont er, dass die Länder Europas, „die demokratische Prinzipien proklamierten“, auf der richtigen Seite der Geschichte standen: „Die europäischen Länder traten der Koalition mit Stalin gegen Hitler bei und nicht mit Hitler gegen Stalin.“

Der Patriarch äußert sich unterschiedlich über Stalin und dessen Herrschaft. Er verurteilt natürlich die gottlose Zeit und die stalinistischen Repressionen. Der Patriarch nennt das Regime Stalins „in gewisser Weise verbrecherisch“, zieht jedoch eine Trennlinie zwischen ihm und dem Nationalsozialismus, den er ein „menschenverachtendes Regime“ nennt. Über Chrusch­tschow und dessen „Tauwetter“-Periode äußert sich der Patriarch jedoch fast noch schärfer als über Stalin: „In den 1960er Jahren verkündete ein wahnsinniger Herrscher, dass bis zum Jahr 1980 der Kommunismus aufgebaut sein werde, was bedeute, dass es im Land keinen religiösen Glauben mehr geben würde.“

Theologie des Krieges

Was der Patriarch über Kriege schreibt, war durchaus zu erwarten. In seinem Buch behauptet das Kirchenoberhaupt, dass Russland keine Angriffskriege geführt habe und auch heute keine führe, dass die Russen auf der Seite des Lichts stünden – und dieser Umstand stelle die Auseinandersetzung mit den mongolischen Horden und den Ritterorden, den Krieg gegen Napoleon, den Zweiten Weltkrieg und das, was sich derzeit auf dem Gebiet der Ukraine abspielt, auf eine Stufe. Der Patriarch erklärt zudem, man solle das Gebot „Du sollst nicht töten“ nicht unpassend ins Feld führen, und dass die Russen sich nicht „der historischen Pflicht entziehen dürfen, Sieger zu sein“.

Dem Patriarchen gelingt es, verschiedene Epochen der russischen Geschichte gleichsam in einen Blick zu fassen und die ewigen Widersacher miteinander zu versöhnen – die Liebhaber des vorrevolutionären Russlands und der sowjetischen Ära. Jeder wird im Buch des Patriarchen etwas finden, das ihm dem Geiste nach nahesteht. Zum Beispiel diese aus dem Kontext gerissenen Worte: „Eine der wesentlichen Lehren, die aus dem Zweiten Weltkrieg sowie aus der Nachkriegsgeschichte zu ziehen sind, muss die Überzeugung sein, dass man Völker mit Gewalt nicht dazu zwingen kann, sich einem fremden Willen zu unterwerfen, ihre Eigenart aufzugeben und Teil einer ‚anderen Welt‘ zu werden.“

Igor Beresin

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