Sperlings neues Nest im Altai

Vor drei Jahren traf Familie Sperling eine schwierige Entscheidung: Sie zog von Deutschland nach Russland. Nicht in eine Großstadt, sondern in den Deutschen Nationalrayon im Altai. Vor Kurzem haben die Sperlings im Rayonszentrum Halbstadt ein Café eröffnet, in dem sie ihre Gäste mit Gerichten der deutschen Küche verwöhnen wollen.

Jewgenija und Andrej Sperling in ihrem neuen Café (Foto: privat)

Die Geschichte von Jewgenija und Andrej Sperling scheint typisch für Tausende Russlanddeutsche zu sein. Sie wurden in Kasachstan in Familien geboren, deren Vorfahren aus der Ukraine deportiert worden waren. In ihrer Kindheit zogen sie zusammen mit ihren Verwandten nach Deutschland: er 1989, sie 1991. „Wir sind Deutsche durch und durch, nicht einmal Spätaussiedler“, erzählt Jewgenija. „Mein Großvater träumte immer: ‚Wir fahren in die Heimat, dort wird man uns anerkennen.‘ Aber letztendlich …“

Den Aufbruch wagen

In Deutschland hatten die Sperlings alles, was man gemeinhin als Erfolg betrachtet: ein eigenes Haus in Rheinland-Pfalz, zwei Autos, einen festen Arbeitsplatz und Kinder – sie haben zwei Söhne. Doch nach und nach machten sich die mentalen Unterschiede bemerkbar. „Als in der vierten Klasse des älteren Sohnes Sexualkunde auf dem Stundenplan stand, wurde mir klar: Das ist nicht ganz das, wofür unsere Vorfahren ausgewandert sind“, sagt Jewgenija.

Allerdings waren es nicht nur die Lehrpläne in der Schule, die beunruhigten, sondern auch die Stimmung in der Gesellschaft, die in Deutschland nach dem 24. Februar 2022 spürbar geworden war.

Das Ehepaar wägte alles ab und beschloss: Es ist Zeit, nach Russland zu ziehen. Von diesem Moment an beginnt ihre einzigartige Geschichte, die mit dem Umzug in ein Lan verbunden ist, in dem sie nie gelebt haben. Doch es steht ihnen im Geiste nahe.

Sie hatten Belgorod und die Region um Moskau in Betracht gezogen, doch letztendlich fiel die Wahl auf die Region Altai. „Im Deutschen Nationalrayon leben Deutsche, hier wird es für uns einfacher sein, ganz von vorn anzufangen“, so ihre Überlegung. „Wir dachten: Wir lernen Russisch, und wenn es nötig ist, ziehen wir später in eine andere russische Stadt.“ Verwandte und Bekannte der Sperlings konnten das damals nicht nachvollziehen. In ihrer Vorstellung war Russland mit der Armut und der Willkür der 1990er-Jahre verbunden, aus der sie nur allzu gerne entkommen wollten. „Warum fahrt ihr dorthin?“, fragten sie Jewgenija und Andrej.

Zunächst ließen sie sich in Schumanowka nieder, einem Dorf, das vor über 100 Jahren von Mennoniten gegründet wurde. Doch ist es hier nicht einfach, Arbeit zu finden, zumal ohne russische Staatsbürgerschaft, die nicht sofort erteilt wird. Jewgenija versuchte es bei der Post, doch das Gehalt betrug dort nur 9000 Rubel (umgerechnet rund 90 Euro) im Monat. Als dann auch noch ihr Haus überflutet wurde, zogen die Sperlings in das Rayonszentrum Halbstadt. Dort kaufte die Familie 2023 einen kleinen Laden.

Wurzeln schlagen

„Im Sommer kommen viele Touristen nach Halbstadt, die ihren Urlaub im Ferienort Jarowoje am See verbringen. Der Ort liegt etwa eine Autostunde von uns entfernt. Letztes Jahr kamen viele nach einem Museumsbesuch zu uns – man hatte uns den Gästen ja als Deutsche aus Deutschland vorgestellt – und fragten nach etwas Deutschem. Wir wollten sie unbedingt bewirten oder ihnen ein Andenken mitgeben. Wir haben sogar angefangen, kleine Souvenirs herzustellen“, erzählt Jewgenija. Genau so reifte der Plan, ein eigenes deutsches Café zu eröffnen.

Die Wahl des Namens „Sperling“ war bewusst getroffen. „Wir tragen einen schönen deutschen Nachnamen, der perfekt zur Geschichte Halbstadts passt. Warum sollten wir daraus nicht eine Marke machen?“, lächelt Jewgenija. Doch hinter dem Namen verbirgt sich mehr als nur die Familiengeschichte. „Ein Sperling ist ein Vogel, der sich überall anpassen kann, egal wo er landet. Trifft das nicht genau auf uns zu?“

Details entscheiden (Foto: privat)

Andrej und Jewgenija haben sich fünf Monate lang auf die Eröffnung des Cafés vorbereitet: Sie haben die Räumlichkeiten umgestaltet, die Erwartungen der Touristen analysiert und die Vorschriften der russischen Verbraucherschutzbehörde (Rospotrebnadzor) gründlich studiert. Im Interieur findet sich Fachwerk, auf der Speisekarte stehen Wiener Schnitzel, Currywurst und Strudel nach mennonitischer Art; an der Bar werden deutsche Bierkrüge gereicht.

Zwischen Herausforderung und Hoffnung

Das Café hat gerade erst eröffnet. Wie es weitergehen wird, wissen die Sperlings noch nicht. Der Touristenstrom unterliegt starken Schwankungen. Selbst Landrat Iwan Gaas wies in einem früheren MDZ-Interview darauf hin: Der Ethnotourismus im Nationalrayon hat seine Tücken. „Im Winter kommen keine Touristen hierher“, sagte er, „ein Unternehmer muss aber das ganze Jahr über seine Familie ernähren.“ Und auch die Einheimischen haben es nicht eilig, ihre Zeit im Café zu verbringen. „Es ist schon eine Herausforderung“, räumt Jewgenija ein.

Würde sie anderen Russlanddeutschen aus Deutschland raten, nach Altai zu ziehen? „Ehrlich gesagt ist es schwierig“, gibt Jewgenija zu. „Ohne Geld, ohne Team und ohne Unterstützung ist es unrealistisch, umzuziehen und ein Unternehmen zu gründen.“

Doch sie bereut ihre Entscheidung nicht. „Hier haben wir mehr Ruhe für unsere Kinder.“ Ja, die Söhne sagen manchmal, dass sie nach Deutschland zu ihren Großeltern wollen. Aber hier sind sie bereits zu Hause. Ilja, der älteste Sohn, tanzt in einem deutschen Folklore-Ensemble und reitet gerne. Michael, der Jüngere, spielt Akkordeon. Sie haben Freunde und Pläne für die Zukunft.

„Ich möchte, dass Halbstadt zu einem Ort wird, den Menschen aufsuchen, um sich inspirieren zu lassen – von der Gastfreundschaft, der Kultur, der Geschichte“, erzählt Jewgenija. „Ich möchte, dass Halbstadt floriert.“

Olga Silantjewa

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