
Baden-Baden gilt als eine dieser Städte, die man nicht erklären muss. Der Name allein reicht für viele Deutsche, aber vielleicht noch mehr für russische Besucher, die hier seit Jahrzehnten ein Stück europäischer Eleganz suchen. Kurhaus, Casino, Thermalbäder, ein Hauch von Belle Époque. Eine Stadt, die wirkt, als wäre sie vor allem dafür gemacht, auf Postkarten gut auszusehen. Oder, wie es im Stadtmarketing heißt: „the good-good life“.
Dieses Bild hat Tradition. Schon im 19. Jahrhundert zog Baden-Baden Gäste aus ganz Europa an, darunter auch zahlreiche russische Adelige und Intellektuelle. Einer von ihnen war der Autor Fjodor Dostojewski. Im Zentrum der Stadt erinnert heute eine Statue an ihn. Barfuß, ein ironischer Seitenhieb auf seine Verluste beim Glücksspiel im Baden-Badener Casino. Eine fast zu passende Symbolik für einen Ort, der seit jeher von Glamour, Inszenierung und dem Versprechen eines besonderen Lebensgefühls lebt.
Genau hier beginnt der Teil der Geschichte, der deutlich seltener erzählt wird: Baden-Baden lebt seit Jahrzehnten von einem Ruf, der größer ist als die Stadt selbst. Auf dem Papier sieht das Ganze deutlich weniger mondän aus: Nicht einmal 60 000 Einwohner, wie es auf der offiziellen Webseite der Stadt www.baden-baden.de steht, aber rund 48 Millionen Euro Schulden. 2025 kamen zeitweise weitere Millionen dazu, weil der Haushalt nicht ausgeglichen werden konnte. Neu ist das nicht. Die angespannte Finanzlage beschäftigt die Stadtpolitik seit Jahren. Hohe laufende Kosten treffen auf begrenzte Einnahmen, was sehr viel schlechter zum Selbstbild der Stadt passt als sie nach außen gerne präsentiert. Im Zentrum fällt davon wenig auf. Baden-Baden sieht gut aus, solange man sich dort aufhält, wo es gut aussehen soll.
Dass nicht alles Gold ist, das glänzt, zeigen die Statistiken zum Thema Jugend und Alkohol. In einer älteren baden-württembergischen Auswertung gehörte die Stadt zeitweise zu den Spitzenreitern bei alkoholbedingten Krankenhausaufenthalten Jugendlicher. Später gingen die Werte zwar zurück, doch auch in neueren Landesstatistiken lag die Kurstadt noch über dem Durchschnitt. Denn Baden-Baden galt unter der jüngeren Generation seit jeher als Stadt für ältere Menschen, für Kurgäste, für Ruhe, für gepflegte Langeweile mit gutem Ruf. Das ist nicht nur ein Gefühl, sondern ziemlich wörtlich die demografische Realität: Nach Angaben des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg ist der Anteil der über 85-Jährigen nirgendwo höher als hier. Für Jugendliche bleibt in dieser ordentlich verwalteten Idylle oft nicht viel mehr als dekorativer öffentlicher Raum. Also trifft man sich an der Trinkhalle, in der Lichtentaler Allee oder irgendwo zwischen schöner Fassade und chronischer Unterforderung und feiert die Stadtplanung mit Bier und irgendetwas, das heimlich aus dem elterlichen Vorratsschrank mitgenommen wurde. Die wirklich guten Abende waren die, an denen jemand sturmfrei hatte und sich traute, eine Hausparty zu feiern. An den anderen blieb immer noch genug Zeit, um draußen herumzuhängen, oder nachts den Zaun des Schwimmbades plötzlich für erstaunlich überwindbar zu halten. Ein paar Stunden später endete der Abend dann nicht selten weniger schick, als Baden-Baden es sich für sein Image wünschen würde.
Natürlich hatte Baden-Baden durchaus etwas zu bieten, nur eben selten für Leute in meinem Alter. Wer sich dafür begeistern konnte, welchen Hut man zum nächsten Pferderennen trägt, Eintritt zahlte, um alte Autos zu bestaunen, oder den Nachmittag in Cafés verbrachte, die für viele eher Kulisse als Alltag waren, kam wahrscheinlich besser zurecht. Ich kannte jedenfalls kaum jemanden, der mit diesen Möglichkeiten etwas anfangen konnte. Mich eingeschlossen. Für uns war die Stadt vor allem schön anzusehen und erstaunlich schlecht darin, junge Leute zu beschäftigen.
Ich hatte noch Glück, weil ich Bücher liebte und schon früh eine ziemlich große Fantasie hatte. So konnte ich mir meine Welten irgendwann immerhin selbst bauen. Fast frustrierender als diese Langeweile war auf Dauer nur das Gefühl, dass Baden-Baden einem auch sonst nicht besonders viel entgegenkam. Die Stadt wirkte auf mich nie wie ein Ort, der jungen Leuten eine Vorstellung davon gab, was aus ihnen einmal werden könnte. Eher wie einer, der sich vor allem für Menschen interessiert, die längst angekommen sind. Es fehlte nicht nur an Beschäftigung, sondern auch an einer Vision, an irgendeinem Gefühl von Richtung, an der Hoffnung, dass man es vielleicht auch einmal dorthin schaffen könnte, wo in Baden-Baden die schönen Dinge wie selbstverständlich zu Hause sind.
Vielleicht ist genau das auch der Grund, warum aus meinem damaligen Freundeskreis heute niemand mehr hier ist. Sie sind alle ironischerweise in verschiedene Großstädte quer über Deutschland verstreut. Ich bin gewissermaßen die Letzte, die dem Mythos noch physisch beim Arbeiten zuschauen kann. Das letzte Relikt mit Mietvertrag. Aber auch der hat ein Ablaufdatum.
Doch damit endet Baden-Badens Talent zur Wirklichkeitsverdrängung noch nicht. Noch schwerer hübsch zu verpacken, ist ein Thema wie Suizid. Auch damit fiel die Stadt in der Vergangenheit auf; in einer 2012 veröffentlichten Medienauswertung zu den Jahren 2007 bis 2010 tauchte Baden-Baden in diesem Zusammenhang sogar ganz oben auf (news.de-Auswertung, zitiert nach LifePR). Spätestens hier zeigt sich, wie wenig ein glanzvolles Image darüber aussagt, wie es den Menschen in einer Stadt tatsächlich geht. Vielleicht liegt genau darin eine der unschönsten Wahrheiten der Kurstadt: dass diese Stadt mehr Energie in ihr wohlhabendes Image für die Außenwelt investiert als in das tatsächliche Wohl derjenigen Menschen, die dort leben.
Ich gebe zu, es wäre es zu einfach, Baden-Baden nur als Fassade abzutun. Die Stadt ist schön, ihr Zentrum hat Charme, und wer ein Faible für Old Money und romantische Eleganz hat, kommt hier auf seine Kosten. Der Schwarzwald beginnt praktisch vor der Tür, und an einem sonnigen Tag versteht man sehr gut, warum dieser Ort seit Jahrzehnten so gut funktioniert. Ganz erfunden ist der Mythos also nicht. Er ist nur, sagen wir, sehr selektiv. Das good-good life gibt es in Baden-Baden durchaus. Es hat nur leider einen ziemlich exklusiven Kundenkreis.


