16 Dörfer in der sibirischen Steppe: Wo Russland am deutschesten ist

In den letzten drei Jahrzehnten sind zwar die meisten, aber längst nicht alle Russlanddeutschen als Spätaussiedler nach Deutschland ausgewandert. Von denen, die geblieben sind, leben einige Tausend im Deutschen Nationalen Rayon, der vor 30 Jahren im Steppenland der sibirischen Altai-Region (wieder)gegründet wurde. Wie geht es ihnen dort?

Der Nationalkreis heißt am Straßenrand auf Deutsch und Russisch willkommen. (Foto: Tino Künzel)

Man sollte das lieber gleich präzisieren, damit keine Missverständnisse aufkommen: Die russische Altai-Region mit ihrem Deutschen Nationalen Rayon ist nicht gleichbedeutend mit dem Altai-Gebirge weiter südlich, sie ist so ziemlich das ganze Gegenteil davon. Mit etwas Übertreibung könnte man sagen: Wer sich auf die Zehenspitzen stellt, der kann den Rayon von einem Ende zum anderen überblicken, so flach liegt er da unweit der Grenze zu Kasachstan mitten in der Kulunda-Steppe, die wiederum Teil der westsibirischen Tiefebene ist. Was von einem erhöhten Standpunkt zu sehen wäre, sind Sonnenblumenfelder bis zum Horizont, Landstraßen, die etwas mehr Fürsorge vertragen könnten, und 16 Dörfer. Sie wurden vor 30 Jahren, im Juli 1991, zum Deutschen Nationalen Rayon zusammengeschlossen – bereits zum zweiten Mal.

Das deutsche Ehepaar Elisaweta und Iwan Peters im Dorf Grischkowka (Foto: Wassilina Warjucha)

Der Nationalkreis hatte zunächst von 1927 bis 1938 bestanden, damals allerdings noch mit 57 Dörfern. Deren Bewohner waren deutsche Umsiedler aus dem europäischen Teil Russlands, vor allem von der Wolga. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Agrarreformen von Pjotr Stolypin, zunächst Innen- und dann auch Premierminister unter dem letzten Zaren Nikolaus II., zu einer kleinen Völkerwanderung nach Sibirien geführt, wo es Land in Hülle und Fülle gab. Mehrere Millionen Menschen fanden in zuvor nahezu unbewohnten Weiten eine neue Heimat, darunter auch viele Deutsche.

Zwei Nationalkreise statt einer Wolgarepublik

Mitten in die Auflösungserscheinungen der Sowjetunion hinein bekam der Deutsche Rayon eine zweite Chance. Das war das Resultat einer unerfüllt gebliebenen Hoffnung. 50 Jahre hatte fast eine halbe Million Wolgadeutsche, 1941 nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges als angebliche fünfte Kolonne des Feindes aus ihrem traditionellen Siedlungsgebiet nach Sibirien und Kasachstan deportiert, von der Rückkehr nach Hause geträumt. Doch selbst in der Perestroika-Zeit, als über das Unrecht, das ihnen widerfahren war, mehr oder weniger offen gesprochen werden konnte, waren die Widerstände gegen eine Neuauflage der deutschen Wolgarepublik letztlich zu groß.

„Druschba-Freundschaft“: Kindergarten „Sonnenschein“ in Podsosnowo (Foto: Tino Künzel)

Und so wurden in Sibirien zwei kleinere Nationalkreise (der zweite bei Omsk) eingerichtet, um den Russlanddeutschen zumindest hier Perspektiven zu bieten und Hilfen aus Deutschland gezielt adressieren zu können. Neun von zehn Bewohnern gingen jedoch lieber gleich nach Deutschland. Seit 1989 hat allein Podsosnowo als größtes Dorf des Nationalen Rayons im Altai 2465 Menschen verloren – mehr, als der Ort heute Einwohner hat. Ein Denkmal namens „Kraniche“ erinnert daran, wie viele man ziehen lassen musste und was sie für Podsosnowo geleistet haben.

Denkmal für die, die nicht mehr hier sind, am Ortseingang von Podsosnowo (Foto: Dmitrij Chulanow)

Deutsch ist selten geworden

Seitdem, das hört man oft, hat der Rayon viel von seinem eigenen Charakter eingebüßt. Noch immer sind die Dorfstraßen breiter, die Zäune niedriger und die Vorgärten gepflegter als anderswo in der nicht eben wohlhabenden Region, doch so manches hat sich nivelliert. Sprachen die hiesigen Kinder noch in den letzten Jahrzehnten der Sowjetunion oft kein Russisch, bis sie eingeschult wurden, weil sie nur mit Deutsch – genauer gesagt: deutschen Dialekten – aufwuchsen, so ist es heute umgekehrt. Deutsch ist als Umgangssprache kaum noch präsent, es muss wie die deutsche Kultur in der Schule und in den Kulturhäusern gehegt und gepflegt werden, um nicht weiter zu verschwinden. Dass dieser Aufgabe mit viel Herzblut nachgegangen wird, merkt der Gast schnell.

