
Rogoschskaja Sloboda (altrussisches Wort für Siedlung), Rogoschsker Possjolok (eine modernere Variante) oder einfach nur Rogoschskoje – dieser Stadtteil ist untrennbar mit den russisch-orthodoxen Altgläubigen verbunden. Seit dem 17. Jahrhundert ließen sie sich hier nieder.

Selbstverständlich benötigte die immer weiter wachsende Gemeinde der Rogoschskaja Sloboda ihre eigenen Gotteshäuser. Und es gab sie. Diese Kirchen sind bis heute erhalten. Sie befinden sich auf dem Gelände des Geistlichen Zentrums der Russisch-Orthodoxen Altritualistischen Kirche. Es liegt direkt neben dem Rogoschsker Friedhof, auf dem jene ihre letzte Ruhe fanden, die dem alten Ritus treu blieben.
Am Eingang zum weitläufigen Areal des Geistlichen Zentrums weist ein Schild auf die Besucherordnung hin. Weder Besucher mit Tieren, noch Raucher oder Menschen, die laute Musik abspielen, sind hier erwünscht. Doch dieser Hinweis wirkt fast überflüssig: Wer diese Oase inmitten der Metropole betritt, gelangt an einen völlig eigenen Raum. Hier entfaltet sich die besondere Magie des Ortes.

Sein Zentrum bildet der Kathedralenplatz. Jede der dort stehenden Kirchen hat ihren unverwechselbaren Charakter. Den wohl ungewöhnlichsten unter ihnen hat der Glockenturm der Kirche zur Auferstehung Christi. Direkt daneben erhebt sich die 1790 errichtete Kathedrale Mariä Schutz und Fürbitte – ein Meisterwerk des Architektur-Genies Matwei Kasakow.
Die älteste der noch erhaltenen Kirchen auf dem Gelände des Geistlichen Zentrums ist jedoch die 1771 errichtete Kirche des Heiligen Nikolaus des Wundertäters. Das Baujahr ist kein Zufall. Im Jahr 1770 brach in Moskau eine Pestepidemie aus, die von Soldaten eingeschleppt worden war, die aus dem Russisch-Türkischen Krieg zurückkehrten. Alle Friedhöfe innerhalb der Stadtgrenzen wurden geschlossen, darunter auch die Altgläubigen. Daher wurde diesen ein neues Gelände zugewiesen. Auf dem Rogoschsker Friedhof begannen die Bestattungen im darauffolgenden Jahr.

Die Nikolaus-Kirche wurde später umgebaut und dann nacheinander verschiedenen Gemeinschaften übergeben, bis sie 1960 schließlich in den Besitz der Russisch-Orthodoxen Kirche gelangte.
Doch nicht nur die Kirchen verleihen dem Ort seine Magie, auch die Vorgärten hinter niedrigen Zäunen, Alleen und natürlich ein Teich, von dessen „Uferpromenade“ sich ein wunderbarer Blick auf den Kathedralenplatz eröffnet. Es ist das Bild eines Paradieses. Doch dieses Bild ist ganz und gar moskauerisch.


Die Altgläubigen
Russisch-Orthodoxe sind nicht nur diejenigen, die der Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) angehören, die vom Patriarchen von Moskau und ganz Russland, Kyrill, geleitet wird. Es gibt im Land noch eine orthodoxe Kirche, geleitet vom Metropolit von Moskau und ganz Russland Kornili (Foto): die Russisch-Orthodoxe Altritualistische Kirche (ROAK). Sie ist nicht so zahlreich vertreten und unterhält keine engen Verbindungen zum Staat. Der große Fluss, der orthodoxen Kirche teilte sich in den 1650er-Jahren nach den Kirchenreformen vom Patriarchen Nikon in zwei Arme. Doch viele Gläubige hielten weiterhin an den alten Riten fest. Heute praktizieren beide Kirchen getrennt, es gibt keine liturgische Gemeinschaft zwischen ihnen. Keine der beiden Seiten wünscht sich dies: weder die Russisch-Orthodoxe Kirche noch die Altgläubigen, die es sogar vermeiden, die ROK als „orthodoxe Kirche“ zu bezeichnen und stattdessen den Begriff „neuritualistische“ bevorzugen. Einer der Gründe dafür sind fast 250 Jahre Verfolgung. „Orthodoxe Mitbrüder können so nicht handeln.“
Igor Beresin


