
Der Lada Niva, so die Quellenlage, wurde in den 1970er Jahren als robustes und anspruchsloses Fahrzeug für die sowjetische Landbevölkerung entwickelt. Kein waschechter Geländewagen, sondern ein Pkw mit Allradantrieb, der auch auf schlechten Straßen, Feld- und Waldwegen nicht so schnell an seine Grenzen kommt. Und der mit etwas Geschick selbstwieder flottgemacht werden kann, wenn er dann doch einmal liegenbleibt und die nächste Werkstatt vielleicht Hunderte Kilometer entfernt ist.
Seitdem ist der Niva nicht nur in den Weiten Sibiriens, in der Taiga und Tundra heimisch geworden, sondern auch in der deutschen Provinz und sogar der Kunst. Krimifreunde kennen ihn aus der ZDF-Reihe „Nord Nord Mord“ als olivgrünen Dienstwagen der Ermittler Feldmann und Behrendsen auf Sylt. Auch in Wolfgang Herrndorfs Jugendroman „Tschick“ spielt der SUV mit dem Retrocharme eine prominente Nebenrolle.
Bei aller Fiktion sind solche Auftritte kein Zufall. Nach Schätzungen haben in Deutschland ca. 25.000 Nivas eine Zulassung, man sieht also immer mal einen in der Gegend herumfahren oder -stehen. Gleichzeitig ist das Auto ein so krasser Außenseiter, dass fast immer eine interessante Geschichte dahintersteckt, wenn sich jemand trotzdem für diesen rustikalen Russen entscheidet.
Die erste Fahrt mit dem Kult-SUV
Als János Füleki aus Grießbach bei Zschopau 1982 geboren wurde, da lief der Niva im 2500 Kilometer entfernten Togliatti an der Wolga bereits fünf Jahre vom Band. Äußerlich hat sich der Wagen seitdem nur wenig verändert und es gibt durchaus Menschen, denen gerade das gefällt. Mit acht saß Klein-János im Campingurlaub, den er mit seinem Bruder und seinem ungarischen Vater – daher der Name – verbrachte, zum ersten Mal in diesem Gefährt. Er weiß heute noch, dass es ein rotes Fahrzeug war, mit weißen Rallyestreifen, weißen Felgen und einem weißen Faltschiebedach. Danach, erinnert er sich auf der Verandaseines Wochenendhauses, stand für ihn fest: Wenn du mal groß bist, willst du so ein Auto haben. 13 Jahre später war es so weit.
Anno 2026 sind im Garten des gelernten Industriemechanikers und heutigen Anlagenfahrers sogar gleich zwei Nivas geparkt. Der Lada-Hersteller Awtowas bezeichnet sie mit den Modellnummern 2131 (Fünftürer) und 2329 (Pickup). Zum Fuhrpark gehören auch noch ein UAZ Patriot, ein Lada Vesta SW Cross sowie Zweiräder der Marken Ural, Dnepr, Riga und Simson. Der Bestand ändert sich immer mal wieder. Nivas hat János Füleki schon ein Dutzend gehabt und seinen eigenen Umgang damit: Er kauft sie gebraucht und gibt sie nach ein paar Jahren wieder ab – in besserem Zustand als zuvor. Mit den neuen Besitzern bleibt er in Kontakt und weiß deshalb, dass bis auf eines der Autos alle anderen auch weiterhin in Betrieb sind.
„Mit jeder Schraube per du“
Wenn man so will, ist der schmächtige 43-Jährige selbst ein Sondermodell. Er hegt und pflegt in der Freizeit seine Ostwagen, ist „mit jeder Schraube per du“, beugt mit ordentlich Fett dem Rost vor und hat sich sein eigenes Ersatzteillager aufgebaut. Es sind nicht unbedingt viele, die so eine, wie er sich ausdrückt, „Macke“ haben, dafür kennt jeder jeden, man hält zusammen und hilft sich gegenseitig, sei es mit Rat oder Tat.