Nach der letzten Volkszählung von 2010 ist ungefähr jeder dritte Einwohner des Deutschen Nationalen Rayons deutsch. So viele deutsche Namen auf engstem Raum findet man sonst nirgendwo in Russland. Diesen Herbst ist nun wieder eine Volkszählung fällig. Ihren Ergebnissen wird im Rayon mit einigem Bangen entgegengeschaut, denn es muss befürchtet werden, dass der Anteil der Deutschen an der Gesamtbevölkerung des Kreises, die sich auf knapp 16.000 Menschen beläuft, weiter zurückgegangen ist. Zumindest die großen Ausreisewellen sind zum Glück vorbei. Deutschland hat einiges getan, um die Leute zum Bleiben zu bewegen. Mit deutschen Geldern konnten überall die Kulturhäuser erhalten werden – im ländlichen Raum beileibe keine Selbstverständlichkeit. Auch Wohnraum wurde dank der Unterstützung gebaut oder etwa die Fleischfabrik Brücke aus Halbstadt, dem Verwaltungszentrum des Rayons. Sie wirbt mit „traditioneller deutscher Qualität aus dem Altai“ und genießt einen guten Ruf.

Landleben weit weg von allem

Generell ist es durchaus erstaunlich, was es in den Dörfern des Rayons in Relation zu ihrer Einwohnerzahl dann doch alles gibt, angefangen bei der stattlichen, 2007 eingeweihten und durchaus modern ausgestatteten Schule in Halbstadt mit ihren 270 Schülern bis hin zum eigenen Eis, das in Podsosnowo hergestellt wird. Alexander Steinbeck, der Vorsitzende der „National-Kulturellen Autonomie der Deutschen“ im Rayon, erklärt das damit, man sei eben „weit weg von größeren Städten“. Das sei „Plus und Minus zugleich“, jedenfalls erfordere es eine gewisse Grundausstattung.

Schautafeln informieren in Halbstadt über die Geschichte von Gebäuden (Foto: Tino Künzel)

In der Tat sind es bis nach Nowosibirsk über 350 Straßenkilometer, bis nach Barnaul 400. Der deutsche Rayon ist auch in dieser Hinsicht Landleben pur. Halbstadt, die „halbe Stadt“, hat lediglich 1672 Einwohner. Der Status als Verwaltungszentrum habe dem Ort wahrscheinlich die Existenz gerettet, meint Steinbeck. Die anderen Dörfer des Rayons hätten ja wenigstens ihre Kolchosen gehabt.

Die Kolchosen und die gute alte Zeit

Von diesen sowjetischen Agrarbetrieben hing in früheren Zeiten das gesamte Wohl und Wehe eines Ortes ab. Sie waren nicht nur Arbeitgeber, sondern auch Wohltäter, unterhielten die soziale Infrastruktur. Der Kolchosvorsitzende war für die Menschen wichtiger als die Chruschtschows oder Breschnews in Moskau. In Podsosnowo haben sie sogar eine Straße nach Friedrich Schneider benannt, der von 1960 bis 1988 Vorsitzender des dortigen Kirow-Kolchos war. Und weil der Kolchos bis heute für das Gute steht, das die Leute vor Ort mit der Sowjetzeit verbinden, hat sein marktwirtschaftlicher Nachfolger den Namen kurzerhand beibehalten.

Hier wird Deutsch gesprochen bzw. geschrieben. (Foto: Tino Künzel)

Mehr noch, die 70-Jahr-Feier der Kooperative wurde letztes Jahr zum Anlass genommen, die Statue von Sergej Kirow wieder aus der Versenkung zu holen. Sie war 1966 schon einmal in der Ortsmitte errichtet, aber während der Perestroika demontiert worden. Nun ist Kirow, der unter Stalin Parteichef von Leningrad war und nach dem in der Sowjetunion Städte, Betriebe, Straßen, Parks und eben auch Kolchosen benannt wurden, nachdem er 1934 einem Anschlag zum Opfer fiel, wieder da. Das Denkmal steht prominent am Ortseingang, vis-à-vis der Installation „Kraniche“.

