
Die vierte Aprilwoche bescherte in diesem Jahr einen reichen „Jubiläen-Fang“. Am 25. April 1946 wurde in Alma-Ata im sowjetischen Kasachstan Wladimir Eidelshtein geboren, besser bekannt als Wladimir Schirinowski. Am 26. April 1986 ereignete sich die Explosion im vierten Block des Kernkraftwerks Tschernobyl. Und am gleichen Tag, doch im Jahr 1991, wurde in Russland – damals noch als Sowjetrepublik innerhalb der Sowjetunion – das Gesetz zur Rehabilitation der unterdrückten Völker verabschiedet.
Der Seher
Schirinowskis 80. Geburtstag war das Jubiläum mit dem höchsten Status. Sogar der russische Präsident Putin persönlich besuchte eine Ausstellung, die dem Mann gewidmet war, der eine (quasi) oppositionelle Partei angeführt hatte. Schirinowski trat dreimal als Präsidentschaftskandidat an – bei Wahlen, an denen auch Putin teilnahm. Und drei weitere Male kandidierte er, wenn Putin nicht antrat. Der große Aufwand bei den Jubiläumsfeierlichkeiten – eine Ausstellung, umfangreiche Fernsehsendungen, zahlreiche Posts in sozialen Netzwerken – erklärt sich auch dadurch, dass es das erste Jubiläum ohne den Jubilar selbst ist: Der Vorsitzende der Liberal-Demokratischen Partei starb im April 2022.
Das Schirinowski-Porträt in diesen Jubiläumstagen ist durchweg positiv. Geradezu alle betonen, was für ein phänomenaler Seher er gewesen sei. Seine Vorhersagen sind längst zu Internet-Memes geworden, auf die sich gefühlt die Hälfte aller Kommentatoren bezieht. Und überhaupt: Er war ein Mensch mit Herz, weise und gebildet.

Die Lehre aus dieser Geschichte ist, wie erstaunlich schnell sich die Vorzeichen ändern – aus Minus wird Plus und umgekehrt. Denn es scheint, als sei es noch gar nicht lange her, dass der rechte Populist Schirinowski und seine Partei geradezu als Synonym für Unsinn, Possenreißerei und Abenteuerlust galten. Doch so ist das: Gestern noch meidet man jemanden, heute verehrt man ihn fast wie einen Gott.
40 Jahre Apokalypse
Im Fall der Tschernobyl-Katastrophe liegt die Sache natürlich anders. An der Wahrnehmung der Ereignisse von vor 40 Jahren hat sich nichts geändert. In Moskau gibt es mehrere Denkmäler für die Liquidatoren der Tschernobyl-Katastrophe. Das zentrale Moskauer Memorial für Opfer und Aufräumkräfte der Havarie befindet sich auf dem Mitinski-Friedhof. Hierher kommen Menschen, um Blumen niederzulegen. Zum Jahrestag der Tragödie zeigte der Erste Kanal, der Hauptfernsehsender des Landes, den Dokumentarfilm „Tschernobyl. So war es“. Tschernobyl wurde zur Lehre für die gesamte Menschheit: Die friedliche Nutzung der Atomenergie kann in einem Moment tödliche Gefahr werden. Doch die Russen (zumindest jene, denen in diesen Tagen in ihren Newsfeeds Videos mit Ausschnitten aus den Nachrichtensendungen vom April 1986 begegneten) erhielten noch eine andere Lehre. Man darf die Wahrheit nicht verheimlichen, man darf nicht lügen. „Die Arbeit der Betriebe, Kolchosen, Sowchosen und Einrichtungen im Umkreis verläuft planmäßig.“ Diese Lehre wurde offensichtlich nicht von allen verinnerlicht.
Endlich rehabilitiert
Das 35-jährige Jubiläum des Gesetzes der Russischen Sowjetischen Föderativen Sozialistischen Republik zur Rehabilitation Rehabilitierung von Opfern politischer Repressionen wurde vor allem von den betroffenen Völkern selbst wahrgenommen. Das Oberhaupt der Republik Inguschetien, Machmud-Ali Kalimatow, wandte sich an seine Landsleute und erinnerte an die besondere Bedeutung des 1991 verabschiedeten Gesetzes für die inguschetische Bevölkerung. Er dankte allen, die dazu beigetragen hatten, dass diese Rechtsnorm zustande kam, und wünschte „Frieden und Wohlstand allen Völkern Russlands, die den verbrecherischen stalinistischen Repressionen ausgesetzt waren“.
