
Wladimir Owtschinnikow gehörte zu jenen Künstlern, deren Werk nicht zu übersehen war. Er veranstaltete keine lauten Präsentationen, besuchte keine gesellschaftlichen Empfänge und war in keine Skandale verwickelt. Doch an seinen Arbeiten konnte niemand einfach vorbeigehen. Ein Beleg dafür ist auch die Berichterstattung der MDZ: Die Redaktion begegnete Wladimir in Borowsk und schrieb über ihn und sein Projekt.
Um das Ausmaß seines Werks könnten viele Künstler ihn beneiden. Seine „Leinwand“ war eine ganze Stadt. Die großflächigen Wandgemälde von Owtschinnikow zieren die Fassaden zahlreicher Häuser in Borowsk. Der Sänger und Frontmann der legendären Gruppe „Kino“, Wiktor Zoj, der Weltraumforscher Konstantin Ziolkowski sowie eine ganze Galerie von Porträts weiterer regional und überregional bekannter Persönlichkeiten machten Borowsk landesweit berühmt. Nicht zuletzt Owtschinnikow verdankt die Stadt den stetigen Zustrom von Touristen. Wie könnte man nicht anreisen, um den „Globus von Borowsk“ oder das „Raumschiff“ zu bewundern? Das „Raumschiff“ war einst ein Absetzbecken, in dem Wasser vor dem Einleiten in den Fluss Protwa gefiltert wurde. Heute blicken aus dem runden Bauwerk mit seinen „Bullaugen“ jene auf die Besucher herab, die an der Erschließung des Weltraums mitgewirkt haben. Das Ableben Owtschinnikows ist ein großer Verlust für Borowsk.
Wladimir Owtschinnikow war nicht nur ein begabter Maler, sondern auch ein Mensch von größter Aufrichtigkeit. Er scheute sich nicht, seine Haltung zu bekunden. Und diese war eindeutig: Wladimir Owtschinnikow kämpfte dafür, das Andenken an die Opfer der stalinistischen Repressionen zu bewahren. Es war ein echter Kampf: Owtschinnikow malte Porträts unterdrückter Einheimischer auf die Hauswände, und die Stadtverwaltung überstrich sie wieder. Doch im Jahr 2020 erwarb die Borowskerin Swetlana Schorochowa ein historisches Gebäude, das im 19. Jahrhundert als Gefängnis diente. Heute beherbergt es das Museum „Gefängnisschloss“. Owtschinnikow gestaltete die gesamte Rückseite des Schlosses sowie die Anlagen im Innenhof. Im Inneren wurden ihm drei Räume speziell für Bildserien zum Gedenken an die Opfer der sowjetischen Repressionen zur Verfügung gestellt. So entstanden an den Wänden des „Gefängnisschlosses“ 80 Porträts erschossener Borowsker.
Der Künstler sammelte in Archiven Unterlagen, die für die Rehabilitation seiner in der Sowjetzeit unterdrückten Landsleute notwendig waren. Durch seine Bemühungen wurden 1390 Opfer der Repressionen rehabilitiert.
Das Ableben Wladimir Owtschinnikows ist ein Verlust für alle, denen die Geschichte des Landes nicht gleichgültig ist. Er war ihr unmittelbarer Zeuge und Chronist. Nun wird der Weg ohne ihn fortgesetzt werden müssen. Alle, die Owtschinnikow kannten, werden ihn sehr vermissen.
Igor Beresin