János Füleki unterhielt gute Beziehungen zu Dieter Trzaska, dem langjährigen Geschäftsführer von Lada Automobile. 2019, als Renault – damaliger Mehrheitseigner von Awtowas – den Lada-Export nach Europa stoppte, um der konzerneigenen Billigmarke Dacia die Konkurrenz aus dem eigenen Lager zu ersparen, wehrte sich die Szene mit einer Petition. Geholfen hat das nichts. Und der Lada-Rückzug war der Anfang vom Ende. Die Vorgängerfirma von Lada Automobile als bis dahin offizieller Importeur ging pleite.
1991 noch 50.000 Neuwagen verkauft
Irgendwie liefen die Geschäfte zwar anschließend weiter, doch mit der sich zuspitzenden Weltlage und den sich verschärfenden Russlandsanktionen schlossen sich auch immer mehr inoffizielle Kanäle. Nachdem auch der Aufbau eines zweiten Standbeins mit chinesischen E-Autos scheiterte, musste Lada Automobile Insolvenz anmelden. Im März wurde bekannt, dass in Buxtehude die Lichter ausgehen und die letzten zehn Mitarbeiter ihre Arbeit verlieren.
Zu seinen besten Zeiten hatte der Importeur als Lada Deutschland GmbH 300 Menschen beschäftigt und 50.000 Autos in einem einzigen Jahr abgesetzt, nämlich 1991. 30 Jahre später, im Jahr 2021,waren es immerhin noch rund 2000. Doch seitdem ging die schleichende Talfahrt in einen freien Fall über. 2024 wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt 33 Ladas in Deutschland neu zugelassen, 2025 ganze drei. Das ist selbst für eine Nische ein Totalschaden.
Die Frage aller Fragen: Warum Lada?
Zumindest um Dieter Trzaska macht sich János Füleki keine Sorgen. „Der hat mir mal gesagt: Wenn wir es schaffen, in einem Jahr 10.000 Lada Vesta zu verkaufen, dann setzt er sich zur Rente. Da muss er nun wohl weiterarbeiten. Aber Dieter ist absolut unkaputtbar.“

Über seine Netzwerke ist Füleki auch auf das Interesse unserer Zeitung an den Geschichten von Lada-Fahrern in Deutschland aufmerksam geworden. Der Aufruf war ihm zunächst eine detaillierte Mail wert. Als sich die Möglichkeit ergab, lud er darüber hinaus zu sich ins Erzgebirge ein. Bei Vogelgezwitscher und mit Panoramablick auf die Burg Scharfenstein vergingen an einem Samstag Anfang Mai zwei Stunden mit Antworten auf die Frage, warum es ihm denn nun ausgerechnet Lada angetan hat und welche Erlebnisse mit Autos der Marke er wohl zum Besten geben könne.
In Russland sieht man das nüchterner
Einige Auszüge in komprimierter Form:
• Ich fahre ungefähr 2000 Kilometer im Monat. Alles mit meinen ,Russen‘, ich habe gar nichts anderes. Im Sommer wird der Lada Vesta im Alltag genutzt. Und zum Arbeiten nehme ich sowieso nur den Lada Niva Pickup, weil das einfach mal das praktischste Auto von allen ist.
• Für die Russen ist der Niva ein überteuertes Billigauto, das man sich nicht freiwillig kauft. Aber bei uns hier schätzt man das Schrullige und dass eben nichts perfekt ist an dem Auto. Das Preis-Leistungs-Verhältnis spielt natürlich auch eine Rolle.
• Die Russen haben den Kapitalismus schneller verstanden als wir. Denen geht es nicht um Herzblut bei einem Auto. Das ist denen egal, wie man uns auch in Togliatti gesagt hat, als wir 2017 bei der Endmontage des Niva zuschauen durften. Was man uns in den Kaffee gerührt hat, dass wir dieses Auto bevorzugen, wollten die von uns wissen. Privat fahren die Leute lieber einen alten X5 mit 500.000 Kilometern auf der Uhr. Hauptsache, es steht BMW drauf.
Lada Kalina vs. Dacia Logan
• Zu Zeiten der Abwrackprämie habe ich für meine Mutter und meinen Bruder zwei Lada Kalina gekauft. Meine Mutter ist damit 12 oder 13 Jahre gefahren. Wir waren sehr zufrieden mit dem Auto, das mit dem Nachlass von 2500 Euro noch 6000 Euro gekostet hat. Und das für ein neues Auto mit drei Jahren Garantie, bei dem elektrische Fensterheber, lackierte Stoßstangen und anderes mehr schon serienmäßig an Bord waren! Im Vergleich dazu sah der Dacia Logan einfach nur hausbacken und altmodisch aus. Und er war nur so billig, wenn man sich mit der Serienausstattung begnügte und auf jeden Komfort verzichtete. Denn der kostete extra.
