
Gerhard Sawatzkys monumentales Werk „Wir selbst“ schildert auf fast 900 Seiten eine Welt, die es nicht mehr gibt: die deutsche Autonomie der Wolgadeutschen (1918–1941).
„Das ist ein Buch über die Wolga. Wahrscheinlich das einzige, das so umfassend das Leben in der Wolgarepublik in einer historischen Umbruchsphase schildert“, erklärt Alexander Heier, Direktor des Tomsker Deutsch-Russischen Hauses. „Meine Familie wurde aus dem Wolgagebiet nach Kasachstan deportiert, ich bin in einem Dorf unter Menschen aufgewachsen, wie sie im Roman vorkommen. Beim Lesen habe ich diese Wolgadeutschen sofort wiedererkannt: In den Figuren sah ich meine eigenen Nachbarn und Verwandten.“
Das Schicksal des Manuskripts
Der Weg des Manuskripts war jedoch von Tragödien gezeichnet. Sawatzky, der einer mennonitischen Familie im Schwarzmeergebiet entstammte, zählte in den 1930er-Jahren zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der russlanddeutschen Literaturszene. Auszüge des Romans wurden in Zeitschriften vorveröffentlicht, die Leserschaft fieberte dem vollständigen Werk entgegen. Doch im Herbst 1938 verhaftete der NKWD den Autor. Die druckfertigen Exemplare wurden vernichtet. Sechs Jahre später starb Sawatzky in einem Gulag-Lager bei Solikamsk am Ural.
Was blieb, war das von seiner Frau Sofia gerettete Originalmanuskript. Trotz der Deportation nach Sibirien im September 1941 und der folgenden Verschickung in den Norden 1942 nahm sie das maschinengeschriebene Manuskript mit sich. Jahrzehntelang lag das Werk im Verborgenen. Erst in den 1980er-Jahren übergab Sofia es dem Schriftsteller Hugo Wormsbecher, auf dessen Initiative eine gekürzte Fassung im Almanach „Heimatliche Weiten“ erschien. Der Durchbruch kam 2020: Über 80 Jahre nach der Entstehung wurde „Wir selbst“ dank der Arbeit des Literaturwissenschaftlers Carsten Gansel erstmals vollständig in einem Berliner Verlag publiziert.

Briefe aus Moskau und aus dem Gulag
„Als mein Sohn Pavel mir von der Veröffentlichung des Romans erzählte, war meine erste Reaktion: ‚Das glaube ich nicht. Das kann nicht sein!‘, erinnert sich Jewgenija Engel, Enkelin des Schriftstellers. „Denn wir waren fest davon überzeugt, dass das Manuskript verloren gegangen war. Meine Großmutter hat es niemandem überlassen. Nach den Kindern war es das Wertvollste, was ihr geblieben war. Sie erzählte uns, dass immer wieder Leute kamen und danach fragten, doch sie konnte sich einfach nicht davon trennen. Die Mappe, in der es lag, hat sie mir einmal gezeigt – ich erinnere mich noch genau. Und plötzlich das Wunder: das veröffentlichte Buch!“
Jewgenija Engel, die in Tomsk lebt, brachte einen Ordner mit Briefen ins Deutsch-Russische Haus: Schreiben Sawatzkys an seine Frau Sofia aus dem Jahr 1934 auf Deutsch sowie Lagerkorrespondenz aus den Jahren 1942 bis 1944 auf Russisch.
Nachdem Alexander Heier diese einzigartigen Zeugnisse erhalten hatte, machte er sich daran, die Briefe und den in Deutschland erschienenen Roman zu erforschen. Die Arbeit erstreckte sich über zwei Jahre. Heier ist ein erfahrener Übersetzer, doch die in engem Duktus auf vergilbtem Papier verfassten Briefe erwiesen sich als schwer zu entziffern.

„Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Gerhard Sawatzky zunächst die alte deutsche Kurrentschrift lernte und später zur lateinischen Schreibschrift wechselte – was zu einer ungewöhnlichen Mischung führte“, erläutert der Übersetzer. „Der Haupttext ist in modernem Deutsch verfasst, doch vereinzelt tauchen noch Buchstaben der alten Schrift auf. Man hält es für ein V, erkennt dann aber ein D. Über manchen Worten musste ich lange brüten.“
Sawatzkys Schaffensprozess in Briefen
Nach der Entzifferung der Dokumente begann Alexander Heier, die erwähnten Organisationen, Orte und Personen zu recherchieren, um den historischen Kontext präzise einzuordnen. Briefe aus dem Jahr 1934 belegen: Sawatzky verkehrte häufig in Moskau und bewegte sich im Kreis deutschsprachiger Literaten. Parallel arbeitete er an seinem Hauptwerk, dem Roman „Wir selbst“. Über jeden Schritt seiner kreativen Arbeit berichtete er seiner Frau Sofia detailliert in seinen Briefen.
Darin erscheint Sawatzky nicht als selbstbewusster Literat, sondern als Autor, der in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Zweifel und Zuversicht lebt. Wie sehr ihn die Arbeit am Roman zermürbt, gesteht er in seinen Briefen: „Ich muss schreiben, schreiben, dass mir die Haare grau werden, sonst gibt es von mir nichts.“ „Mit der Arbeit geht es jetzt schwer, arbeite am 4. Kapitel; mit dem 3. bin ich mir noch nicht klar. Es ist verdammt schwer“, klagt er in einem Brief. Doch bereits im November 1934 ändert sich der Ton: „Ich fange an Schriftsteller zu werden“, vertraut er ihr an. „Es erweckt sehr sonderbare Gefühle, die Freuden, Leiden, überhaupt alle Seelenregungen eines „erdachten Schicksals“ zu schildern und in derselben Zeit an eigenen Gedanken, Ärger, Kummer und eigenen Widersprüchen herumzukauen. Ich erzählte [dem Schriftsteller Cornelius] Martens gestern einige Stellen aus dem 2. Kapitel und er fand sie sehr gut. Ich bin jetzt überzeugt, dass ich ein künstlerisch wertvolles Buch schreiben werde.“

Die Bedeutung des Romans
Der Autor behielt recht: Sowohl Sawatzkys Zeitgenossen als auch Literaturwissenschaftler des 21. Jahrhunderts bezeichnen „Wir selbst“ als eines der Schlüsselwerke der russlanddeutschen Literatur. Seine Sprache ist einzigartig: In die literarische Norm sind Dialektismen und syntaktische Konstruktionen organisch eingewoben, die die eigenständige Sprachfärbung der Wolgadeutschen präzise wiedergeben.
Das Ergebnis der zweijährigen Forschungsarbeit in Tomsk war ein Gedenkabend im Rahmen des Projekts „Offene Begegnungen“ des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur am 30. April sowie eine Ausstellung mit persönlichen Briefen, Zeitungsausschnitten und einzigartigen Aufnahmen aus dem Familienarchiv: Auf den vergilbten Fotos sind der junge Gerhard und die junge Sofia mit ihren kleinen Söhnen zu sehen.

Das Tomsker Projekt löste eine unerwartete Kettenreaktion aus: Interessierte schickten den Forschern neues Material – Archivfotos, Briefe, Erinnerungen von Freunden. Jeder Fund wurde zu einem neuen „Beweisstück“ im Fall um das Schicksal des Romans.
So wurde die Geschichte um „Wir selbst“ zu einem echten literarischen Detektivroman – geprägt von akribischer Spurensuche, Familiengeheimnissen und einer starken Liebeslinie. Und es ist noch zu früh, einen Schlussstrich unter diese Handlung zu ziehen.
Das wichtigste Fazit seiner Arbeit findet Alexander Heier jedoch im Titel des Romans: „Eine der Figuren, der alte Arbeiter Hart, sagt: ,Nur wir selbst können uns von der Not befreien.‘ Und auch die Erinnerung an Sawatzky können nur wir selbst bewahren. Niemand wird das für uns tun.“
Jelena Podanjowa


