Der Abbau der Erinnerung: der Gedenkpark in Tomsk

In Tomsk hat man die Gedenkstätten im Park der Erinnerung an die Opfer der politischen Repressionen abgebaut – ausgerechnet am 19. April, dem Tag des Gedenkens an den Genozid am sowjetischen Volk. Die Stadtverwaltung hält sich mit Informationen zurück. Es hat den Anschein, als erinnere man sich zwar an bestimmte Verbrechen der Vergangenheit, andere hingegen wolle man lieber verdrängen.

Das Denkmal vor dem Abriss (Foto: Ljubawa Winokurowa)  

„Als wir morgens zur Arbeit kamen, waren die Mahnsteine verschwunden – stattdessen stand dort ein grüner Bauzaun“, so ein Mitarbeiter des Museums „NKWD-Untersuchungsgefängnis“ zur MDZ. Das Museum liegt direkt neben der Parkanlage.

Wie die Parkanlage entstand

Zwischen 1923 und 1946 diente die Parkanlage als innerer Hof, der das NKWD-Untersuchungsgefängnis (heute Lenin-straße 44) von der NKWD-Verwaltung in Tomsk (Lenin-straße 42) trennte. Vermutlich wurden dort die Häftlinge begraben, die im Gefängnis hingerichtet wurden oder starben. Dies belegen Augenzeugenberichte, Aussagen von Bewohnern des Hauses aus den 1950er- bis 1970er-Jahren sowie Unterlagen des Museums „NKWD-Untersuchungsgefängnis“.

Im Jahr 1989 fanden auf diesem Gelände Sucharbeiten zur Lokalisierung von Massengräbern statt. Dabei wurden Gruben entdeckt, die typisch für Massengräber waren und mit Bauschutt zugeschüttet wurden. Höchstwahrscheinlich wurden die sterblichen Überreste in den 1960er-Jahren abtransportiert, als das Gefängnisgebäude für Gemeinschaftswohnungen umgebaut wurde. Im Jahr 1992 wurde hier eine Grünanlage angelegt und ein Denkmal errichtet – das Mahnmal „Stein des Schmerzes“ für die Opfer des bolschewistischen Terrors sowie Gedenksteine für die unterdrückten Völker: Kalmücken, Polen, Esten, Letten, Litauer.

Das mysteriöse Verschwinden der Gedenksteine

Am 19. April wurde die Parkanlage mit einem Zaun umrandet und der „Stein des Schmerzes“ sowie die anderen Gedenkzeichen wurden demontiert. Im offiziellen Telegram-Kanal der Stadtverwaltung von Tomsk wurde folgende Version des Geschehens verbreitet: „Es sei eine Meldung eines Anwohners eingegangen über ‚die mögliche Einsturzgefahr einer Garage‘ am Hang einer Schlucht in der Nähe der Haltestelle ‚Platz Nowo-Sobornaja‘. Der Vorfall sei in der Kommission für Notfallsituationen behandelt worden, woraufhin man beschlossen habe, das Gelände zu sperren. Um den Hang zu sichern, wird in nächster Zeit eine Planungsdokumentation erarbeitet. Bis die Arbeiten abgeschlossen sind, bleibt der Zugang zum Park beschränkt. Die Kleinarchitekturelemente sowie die übrigen Objekte auf dem Gelände wurden dem zuständigen Fachbereich zur sicheren Aufbewahrung übergeben“.

Wie die lokalen Medien berichten, verschwand diese offizielle Mitteilung später wieder.

Die Redaktion von vtomske.ru erhielt am 24. April eine Antwort des ersten stellvertretenden Bürgermeisters der Stadt, Wladimir Radula. „In Kürze werden Untersuchungen zum Zustand dieses Areals durchgeführt. Anschließend wird die Parkanlage wiederhergestellt. Bis zur Durchführung der Arbeiten wird der Zugang zu diesem Areal aus Sicherheitsgründen für die Bevölkerung eingeschränkt“, teilte der erste stellvertretende Bürgermeister mit.

Wann der Hinweis eines Anwohners einging, warum die Demontagearbeiten in den Nachtstunden durchgeführt wurden, wo sich die entfernten Objekte jetzt befinden und warum es nötig war, die Mahnmale zu entfernen, obwohl sie weit entfernt vom Hang liegen – all dies beantwortete die Stadtverwaltung von Tomsk nicht.

Wie das Gelände jetzt aussieht  (Foto: Telegram)

Die aktuelle Situation

Derzeit ist nur der zentrale Teil des Parks, wo sich die Mahnmale befanden, abgesperrt; die Bewohner können ungehindert alle Fußwege nutzen. An der Wand eines Gebäudes in der Nähe des Hanges wurden Messpunkte (Observationsmarken) zur Überwachung von Rissen angebracht. Gleichzeitig ist der Zugang neben dem Objekt frei. Es gibt auch keine Absperrungen entlang des Hanges.

„Ja, die Verwaltung sagt, der Park werde wiedereröffnet. Aber was wird das für eine Anlage sein, welchem Gedenken wird er gewidmet sein? Alle reden und schreiben von einer Garage mit einem Riss. Aber die steht dort schon seit Langem, etwa zehn Meter vom Hang entfernt. Davon geht keinerlei Gefahr aus – und es stehen doch auch andere Gebäude dort. Das ist völliger Unsinn!“, sagen Mitarbeiter des Museums „Untersuchungsgefängnis des NKWD“. „Jetzt stehen die Maifeiertage an. Wird dieser Zaun wirklich während all der Paraden so stehen bleiben? (Der Park als auch das Museum befinden sich im Stadtzentrum, Anm. d. Red.) Die Geschichte mit der Garage ähnelt sehr der Geschichte mit dem Brandschutz im Gulag-Museum in Moskau. Schwebt über uns nun ebenfalls ein Damoklesschwert?“, so überlegen die Mitarbeiter des Museums.

Ljubawa Winokurowa

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