Auch in der Kuban-Region und am Don wurde an das Gesetz erinnert. Die in Krasnodar ansässige Publikation VK Press, die den „Kosaken-Blog“ betreibt, verwies auf die „Repressionen auf staatlicher Ebene durch die Bolschewiki“ gegen das Kosakentum und darauf, dass die Verabschiedung des Gesetzes „einen wichtigen Meilenstein in der Geschichte des Kosakentums“ markiert habe. Es schuf erstmals die rechtliche Grundlage für die Bildung kosakischer Gemeinschaften.
Auf gesamtstaatlicher, föderaler Ebene fand dieses Jubiläum jedoch keinen Platz. Das ist, gelinde gesagt, erstaunlich. Immerhin hatte Wladimir Medinski, Vorsitzender der Russischen Militärhistorischen Gesellschaft und eine Person in den höchsten Machtzirkeln, erst vor einem halben Jahr im Radio Sputnik gesagt, dass Repressionen gegen ganze Völker, wie sie in der Sowjetunion in den 1930er- und 1940er-Jahren stattfanden, durch nichts zu rechtfertigen seien. „Das darf man nicht vergessen. Das ist eine tragische Geschichte, die nicht aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen werden darf. In der UdSSR gab es die Praxis der Zwangsumsiedlung – man nennt das schönfärberisch ‚Deportation‘, aber was ist das eigentlich? Es handelt sich um Zwangsumsiedlung, im Wesentlichen um Repressionen gegen Völker, bestimmte ethnische Gruppen und soziale Schichten.“
Wladimir Medinski erinnerte auch daran, wie dies vonstatten ging: „Zuerst waren es die Wolgadeutschen. Sie wurden Ende August 1941 ‚präventiv‘ in die sibirischen und kasachischen Steppen deportiert, weg von der näher rückenden Front. Dann folgten Karatschaier, Balkaren, Tschetschenen, Inguschen, Kalmücken, Krimtataren und viele andere. Insgesamt sprechen Historiker von fast 60 sozialen Gruppen, die von derartigen Praktiken betroffen waren. Und das Grausamste daran war: In die Verbannung wurden alle geschickt, ohne Unterschied. Auch Angehörige von Rotarmisten … Es gab Soldaten der Roten Armee, die mit Verwundung, Orden und Medaillen im Urlaub nach Hause kamen – und sie wurden ebenfalls deportiert. Manche wurden direkt aus den Reihen der kämpfenden Truppe gerissen. Diese pauschalen repressiven Maßnahmen nach nationalen, ethnischen Kriterien sind natürlich nicht zu rechtfertigen.“

Beim Lesen dieser Kommentare kann man über das heutige Schweigen zum Jubiläum des Rehabilitationsgesetzes nur staunen. Man kann nicht sagen, dass sich in einem halben Jahr aus Sicht der Geschichtswissenschaft etwas Grundlegendes geändert hätte. Auch gab es keine Erklärungen hochrangiger russischer Beamter, die auf eine Neubewertung dieser tragischen Geschichte hingedeutet hätten. Man könnte hier anführen, dass im Februar 2026 das Staatliche Museum der Geschichte des Gulag endgültig geschlossen wurde. Doch die Geschichte des Gulag selbst verschwindet nicht einfach in der Luft; es leben noch Menschen, die sich an die Deportationen erinnern. Diese Erinnerung wird bleiben.
Doch man muss anerkennen: „Schwere“ Erinnerung schmerzt, und viele Menschen wollen keine Schmerzen, Unbequemlichkeiten und Ängste. Genau deshalb werden tragische Erinnerungen oft durch heroische ersetzt. Über Heldentaten denkt man lieber nach, das ist weniger traumatisch. Vielleicht liegt genau darin die Lehre aus dem Jubiläum des Gesetzes von 1991. Denn alle haben es schon oft genug gehört: „Hört doch endlich auf zu jammern, das ist den Menschen um euch herum unangenehm.“ Oder so ähnlich.
Igor Beresin


