Krasnodars neuer Radstar: Angelina

Hass und Mobbing in den sozialen Medien sind nichts Neues. Doch solche Angriffe schlagen nicht selten auf die Urheber zurück. So geschah es auch Mitgliedern eines Krasnodarer Radsportvereins, die sich über die lokale Bloggerin Angelina hermachten.

Аngelina
Die meisten finden Angelina großartig – so wie sie ist. (Foto: Insta sadangelina)

1,5 Millionen Aufrufe

Wenn ein Video einer Bloggerin, deren Beiträge im Schnitt nur rund 10.000 Nutzer sehen, plötzlich 1,5 Millionen Aufrufe verzeichnet, hat die Autorin offensichtlich einen Nerv getroffen. Vor drei Tagen veröffentlichte die junge Angelina (@sadangelina) einen Reel, der in Krasnodar und weit darüber hinaus für enorme Resonanz sorgte. Neben der beeindruckenden Aufrufzahl sammelte das Video 120.000 Likes und wurde 4740 Mal kommentiert.

In dem Clip erklärte Angelina, welche Folgen ihr vorheriger Beitrag hatte. Darin hatte sie, neben ihrem Fahrrad stehend, vorgeschlagen, eine kleine Frauen-Community für gemeinsame Radtouren zu gründen. Sie träumte von einer Art Klub, der Gleichgesinnte zusammenbringen sollte – um gemeinsam Rad zu fahren, Kaffee zu trinken, Fotos zu machen und sich auszutauschen.

Im 21. Jahrhundert unangebracht

Was konnte da schon schiefgehen? Wie Angelina berichtet, reagierte auf ihren Clip mit der Einladung zu gemeinsamen Ausfahrten unter anderem die Organisatorin eines bereits bestehenden Krasnodarer Radsport-Netzwerks, das einen eigenen Telegram-Kanal betrieb (@cafferides – der Kanal ist aktuell nicht mehr verfügbar). Doch die Inhalte, die Angelina in dieser Community vorfand, schockierten sie.

„Ich habe mich dort umgesehen und gesehen, dass sie Screenshots aus meinen Videos machen und hart über meine äußere Erscheinung herziehen. Aber ich will keine Sportlerin werden, ich bin keine bekannte Bloggerin. Ich habe mir einfach ein Fahrrad gekauft und genieße die Fahrten. Warum man so schonungslos mit mir umgeht, verstehe ich überhaupt nicht und ich habe das absolut nicht verdient. Das ist im 21. Jahrhundert völlig unangebracht“, erzählt Angelina.

Eine eigenartige Sportpsychologie

Die Formulierung „hart über die Erscheinung herziehen“ ist wörtlich zu nehmen. Einige Kommentare der Nutzer lauten: „Man möchte gar nicht wissen, wie sie sich auf 1000 km ernährt. Da geht nichts ohne ein Begleitfahrzeug mit Kühlschrank“, „Hat sie etwa ihren Mann aufgegessen?“ sowie weitere in ähnlicher Manier. An diesen Diskussionen über ihre Figur beteiligte sich auch die Administratorin der Community, Julia Lazareva, aktiv. In ihrem Profil heißt es, ihr Interessengebiet – und möglicherweise auch ihr Beruf – sei die Sportpsychologie.

Überraschenderweise beschlossen die Mitglieder der Radsport-Community, Angelina „den Rest zu geben“, selbst nachdem sie auf Telegram öffentlich über die Attacken berichtet und ihr klares Unbehagen gegenüber solchen Äußerungen bekundet hatte. Einer der Kommentare lautet: „Über mich machen sie sich auch so lustig. Das motiviert mich, weniger zu essen und mehr zu trainieren. Und welche Trainingseinheiten absolvieren SIE nach so einer Motivation?“

Gegenschlag

Und die Angelegenheit erlangte große Aufmerksamkeit – die Autorin des Videos erhielt fantastische Unterstützung. Einige Kommentare: „Sie sind eine Wucht. Schade, dass ich in St. Petersburg bin und Ihnen nicht Gesellschaft leisten kann.“ „Wir sind dafür, dass Frauen Frauen unterstützen. Wir schenken Ihnen ein Abonnement für unseren Frauen-Club. Bei uns ist alles erlaubt.“ „Einfach noch ein Zeichen, dass du alles richtig machst! Mach weiter, Girl, wir stehen hinter dir!“ Einige Kommentatoren äußerten sich auch über die Angreifer. „Schon wieder verstecken sie Beleidigungen und Demütigungen hinter dem Wort ‚Motivation‘.“ Auch manche Gegenkommentare scheuten keine scharfen Töne: „Die fahren halt ohne Sattel.“

Viele weisen darauf hin, dass dies leider kein Einzelfall, sondern eher die Regel sei. Sportvereine und sportlich Aktive zeigen sich nach wie vor zu aggressiv gegenüber Menschen, die ihnen nicht einmal im Weg stünden, sondern einfach ihr eigenes Leben lebten.

Angelinas Geschichte jedoch ging gut aus. Ihre Peiniger beeilten sich, ihre Seite zu schließen, während sich um die junge Frau herum eine Community aus sympathischen und verständnisvollen Menschen formierte. Um sie muss man sich keine Sorgen machen.

Sascha Paraponow

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