
Die zentrale Frage, die der Film beantwortet, lautet: Wer sind die Russlanddeutschen? „Die Russlanddeutschen sind ein besonderes Volk, das dem deutschen Volk nicht ganz ähnelt und sich ein wenig von den Russen unterscheidet“, sagt der Unternehmer Viktor Schmidt aus Saratow im Film. „Denn wir haben die Kultur und die ethnische Identität Russlands verinnerlicht. Wir sind Russen, nur ethnisch gesehen sind wir Deutsche.“
Wer sind die Russlanddeutschen?
Die Vorfahren von Viktor Schmidt kamen auf Einladung von Katharina der Großen nach Russland und ließen sich in Katharinenstadt (heute die Stadt Marx, Gebiet Saratow) nieder. Sie waren Lutheraner. Und als in der Kolonie eine Kirche entstand, spendeten sie stets dafür. In den 1930er Jahren wurde die Kirche geschlossen, in ein Kulturhaus umgewandelt und der Glockenturm abgetragen. In den 1990er Jahren wurde das Gebäude den Gläubigen zurückgegeben. Und in den 2010er Jahren hat die Familie von Viktor Schmidt den Glockenturm wieder aufgebaut und die gesamte Kirche restauriert.
Kulturellen Code bewahren
Dmitri Dieser, Landrat des Deutschen Nationalrayons Asowo (Gebiet Omsk), erklärt, dass die Russlanddeutschen im Laufe der Geschichte ihren „kulturellen Code und ihren kulturellen Kern“ bewahrt hätten. Und gerade der IVDK wurde zu jener Einrichtung, die – nach den Worten seines Gründers Heinrich Martens – die Aufgabe übernommen hat, diese Eigenständigkeit zu bewahren.
Der Film zeigt, dass die Bewahrung der ethnischen Identität keine abstrakte Idee ist, sondern tägliche Arbeit mit Menschen – mit Familien, mit Kindern und Jugendlichen sowie mit Erwachsenen. Petr Schifelbaen, stellvertretender Geschäftsführer des IVDK, formuliert die Hauptaufgabe der Organisation wie folgt: „Den Keim der ethnokulturellen Identität säen, die Möglichkeit geben, sich selbst kennenzulernen, damit dieser Keim im Menschen wachsen kann und er später andere in die Projektarbeit des IVDK einbezieht.“

Aus dem Kokon geschlüpft
Ein anschauliches Beispiel für diese Arbeit beschreibt Tatjana Chaustowa aus Barnaul. Die Leiterin des Kultur- und Geschäftszentrums „Deutsche des Altai“ gibt zu, dass sie, als sie zum IVDK kam, sozusagen „aus ihrem Kokon geschlüpft“ sei. Was in ihrer deutschen Familie im deutschen Dorf im Altai als ganz selbtsverständlich galt, habe hier an Wert gewonnen. „Ich habe verstanden, worin ich mich unterscheide, dass ich eine Russlanddeutsche bin. Und nun vermittle ich dieses Bewusstsein auch meiner Tochter“, erzählt sie.
Olga Osetrowa aus Stary Oskol, Gebiet Belgorod, Vertreterin der russlanddeutschen Begegnungszentren in den Regionen Zentral- und Nordwestrussland, bezeichnete auf dem Forum die Weitergabe von Traditionen von der älteren Generation an die Jugend als ein wahres Wunder: „Kultur wird von Mund zu Mund, von Hand zu Hand weitergegeben. Die jungen Leute kommen eigentlich, um Spaß zu haben, aber dann lassen sie sich davon begeistern und geben es weiter.“
Der Film zeigt auf sehr greifbare Weise, wie der IVDK konkret seine Arbeit gestaltet und wie trockene Aussagen aus Geschichtsbüchern über Traditionen und Sprache der Volksgruppe in lebendige Praxis umgesetzt werden.
Sport als Tür zur Identität
Hier sei das wohl am wenigsten offensichtliche Beispiel aus dem Film angeführt. Einer der Arbeitsschwerpunkte des Verbandes ist der Sport mit sprachlicher Komponente. Bereits 2011 wurde die Fußballmannschaft der Russlanddeutschen gegründet. Dieses Projekt brachte Menschen mit deutschen Wurzeln zusammen, die vielleicht nicht in Gesangs- oder Tanzgruppen gehen und auch nicht an ethnografischen Expeditionen teilnehmen, sich aber für Sport begeistern. Und gerade durch den Fußball gelang es der Organisation, ihr Interesse an ihren Wurzeln zu wecken.
Der Fußballspieler Ruslan Tabuldin aus Orenburg gesteht im Film: „Mit der Zeit wurde mir klar, dass die Familie ein sehr wichtiger Bestandteil meines Lebens ist und dass es wichtig ist zu wissen, woher meine Vorfahren stammen und wie sie hierhergekommen sind. Jetzt brennt all das in mir. Ich möchte das an andere weitergeben und bei den Kindern und Jugendlichen, die zu den ethnokulturellen Sprachtreffen kommen, bei denen ich mitarbeiten werde, ein Feuer entfachen. Damit sie beginnen, sich für ihre Sprache, ihre Kultur und die Geschichte ihrer Vorfahren zu interessieren, und dies als etwa Eigenes in die Zukunft tragen.“
Die verlorene Heimat wiedergefunden
Und die Geschichte von Irma Belenina, der Leiterin des Regionalen Zentrums für deutsche Kultur „Hoffnung“ in Samara, geht einem am Ende des Films mitten ins Herz. Sie erzählt, wie sie 2006 den Traum ihres 80-jährigen Vaters verwirklichen konnte – eines ehemaligen Angehörigen der Arbeitsarmee und gebürtigen Einwohners der Republik der Wolgadeutschen. Zu seinem Jubiläum stiegen sie ins Auto und machten sich auf die Suche nach dem Ort, an dem einst sein Heimatdorf Müller am Ufer der Wolga gelegen hatte.

„Ich dachte, wir würden nichts finden, mein Vater hatte alles vergessen. Aber ein Anwohner hat uns geholfen“, erinnert sich Irma. „Dort war nichts mehr übrig, nur Hügel an der Stelle, wo einst die Häuser standen, aber die Straßen waren noch zu erkennen.“ Der Vater ging diese „Straßen“ entlang, zeigte, wo ihr Haus gestanden hatte, fand die Überreste der Tischlerei, in der ihr Großvater gearbeitet hatte, und erinnerte sich daran, wo die Gärten, die Schule und die Kirche gewesen waren.
„Als wir schon auf dem Rückweg waren, wandte er sich mir zu – mit Augen voller Glück und Wehmut – und sagte: ‚Und du hast gesagt, ich hätte es vergessen.‘“ Für ihren Vater war dies ein echtes Wiedersehen mit seiner verlorenen Heimat, und Irma Belenina ist sich sicher: Ohne ihre Zugehörigkeit zu dieser russlanddeutschen Bewegung hätte sie das nicht schaffen können.
Diese Geschichte über Menschen, ihre Wurzeln und Hoffnungen sowie über die 35-jährige Arbeit des IVDK ist ab 28. Juni auf dem Portal RusDeutsch zu sehen.
Olga Silantjewa


