Kolyma: Eine Erlebnisreise im „Land der kollektiven Angst“

Für den Großteil der Russen und sicher für Ausländer wird Kolyma mit dem Gulag assoziiert. Kann man dennoch freiwillig in diese Region fahren? Die MDZ-Korrespondentin Anna Braschnikowa ist nun sich sicher: Magadan als Reiseziel sollte nicht unterschätzt werden.

Kolyma, eine Region im Fernen Osten, wo es früher viele Gulag-Lager gab (Foto: vk.com/tvoyakolyma)

Fast 30 Millionen Menschen haben den Film „Kolyma – Heimat unserer Angst“ von Juri Dud (in Russland als ausländischer Agent eingestuft) angeschaut. Aber neben den Spuren der schmerzhaften Geschichte können Reisende in der Region auch vieles mehr finden. Nein, da ist keine Türkei mit ihren Stränden. Aber die wilde, faszinierende Natur von Kolyma ist wunderschön.

Großer Kolyma-Pfad

Wahnsinn und Mut. Unter diesem Motto plante ich meine Routen durch Kolyma. „Vorsicht, dort laufen Bären auf den Straßen herum“, warnten mich halb scherzhaft Freunde von mir, die noch nie dort waren. Natürlich, dachte ich, werde ich weder in der Stadt noch an ihren Rändern Bären begegnen. Also beschloss ich mutig, unbedingt eine der Routen des Großen Kolyma-Pfades zu gehen.

Als ich in Magadan ankam, ging ich als Erstes zum Touristeninformationszentrum, um mich über die Termine der nächsten Tagesausflüge zu informieren. Sneschana, eine unglaublich freundliche Mitarbeiterin, erzählte mir alles im Detail und versicherte mir, dass ich mit selbstständigen Wanderungen auf den Routen des Großen Kolyma-Pfades beginnen könne – einem Netz von Öko-Wanderwegen unterschiedlicher Ausrichtung (Wander-, Ski-, Kombi-, Rad- und Wasserwege), die im Gebiet Magadan angelegt wurden. Derzeit sind bereits acht Routen mit Angabe des Schwierigkeitsgrades ausgestattet. Aber Sneschana hat mich beruhigt, dass sie alle recht einfach sind. Man könne dort mit kleinen Kindern spazieren gehen. Auf den Öko-Wanderwegen gebe es Aussichtsplattformen mit Pavillons, Schaukeln, Fotostationen sowie Bänke und Feuerstellen für Rastplätze.

Ich schnappte mir die Karte der Route, die hoch über dem Meer entlang der Küste der Gertner-Bucht verläuft, und freute mich darauf, unterwegs höchstwahrscheinlich Seehundkolonien oder Vogelbruststätten zu sehen. Entschlossen machte ich mich auf den Weg zum Ausgang. An der Tür rief Sneschana mir noch zu: „Vergessen Sie nicht, die Lautsprecherbox mitzunehmen!“ Auf meinen verwirrten Blick antwortete sie: „Dort gibt es Bären. Sie müssen nur die Musik lauter stellen.“

Ein Schild: Bären nicht füttern! (Foto: Anna Braschnikowa)

Karamken-Krone

Als ich mich an der Tür umdrehte, wurde mir klar, dass ich selbst mit einer Lautsprecherbox nicht auf Begegnungen mit Bären vorbereitet war, und buchte eine Bergtour zur Karamken-Krone.

Wenn man auf der Kolymastraße hinter die Siedlung Karamken fährt, taucht zwischen den kahlen Gipfeln die schwarze Silhouette von Felsen auf. Bis zu diesem malerischen Ziel einer kleinen Wanderung sind es zwölf 12 Kilometer.

Ab dem 111. Kilometer der Kolymastraße, wo der Aufstieg zum Karamkenpass beginnt, zweigt eine Straße ab, die über einen kleinen Sattel zum Oberlauf des Hasyn führt. Ein paar hundert Meter weiter befinden sich zwei kleine Seen, die in der Hitze austrocknen. Das Tal ist eng, die rechte Seite fällt steil ab. Aus einer Senke in den ockerfarbenen Hügeln fließt ein Nebenfluss in den Hasyn. Am linken Ufer erstreckt sich ein langer steiler Hang mit einer Terrasse aus Rentierflechte.

Nachdem man die Zwerg-Kiefer umgangen hat, steigt man auf einen Hügel. Allmählich öffnet sich das Innere dieser Berge, die von schmalen Schluchten durchzogen und von roten und orangefarbenen Streifen aus Gestein durchzogen sind.

Plötzlich taucht ein Turm auf. Und tatsächlich, seine Silhouette ähnelt einer Krone so sehr, dass der Name der Route sofort verständlich wird. Es scheint, als seien die 30 Meter hohen Felsen mit ihren erstaunlich glatten Kanten aus dem Berg gewachsen. Im Süden bricht der Turm mit steilen Wänden ab. Sie sind stark zerstört. Wenn man den Turm umrundet, kann man auf der Nordseite über Spalten und Felsvorsprünge zum Gipfel hinaufsteigen. Aber wir trauen uns nicht und hören dem Reiseleiter zu, der uns rät, kein Risiko einzugehen.

Laut dem Reiseleiter sei es besonders toll, Ende Frühling hierherzukommen: Wenn in den Bergen noch Schnee liegt und man beim Aufstieg praktisch von einer Jahreszeit in die andere wechselt. Wenn sich der Nebel lichtet, fühlt man sich immer mehr wie in einem märchenhaften Mars-Universum. Zurück in die Realität holen einen nur die Signale der Leuchtraketen, die die Reiseführer unserer vierköpfigen Gruppe regelmäßig abschießen, um die lokalen Bewohner – die Bären – zu warnen, dass wir nicht bereit sind, ihnen zu begegnen.

