
Russland will seine Position auf dem internationalen Markt für Medizintourismus stärken und setzt dabei verstärkt auf Patienten aus muslimisch geprägten Ländern. Die staatliche Organisation Roskatschestwo hat deshalb die freiwillige Zertifizierung „Muslim Friendly“ auf medizinische Einrichtungen ausgeweitet.
Künftig können Kliniken, Sanatorien, Rehabilitationszentren und sogar Massagesalons offiziell bestätigen lassen, dass ihre Dienstleistungen auf die Bedürfnisse muslimischer Patienten abgestimmt sind.
Nach Angaben von Roskatschestwo soll die neue Zertifizierung vor allem den Export medizinischer Dienstleistungen fördern. Bereits 2025 überschritt das Volumen russischer Medizindienstleistungen im Ausland die Marke von 616 Millionen US-Dollar – ein Wachstum von 31 Prozent gegenüber 2023. Besonders stark steigt die Nachfrage aus Staaten mit überwiegend muslimischer Bevölkerung, darunter Länder der GUS, des Nahen Ostens und Südostasiens. Experten schätzen das Potenzial dieses Marktes bis 2030 auf bis zu 7,6 Milliarden Dollar jährlich.
Die Verantwortlichen betonen, dass der neue Standard keine Änderungen an den weltlichen Prinzipien des russischen Gesundheitssystems mit sich bringe. Vielmehr gehe es darum, internationale Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen und den Aufenthalt ausländischer Patienten komfortabler zu gestalten.
Die Zertifizierung solle medizinischen Einrichtungen ein klares Instrument an die Hand geben, um Vertrauen bei muslimischen Gästen aufzubauen und neue Zielgruppen anzusprechen. Der Standard umfasst dabei eine Vielzahl konkreter Anforderungen. Dazu gehören speziell ausgestattete Gebetsräume, Möglichkeiten zur rituellen Waschung sowie eine stärkere Wahrung der Privatsphäre von Patienten. In den Innenräumen sollen nach Möglichkeit Darstellungen von Menschen und Tieren vermieden werden. Auch das gastronomische Angebot spielt eine wichtige Rolle: Kliniken und Sanatorien müssen Halal-Menüs anbieten, getrennte Bereiche für die Zubereitung und Einnahme von Speisen schaffen und auf verbotene Produkte verzichten.
Besonderes Augenmerk liegt zudem auf der medizinischen Ethik und dem Umgang mit Patienten. Das Personal soll im Umgang mit muslimischen Gästen geschult werden und kulturelle sowie religiöse Besonderheiten berücksichtigen. Für weibliche Patienten sieht der Standard unter anderem die Möglichkeit vor, bei sensiblen Untersuchungen oder Eingriffen eine Ärztin oder ein rein weibliches medizinisches Team zu wählen. Wenn verfügbar, sollen alkoholhaltige Produkte durch Halal-konforme Alternativen ersetzt werden.
Darüber hinaus empfiehlt die Zertifizierung, Behandlungs- und Therapiezeiten an die Gebetszeiten anzupassen und Patienten aktiv über die geschaffenen Bedingungen zu informieren. Damit orientiert sich Russland an internationalen Trends im Bereich des sogenannten Halal-Tourismus und muslimfreundlicher Dienstleistungen, die in den vergangenen Jahren weltweit stark an Bedeutung gewonnen haben.
Die Initiative stößt jedoch nicht nur auf Zustimmung. Kritiker warnen davor, dass eine zu starke religiöse Segmentierung langfristig Fragen nach Gleichbehandlung und Neutralität staatlich geprägter Einrichtungen aufwerfen könnte. Befürworter halten dagegen, dass viele Länder längst ähnliche Standards entwickelt hätten, um internationale Patienten anzuziehen. In einer globalisierten Gesundheitsbranche gehe es zunehmend nicht nur um medizinische Qualität, sondern auch um kulturellen Komfort und individuelle Bedürfnisse.
Viktoria Nedaschkowskaja