• Heute baut Dacia grundsolide und attraktive Autos, das kann man nicht anders sagen. Dass der neue Duster bei Lada entwickelt worden ist, wird aber gern unter den Tisch gekehrt. Parallel wurde an einem neuen Niva mit der Bezeichnung T-134 gearbeitet. Letztlich hat man einen Deal gemacht: Dacia darf den Duster bauen und Lada ein Modell namens Iskra, das in Russland seit 2025 vertrieben wird. Perspektivisch soll der Iskra den Granta beerben, das Volumenmodell schlechthin, von daher war das wahrscheinlich wichtiger, als den Niva weiterzuentwickeln. Dazu muss man aber wissen, dass der Iskra der neue Logan ist, nur eben mit einem modernen Design.
Auch für lange Strecken geeignet

• Der Niva mag spartanisch eingerichtet sein, aber man kann bequem auch lange Strecken damit fahren, wie in meinem Fall mit der Familie nach Kroatien oder zum 40. Geburtstag des Niva nach Togliatti. Da haben wir Tagesetappen von 300 bis 500 Kilometern zurückgelegt.
• Mich hat mal einer angesprochen, der arbeitet in der Forstwirtschaft. „Meine Mitarbeiter fahren alle Niva und fluchen jeden Tag über das Auto.“ Ich sage, kommen die durch den TÜV? Ja. Fahren die jeden Tag? Ja. Müssen die in die Werkstatt? Nö, das machen die Jungs selber. Nach Feierabend sitzen die beim Bier zusammen, tüfteln und am nächsten Tag laufen die Autos wieder. Siehste, und das ist der entscheidende Unterschied. Auch beim Niva geht immer mal was kaputt. Manchmal schon, wenn er neu ist. Aber die meisten sind nach zwei Jahren so gut durchrepariert, dass sie dann ohne Probleme auch 200.000 Kilometer schaffen.
• Der Niva ist der Exportschlager von Lada. Es wird immer erzählt, dass davon 3,5 Millionen Stück gebaut worden seien. Aber das haut hinten und vorn nicht hin. Denn alle Autos, die im Ausland zusammengeschraubt werden, tauchen in der Statistik nicht auf. Die Gesamtzahl liegt sicherlich bei sechs Millionen oder mehr.
Marktführer auf dem Heimatmarkt
In Russland hat Lada aktuell einen Marktanteil von 27 Prozent. Unter den zehn meistverkauften Modellen sind fünf von Lada: Granta, Vesta, Niva Travel, Iskra und Niva Legend. Im fernen Grießbach darf der Niva zum Abschluss des Besuchs zumindest noch andeuten, wozu er in der Lage ist. Auf den 508 Meter hohen Heideberg gleich hinter dem Dorf würde János Füleki „mit keinem anderen Auto fahren“, denn es geht über die Felder und wird ziemlich steil und holprig. Unterwegs erzählt er, wie er, der hier aufgewachsen ist, im Grundschulalter beim „Stoppeln“ von Kartoffeln und Mais mit anpacken musste. Im Gegenzug durfte er mit dem Trabant vom Opa seine ersten Erfahrungen am Lenkrad sammeln, obwohl er selbst fürs Moped noch zu klein war. Heute mag das abenteuerlich klingen, damals war das keine große Sache.
Albtraum? Nee, große Liebe
Vernunft ist eben nicht alles und ein Auto für Menschen wie János Füleki mehr als ein Fortbewegungsmittel. Im Internetforum Nivatechnik.de findet man Einträge wie „Wir haben bei unserer ersten Probefahrt im Lada Niva vor Freudegekreischt wie kleine Kinder“ oder „So ein Lada kann die Liebe deines Lebens werden oder dein Albtraum“. Man kann sich denken, was davon auf János Füleki zutrifft.
Tino Künzel