Ein deutsches Familienschicksal

Überhaupt ist sowjetische Symbolik im deutschen Rayon vielleicht noch ein bisschen häufiger als anderswo. Jakow Rothermel stößt sich daran aber garantiert nicht. „Wir hatten ein gutes Leben im Sozialismus“, sagt der 83-Jährige, der seinen Nachnamen mit „Rot und Ärmel“ übersetzt. Er könnte das mit dem guten Leben auch anders sehen. Seine Familie zog von der Wolga nach Podsosnowo um, er wurde bereits hier geboren und bekam früh zu spüren, was es heißt, Deutscher zu sein. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, der wurde Ende der 1930er Jahre zusammen mit anderen fortgeschafft und starb 1942 in den Goldminen an der Kolyma, wo der Gulag seine gefürchtetsten Lager hatte. Weil auch seine Mutter zur Trudarmee musste, blieben er und sein Bruder allein zurück.

„Was soll ich denn in Deutschland?“ Jakow Rothermel (Foto: Tino Künzel)

Als Jakow Rothermel nach dem Krieg zur Schule ging, gab es in Podsosnowo kaum eine Handvoll Russen. Heute sind dagegen nur noch wenige Deutsche übrig. In den Häusern derer, die nach Deutschland ausgewandert sind, wohnen längst Zugezogene. „Die Leute da drüben stammen aus Kamtschatka, ich selbst bin aus Nowosibirsk und jetzt schon 20 Jahre hier“, sagt ein Bewohner, der sich als Wladimir Michailowitsch vorstellt. Von den Häusern schwärmt er: „Keine einzige Latte ist verfault. Die Deutschen haben eben für die Ewigkeit gebaut.“

Eine Kirche mit kleiner Gemeinde

Rothermel waren als Kind nur vier Schulklassen vergönnt, dann musste er im Kolchos ran. Später hat er 40 Jahre in einem Fischereibetrieb auf einem der Seen in der Gegend gearbeitet. Seine Brigade sei die beste im ganzen Altai gewesen und er der „König der Fischer“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. Heute ist er oft in der evangelisch-lutherischen Kirche gleich gegenüber der Stadtverwaltung zu finden. Die sei 1954 gebaut worden, nachdem ein Vorgängerbau in der Stalinzeit abgerissen wurde, erzählt er.

Auf seine alten Tage hat er sich darum gekümmert, die Kirche – ein einstöckiges, aber hübsches Gebäude – wieder auf Vordermann zu bringen, denn „sie war in einem schlimmen Zustand, das hätten Sie mal sehen sollen“. Im gemütlichen Innenraum warten zahlreiche Stuhlreihen auf Besucher. „Ich habe alles dafür getan, dass die Leute kommen, aber wir sind in der Gemeinde nur noch zu viert“, so Rothermel. Die Gottesdienste hält er selbst und spricht auch auf Beerdigungen, wenn die Trauerrede auf Deutsch gewünscht ist. Seine Muttersprache hat er nicht vergessen, nur lesen und schreiben kann er sie nicht. Das kam in der Schule erst ab der fünften Klasse dran.

Als er wieder einmal auf der Bank vor dem Eingang sitzt, kommt eine junge Auswärtige auf ihn zu. Sie hat sich in der Kirche umgeschaut und fragt höflich, ob man die Literatur, die dort ausliegt, wohl käuflich erwerben könne. Rothermel antwortet: „Wir verkaufen nichts.“ Es klingt im ersten Moment ein wenig grob, ist aber ganz anders gemeint. Als die irritierte Frau schon gehen will, schiebt er hinterher: „Nehmen Sie einfach, was Ihnen gefällt, wir verlangen dafür kein Geld.“

Deutschland? „Was soll ich denn dort?“

Sicher wäre der Rentner auch gern zur 30-Jahr-Feier des Deutschen Nationalen Rayons gekommen, die am 30. Juli als großes Volksfest im Stadion von Podsosnowo geplant war. Doch wegen Corona musste die Veranstaltung abgesagt werden. Nun soll sie im Herbst in einem anderen Rahmen stattfinden, wenn es die Lage dann zulässt.

Ein bisschen gefeiert wurde der runde Geburtstag dann doch, wenn auch nur vor geladenen Gästen in der Aula der Schule von Halbstadt. (Foto: Tino Künzel)

Zum Abschied sagt Jakow Rothermel, dass seine gesamte Verwandtschaft heute in Deutschland lebt. Die Kinder hätten Heimweh, aber ihre Kinder seien bereits dort, in Europa, heimisch. Er selbst hat sich das Ganze mal angeschaut, aber weg wollte er nie. „Was soll ich denn in Deutschland? Das ist nicht meins. Und bei uns hier gibt es doch alles, was man zum Leben braucht.“

Tino Künzel

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