Nachgeschmack der Paralympics

Die Leistung russischer Sportler bei den Paralympics in Mailand-Cortina war ohne Übertreibung triumphal. Doch die Sportfeier wurde dadurch getrübt, dass es keinen Olympischen Frieden gab. Und es wächst das Gefühl, dass es auch in Zukunft keinen geben wird.

Nach der Begegnung mit Fans im GUM betraten die russischen Paralympioniken den Roten Platz. (Foto: Artur Nowosilzew/AGN Moskwa)

Selbst jene, die sich nicht als Sportfans bezeichnen, konnten die 14. Paralympics in Italien nicht übersehen. Besonderes Gewicht erhielten die Wettbewerbe maßgeblich durch die Teilnahme der Russen. Dabei entsteht der Eindruck, dass dies nicht nur für Russland gilt: Auch deutsche Medien widmeten dem Thema erhebliche Aufmerksamkeit. Und nicht nur sie.

Unglaubliche Leistung

Alle waren absolut von den Ergebnissen beeindruckt. Die im Medaillenspiegel erstplatzierte Paralympics-Mannschaft Chinas gewann mit 70 Sportlern 15 Goldmedaillen. Das darauf folgende Team der USA, bestehend aus 68 Athleten, brachte 13 Mal Gold mit nach Hause. Die Russen waren mit acht Goldmedaillen bei diesen Paralympics Dritte. Doch nach Mailand-Cortina konnten nur sechs russische Paralympioniken reisen. Das ist so wenig, dass man sie alle namentlich aufzählen kann.

Helden im Rampenlicht

Die Langläuferin Anastassija Bagijan gewann drei Goldmedaillen: in den Rennen über 20 und 10 Kilometer mit Einzelstart sowie im Sprint. Die Skirennläuferin Varvara Voronchikhina gewann zwei Goldmedaillen, im Super-G und im Slalom. Zudem holte sie Silber im Riesenslalom und Bronze in der Abfahrt. Der Langläufer Iwan Golubkow wurde durch seine Leistungen in den Rennen über 10 und 20 Kilometer im Einzelstart zweifacher Paralympics-Sieger. Der Skirennläufer Alexej Bugajew reiste mit einer Goldmedaille für den Slalom und zwei Bronzemedaillen – für die Abfahrt und den Riesenslalom – aus Mailand-Cortina ab. Die einzige Sportart, in der die russischen Paralympioniken ohne Medaillen blieben, war das Para-Snowboard. Weder Dmitri Fadejew noch Philipp Schebbo erhielten Auszeichnungen. Doch das Gesamtergebnis kann nicht anders als fantastisch bezeichnet werden. Denn schon die Teilnahme der Russen an den Spielen in Mailand-Cortina stellte eine fantastische Leistung dar.

Mit Flagge und Hymne

Dies ist die Schwelle, an der für viele der Sport endet und die Politik beginnt. Russische Sportler nahmen nicht nur erfolgreich an internationalen Wettbewerben teil, sondern traten unter der Flagge ihres Landes und mit seiner Hymne an. Paralympioniken hatten diese Möglichkeit zwölf Jahre lang nicht.

Bevor die russische Trikolore bei der Eröffnungszeremonie der 14. Paralympischen Spiele erschien, hatten Fans sie zuletzt in Sotschi 2014 gesehen. Denn vor dem Beginn der militärischen Auseinandersetzungen, die allerlei Sanktionen nach sich zogen, gab es noch den Dopingskandal. So wurden die russische Flagge und Hymne in Mailand-Cortina zu einem echten Durchbruch für die Russen und zu einer sehr bitteren Tatsache für jene, die russische Sportler nicht sehen wollten – weder mit staatlichen Symbolen noch ohne sie.

Die Skirennläuferin Varvara Voronchikhina gewann zwei Goldmedaillen, im Super-G und im Slalom. (Foto: Artur Nowosilzew/AGN Moskwa)

„Vielleicht sind es total nette Menschen“

Unzufriedene gab es genug. Einige verzichteten auf die Teilnahme an der Eröffnungszeremonie, andere – wie die deutsche Skilangläuferin Linn Kazmaier und ihr Guide Florian Baumann – weigerten sich, ein Selfie mit den russischen Medaillengewinnern zu machen. Zuvor, als die russische Hymne erklang, hatten Kazmaier und Baumann sich abgewandt und ihre Mützen nicht abgenommen. Dabei schien die deutsche Skilangläuferin gegenüber den russischen Sportlern selbst keine Vorbehalte zu haben.

„Vielleicht sind es total nette Menschen, mit denen wir eigentlich befreundet sein könnten. Dass das Politische das so überschattet, ist einfach total schade. Es ist einfach politisch nicht vertretbar. Es fühlt sich komisch und falsch an.“

Die Reaktion in den russischen sozialen Netzwerken war vorhersehbar. Der Tenor: Wer etwas dagegen hat, kann ja zu Hause bleiben. Und noch etwas: Russische Kommentatoren fragen sich, warum niemand einen Bogen um die Amerikaner macht. Schließlich hat der Iran die USA doch gar nicht angegriffen, also könnten die US-Amerikaner doch als Aggressoren gebrandmarkt werden.

Einmal Bad Guy – immer Bad Guy

Wenn man der formalen Logik doch nicht folgt, wird eines offensichtlich: Was die Good Guys auch tun, sie bleiben es. Und die Bad Guys haben praktisch keine Chance, diese Kategorie je zu verlassen. Die Guten haben Geschenke verdient. Allen Teilnehmern außer Russen und Belarussen überreichten die Organisatoren Smartphones einer bekannten südkoreanischen Marke.

Es ist äußerst schwierig und sogar sinnlos, Entscheidungen zu diskutieren, die einzelne Sportler oder ganze Teams betreffen. Jede Geste zeigt bei den einen starke Wirkung, bei anderen wird sie schlicht ignoriert oder sogar verspottet. Doch immer stellt sich die Frage: Gut, aber was kommt als Nächstes?

Wenn russische Paralympioniken zu den nächsten Spielen zugelassen werden, die 2028 in den USA stattfinden, könnte dort eine nicht weniger angespannte Situation herrschen. Pawel Roschkow, Vorsitzender des Paralympischen Komitees Russlands, erklärte, dass derzeit aktiv Teilnehmer der militärischen Auseinandersetzungen in der Ukraine für den Paralympiasport gewonnen werden. Daran ist nichts Überraschendes; viele Länder rekrutieren Sportler aus den Reihen ihrer Streitkräfte. Doch was passiert, wenn ein russischer Paralympionike, der im Krieg zu Schaden kam, und ein ukrainischer Athlet mit ähnlich schwerem Schicksal gemeinsam auf dem Podest stehen? Wird dann der Olympische Frieden einkehren? Das ist die Kernfrage.

Auf die Smartphones der Organisatoren können russische Sportler übrigens gern verzichten. Zu Hause wurden ihnen umgehend hervorragende Telefone geschenkt.

Igor Beresin

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