
Wie erinnern Sie sich an die Zeit, als die Prozesse zur Wiederbelebung des Deutschen Nationalrayons liefen?
1991 lebte ich bereits in Barnaul, wo ich an der Universität arbeitete. Meine Wurzeln und meine Familie waren aber im Rayon, zu dem ich in den Ferien immer fuhr. Die Veränderungen wurden natürlich diskutiert. Anfangs waren sie kaum spürbar – der Slawgoroder Rayon wurde einfach zum Deutschen Nationalrayon und die Verwaltung zog nach Halbstadt um. Doch allmählich machte sich der Wandel im kulturellen Leben bemerkbar. Damals begann der Austausch mit Deutschland. Das war ein gewaltiger Ansporn: Kollektive, die im Rayon die ersten Plätze belegten, wurden mit Reisen nach Deutschland belohnt. Allein diese Möglichkeit spornte die Menschen an, sich der Kultur zuzuwenden. Ein weiteres wichtiges Phänomen war die massenhafte Ausreise nach Deutschland und das Erlernen der Sprache. Die Leute sprachen damals meist Dialekte, die sich stark vom Hochdeutsch unterschieden.
Wie haben Sie und Ihre Angehörigen die Wiederbelebung des Rayons damals bewertet?
Alle erwarteten positive Veränderungen. Mein Schicksal ist direkt mit der Wiederbelebung des Rayons verbunden – genau deshalb bin ich zurückgekehrt. 1994 ergab sich für mich durch die lokale Verwaltung die Möglichkeit, hier als Leiter einer Baufirma zu arbeiten, und im Frühjahr 1995 zog ich nach Halbstadt. Damals wurde sehr viel gebaut. Das Verwaltungsgebäude des Rayons wurde errichtet, ein Krankenhaus eröffnet. In Kusak wurde ein neuer Flügel dafür gebaut. Die Ärzte mussten irgendwo untergebracht werden und für medizinisches Personal, Lehrer und Ingenieure wurde eine ganze Straße errichtet.
Der Landrat Josef Bernhardt führte damals Verhandlungen mit der deutschen Seite und teilte seinen sehnlichsten Traum: die Verarbeitung lokaler Produkte zu organisieren. Daraufhin wurde beschlossen, eine Käserei in Grischkowka sowie ein Fleischkombinat und eine Mühle in Halbstadt zu bauen. Daraus entstand die Firma „Brücke“, die heute eine Marke des Rayons ist. Die Entstehung von Arbeitsplätzen und Wohnraum zog Menschen an. Damals hat uns sehr geholfen, dass viele gebildete Spezialisten aus den asiatischen Republiken kamen. Sie haben praktisch vollständig diejenigen ersetzt, die nach Deutschland ausgereist waren. Dadurch ist die Einwohnerzahl des Rayons nicht stark gesunken.
Wie bewerten Sie 35 Jahre später die Entscheidung, den Rayon wiederherzustellen?
Eindeutig positiv. Es war eine zeitgemäße Entscheidung. Wenn sie damals nicht getroffen worden wäre, stünden die Dörfer des Rayons heute leer. Und das waren und sind sehr gute Dörfer. Bis heute bewahren sie ihren besonderen Charme.
Was hat Sie persönlich davon abgehalten, nach Deutschland auszureisen?
Die Möglichkeit bestand. Während meiner Universitätszeit absolvierte ich ein Praktikum in Gießen und lernte gut Deutsch. Aber als ich zurückkehrte, entschieden wir uns mit meiner Familie, hier zu bleiben. Meine Frau ist Russin, sie hat an der Pädagogischen Universität in Barnaul studiert und ist von Beruf Mathematiklehrerin. Es wäre schwer für sie gewesen an einem neuen Ort. Unser Haus ist hier.
Bereuen Sie das nicht?
Bis heute nicht. Man kann überall arbeiten, solange der Wunsch da ist.
Als Vorsitzender der national-kulturellen Autonomie helfen Sie den Deutschen, ihre Identität zu bewahren. Was bedeutet das für Sie?
Die Zeiten, als das ganze Dorf Deutsch sprach, kommen leider nicht zurück. Wir müssen die Realität akzeptieren. Deshalb schaffen wir Möglichkeiten für alle, die Sprache und Kultur lernen wollen. Denn ein Deutscher Nationalrayon verliert seinen Sinn, wenn es keine Deutschen gibt, die ihre Kultur kennen. Zusammen mit den Schulen sichern wir die Kontinuität. Drei Schulen haben den Status ethnokultureller Schulen, in allen wird Deutsch unterrichtet. Nach dem Unterricht gehen die Kinder in die Zentren der deutschen Kultur, die es in jedem Dorf gibt. Dort arbeiten engagierte Menschen, auf denen die Kultur vor Ort ruht. Als Vorsitzender unterstütze ich sie, etwa bei Anträgen beim Internationalen Verband der deutschen Kultur.
Unsere Kollektive wie „Morgenrot“ und „Tautropfen“ treten mit nationalem Repertoire auf. Eine große Rolle spielt auch die Rayon-Kunstschule, die talentierten Kindern eine professionelle Ausbildung bietet.

Kommen Aussiedler aus Deutschland in die Begegnungszentren?
Der Strom der Rückkehrer ist bei uns noch nicht sehr groß. Allen Zuzüglern versuchen wir nach Kräften zu helfen, wir begegnen ihnen wie Verwandten. Zuerst beginnen wir mit der Arbeit mit den Kindern – wir motivieren sie, an Olympiaden teilzunehmen, vor allem in Fremdsprachen. Wenn ein Kind Erfolg hat, erwacht sein eigenes Interesse am Lernen und an dem Ort, an dem es gelandet ist. Wenn sich Kinder für Sport interessieren, unterstützen wir sie. Wir bemühen uns, dass die zugezogenen Kinder an allen Bereichen des Dorflebens teilnehmen.
Mit der Beschäftigung ist die Situation etwas schwieriger: Jeder Mensch muss selbst entscheiden, was er tun möchte. Der eine eröffnet sein eigenes Geschäft, der andere arbeitet bei „Brücke“. Außerdem gibt es in fast jedem Dorf große landwirtschaftliche Unternehmen, dort werden immer hochqualifizierte Spezialisten gesucht.
Was würden Sie denen sagen, die aus dem Rayon weggegangen sind?
Die Entscheidung zu gehen, trifft jeder für sich selbst. Und zu sagen, ob sie Glück hatten oder nicht, ist sehr subjektiv. Ich denke, diejenigen, die geblieben sind, bereuen heute ebenfalls nicht, diesen Schritt getan zu haben. Die Möglichkeit zu gehen, gibt es bis heute für alle. Aber da praktisch niemand mehr geht, bedeutet das nur eines: Alles, was wir im Rayon getan haben, war richtig. Wir haben den richtigen Weg gewählt.
Das Gespräch führte Olga Silantjewa.


