
Bei einer 666. Ausgabe liegt das Thema Aberglaube fast unverschämt nahe. Die Zahl aus der Offenbarung des Johannes hat sich längst vom biblischen „Tier“ zum popkulturellen Warnsignal hochgearbeitet. Doch in Russland braucht ein schlechtes Zeichen nicht immer eine biblische Karriere. Manchmal reicht ein ganz gewöhnlicher Gegenstand: Begegnet einem unterwegs eine Frau mit leerem Eimer, gilt das traditionell als schlechtes Omen. Der leere Behälter steht für Leere im übertragenen Sinn, also für ein Vorhaben, das ins Nichts läuft, oder für ausbleibenden Erfolg.
Manch russischer Aberglaube ist auch deutschen Lesern vertraut. Schwarze Katzen haben nicht den besten Ruf, zerbrochene Spiegel ebenfalls nicht. Auch das Klopfen auf Holz kennt man in beiden Kulturen: Man sagt etwas Gutes und sichert es vorher schnell ab, bevor das Universum auf dumme Ideen kommt. In Russland gibt es dazu noch eine andere berühmte Geste: dreimal über die linke Schulter spucken. Dahinter steht die Vorstellung, dass links der Teufel sitzt, rechts der Engel. Man spuckt also nicht irgendwohin, sondern gezielt in die Abteilung, aus der man Ärger erwartet.
Andere Zeichen brauchen etwas mehr Aufwand: Vor einer Reise setzt man sich oft noch einmal kurz hin und schweigt. Das ist keine spontane Familienmeditation, sondern ein kleiner Moment, in dem der Aufbrechende sich sammeln darf, bevor alle Taschen, Gedanken und Katastrophenfantasien zur Tür hinausrollen. Wer danach doch noch einmal zurück in die Wohnung muss, sollte vor dem erneuten Losgehen in den Spiegel schauen. Zurückkehren gilt nämlich als ungünstige Unterbrechung, als hätte man den Start schon beim ersten Versuch beleidigt. Der Blick in den Spiegel soll das wieder glätten. Man sieht sich selbst an, nickt dem Schicksal innerlich zu und tut so, als sei der Weg gerade erst jetzt wirklich losgegangen.
Deutlich düsterer wird es, wenn ein Vogel ins Zimmer fliegt, denn das kann als Todeszeichen gelten: Aus einem verirrten Tier wird dann keine harmlose Panne mit Flügeln, sondern eine sehr unangenehme Nachricht aus dem Jenseits.
Auch die Türschwelle ist kein neutraler Ort. Man begrüßt sich besser nicht über sie hinweg und reicht auch nichts über sie weiter. Beides hat mit Grenzen zu tun: draußen und drinnen, Eigenes und Fremdes, geschützter Raum und offene Welt. Wer diese Grenze im falschen Moment überschreitet oder halb auf ihr stehen bleibt, spielt mit einem Zwischenraum. Und Zwischenräume sind im Aberglauben selten entspannt.
Sogar die Möbel können mitreden. Wer an einer Tischecke sitzt, soll, so heißt es, nie heiraten. Für Kinder klingt das erst einmal wie eine seltsam konkrete Drohung aus der Abteilung Innenarchitektur. Aber genau so funktioniert Aberglaube oft: Er versteckt große Fragen – Glück, Liebe, Sicherheit, Tod – in kleinen Alltagsgesten. Man muss nicht jedes Zeichen ernst nehmen, um trotzdem kurz den Stuhl am Esstisch zu verschieben. Natürlich läuft in Russland nicht jeder Tag wie ein mystischer Hindernisparcours ab. Viele dieser Regeln leben heute als Familienwissen, Reflex, Witz oder vorsichtige Gewohnheit weiter. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie machen aus dem Zufall keinen Befehl, aber eine Einladung, kurz aufzumerken. Und wer mit dem Schicksal verhandeln will, sollte wenigstens so tun, als hätte er die AGB gelesen.
Sabrina Borger