Farbenfrohe Spafarjew-Insel (Foto: vk.com/tvoyakolyma)

Sawjalowa-Insel

Eines der Hauptziele meiner Reise war die Sawjalowa-Insel. Diese unbewohnte Insel mit einer Fläche von 116 Quadratkilometern liegt nur 45 Kilometer von Magadan entfernt im Pazifischen Ozean. Die Insel besticht durch ihre ursprüngliche Schönheit und birgt eine erstaunliche Geschichte der Wiedergeburt. Im Mittelpunkt dieser ehrgeizigen Arbeit zur Erhaltung und Entwicklung stand die Wiederherstellung der Population der Moschusochsen – der majestätischen Zeitgenossen der Mammuts. Die erste Gruppe von Moschusochsen wurde 2018 auf die Insel gebracht. Sie haben sich hervorragend an die rauen lokalen Bedingungen angepasst und bringen seit mehreren Jahren aktiv Nachwuchs zur Welt.

Die majestätischen Zeitgenossen der Mammuts: Moschusochsen (Foto: Dmitrii Andreev, t.me/andreevjourney)

Nach den Moschusochsen kehrten im September 2024 auch die Schneeschafe zurück. Die Tierart lebte einst hier, wurde aber Endeder 70er Jahre ausgerottet. Im August dieses Jahres wurden Rentiere auf die Insel gebracht.

Die Sawjalowa-Insel ist jedoch nicht nur ein lebendiges Naturschutzgebiet, sondern auch ein Magnet für Reisende aus aller Welt. Auf dem Gelände werden insgesamt 18 Wohnhäuser gebaut. Darin können mindestens tausend Gäste pro Jahr beherbergt werden.

Ich verbrachte einen Tag auf der Insel, nachdem ich fast fünf Stunden mit einem Fischerboot hierhergefahren war. Trotz langer Wanderungen über die Insel hatte unsere Gruppe nicht das Glück, Moschusochsen oder Schneeschafe zu treffen. Dafür sahen wir das 17 Meter lange Skelett eines Grönlandwals – den besonderen Stolz der Insel, der von den Küsten Tschukotkas hierhergebracht wurde.

War die mehrstündige Fahrt mit einem Fischerboot im Ozean bei sechs Grad auf dem offenen Deck die Mühe wert? Eindeutig: Ja! Denn die größten Schätze der Sawjalowa-Insel sind zweifellos die unberührte Natur, das endlose Meer und die atemberaubenden Ausblicke.

Auf der Sawjalowa-Insel leben auch Seelöwen (Foto: vk.com/tvoyakolyma)

Jack-London-See

Einer Geschichte zufolge erhielt der See seinen ungewöhnlichen Namen 1932 dank Geologen, die am Wasser entspannten und über die Werke von Jack London diskutierten. Die Geschichten dieses Schriftstellers über den Kampf ums Überleben im Norden entsprechen dem Geist dieser Region.

Der kristallklare Wasserspiegel erstreckt sich zwischen hohen Bergketten und geheimnisvollen Wäldern und schafft eine erstaunliche Landschaft, die jeden, der sie betritt, sofort in ihren Bann zieht. Der See ist etwa zehn Kilometer lang und durchschnittlich zwei Kilometer breit. Im Winter friert er vollständig zu (die Temperaturen fallen hier auf bis zu -50° C), aber im Sommer verwandelt sich die Umgebung: Tundra-Pflanzen blühen und verleihen der Landschaft leuchtende Farben.

„Ich glaube, Anfang September ist die beste Zeit für einen Besuch des Jack-London-Sees“, sagt Denis Schewtschenko, Reiseleiter der Tourismusorganisation „Twoja  Kolyma“. Tatsächlich ist der Herbst in Kolyma genauso ein Markenzeichen wie der Winter am Baikalsee. Solch unglaubliche Farben in allen Schattierungen von leuchtendem Grün bis hin zu Rot und Orange findet man nur selten. Eine Wanderung mit Zelten mit „Twoja Kolyma“ dauert durchschnittlich acht Tage. Die Reise beginnt in Magadan mit einer langen Fahrt auf der Kolymastraße bis zur Siedlung Jagodnoje: von acht bis neun Stunden Fahrt auf einer unbefestigten Straße und danach noch bis zu sechs Stunden mit einem „komfortablen Ural-Lkw“, wie Denis scherzt.

Der Reiseleiter Denis Sсhewtschenko liebt die Region Kolyma. (Foto: vk.com/tvoyakolyma)

Für Touristen, die auf solche Strapazen nicht vorbereitet sind, gibt es einen leichteren Weg. Man kann mit dem Hubschrauber zum See gelangen. Mit solch einem Transport wird die Ausflugsdauer auf einen Tag reduziert. Allerdings kann man in diesem Fall am See selbst lediglich drei Stunden verweilen. Denis zufolge sei die ideale Reise zum See eine Wanderung dorthin und die Rückfahrt nach Magadan mit dem Hubschrauber. Es ist wichtig zu beachten, dass beide Optionen nicht billig sind. Während meiner einwöchigen Reise nach Magadan habe ich es nicht bis zum See geschafft. Aber in meinem Notizbuch ist es nun eines meiner wichtigsten Ziele für die absehbare Zukunft geworden.

Anna Braschnikowa

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