
Die Premiere von „Nurejew“ an der Berliner Deutschen Oper wurde als Großereignis im Theaterleben der deutschen Hauptstadt erwartet. Die Karten für alle zwölf Vorstellungen waren im Voraus ausverkauft. Am 8. Mai startet der Vorverkauf für das Jahr 2027. Dabei ist „Nurejew“ nicht ganz ein Ballett im klassischen Sinn. In diesem Stück verschmelzen Oper, Ballett und dramatisches Theater zu einer einzigartigen Erzählung über das Leben des außergewöhnlichen Tänzers Rudolf Nurejew (1938–1993). Die Inszenierung ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Regisseur Kirill Serebrennikow, Choreograf Juri Possokhov und Komponist Ilja Demuzki. Die Hauptrolle tanzte David Soares.
Die Presse ist begeistert
Die deutsche Presse zeigte sich einhellig begeistert von der Inszenierung, die maßgeblich von einem russischen Autorenteam stammt. „Die Zeit“ reagierte lakonisch: „Sagenhaft gut“. In ähnlichem Tenor schrieben „Berliner Morgenpost“ und „Süddeutsche Zeitung“ über den Abend: „Berlin ist um ein Bühnenereignis reicher“, „Ein Triumph für das Staatsballett und seine fantastischen Tänzer“. radio 3 hob auf seiner Webseite zudem den Mann hervor, der die russische Produktion auf die Berliner Bühne gebracht hat: „Mit diesem ‚Nurejew‘ bekommt das Berliner Staatsballett die langersehnte nationale wie internationale Aufmerksamkeit und Bedeutung. Es ist ein Coup, dass Staatsballett-Intendant Christian Spuck diese Inszenierung nach Berlin geholt hat.“
Dieselben Autoren – neun Jahre jünger
Die Moskauer Inszenierung, die Christian Spuck so begeistert hatte, hatte ein bewegtes Schicksal. Am 5. Mai 2016 wurde das Ballett „Nurejew“ in die Liste der Premieren der kommenden Spielzeit des Bolschoi-Theaters aufgenommen. Die Premiere war für den 11. Juli angesetzt. Doch nach der Generalprobe wurde sie plötzlich verschoben. Russische Beamte zeigten sich von einigen Momenten der Inszenierung verunsichert, in denen sie eine Propaganda nichttraditioneller sexueller Werte witterten. Kurz darauf wurde Regisseur Kirill Serebrennikow wegen des Vorwurfs der Veruntreuung festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Dennoch wurde die Arbeit an der Produktion online und per Briefwechsel fortgesetzt.
Es erübrigt sich zu sagen, dass die Premiere am Bolschoi mit großer Spannung erwartet wurde. Das Interesse war enorm, die Karten schnell vergriffen, und bei Wiederverkäufen stiegen die Preise auf 80.000 bis 100.000 Rubel (heute etwa 900 bis 1100 Euro). Das ist selbst heute eine enorme Summe – vor neun Jahren wirkte sie schier unvorstellbar. In der Hauptrolle glänzte Wladislaw Lantratow. Bemerkenswert: Der Brasilianer David Soares, der in Moskau ausgebildet wurde, war an der Entstehung des Balletts am Bolschoi beteiligt, doch damals kam er nicht dazu, den Nurejew zu tanzen.
Trotz des Erfolgs blieb die Inszenierung bis April 2023 im Repertoire des Bolschoi. Dann wurde „Nurejew“ aufgrund der Verschärfung des Gesetzes zur Propaganda nichttraditioneller Werte vom Spielplan genommen.
Das Publikum – neun Jahre älter
Besonders spannend ist jedoch, wie der Berliner „Nurejew“ von jenen wahrgenommen wird, die bereits den Moskauer gesehen haben. In diesen Vergleichen findet sich alles: Begeisterung über die erneute Begegnung mit einer wirklich großartigen Inszenierung, Trauer über veränderte Zeiten (und nicht zum Besseren) sowie viele ganz persönliche Empfindungen.
Die Premiere von „Nurejew“ in Berlin ist tatsächlich ein Großereignis. Noch größer könnte nur die Rückkehr der Inszenierung auf die Bühne des Bolschoi sein. Doch damit ist zumindest in absehbarer Zukunft nicht zu rechnen.
Ira Posrednikowa
Sie haben beide „Nurejews“ gesehen: Zuschauer-Notizen
Sonja Frantsouzova, Kunstkritikerin
Nurejew habe ich 2017 am Bolschoi zur Premiere gesehen. Ich musste bereits während der Proben in den Sälen der Leningrader Choreographieschule (heute Waganowa-Akademie) weinen. Irgendwann erschienen anstelle der Ballettstangen Gitter – genau solche, wie sie in Moskau während Demonstrationen aufgestellt wurden, um Menschenmengen zurückzudrängen.
In Berlin habe ich die Übertragung gesehen. Das ist natürlich eine eigene Kunst, Theater zu filmen – dabei entsteht ein neues Werk. Ich wähle nicht selbst, wohin ich blicke; hier setzen die Kameraleute die Akzente.
Interessant fand ich, dass das Thema der Unfreiheit, das mich in Moskau so berührt hatte, in den Hintergrund trat. Ich dachte kaum noch daran, während das Thema Emigration und das Umherziehen in der Welt im Gegenteil zum Zentrum wurde. Ich spürte einen Konflikt: die Freiheit des Künstlers – und zugleich die Einsamkeit und Heimatlosigkeit.
Andrei Plachow, Filmkritiker
Wir haben die Berliner Inszenierung an der Deutschen Oper besucht. Es gab Zweifel: Lohnt es sich, zweimal in denselben Fluss zu steigen? Ich erinnere mich genau an die Stimmung und den Kontext seines Moskauer Prototyps.
Damals habe auch ich etwas über die Moskauer Inszenierung gesagt. „Ihr Sinn liegt darin, dass ein großes Talent sich subjektiv immer frei fühlt.“ Kurzum, es war eine romantische Weggabelung der Geschichte, als alles Schöne noch möglich schien. Neun Jahre später stehen diese beiden äußerlich sehr ähnlichen Inszenierungen Lichtjahre voneinander entfernt. Zwischen ihnen liegt die Weite jenes Sprungs, den Nurejew einst aus einer Welt in die andere wagte – und den Serebrennikow vergleichsweise vor Kurzem vollzog.
Was die Qualität betrifft, steht die Berliner Inszenierung mit der wunderbaren Musik von Ilja Demuzki, der erstklassigen Arbeit von Bühnenbildnern und Kostümbildnern der Moskauer in nichts nach – allenfalls in der Größe der Bühne. Doch die Luft ist eine andere. Und auch das Publikum, das gekommen ist, um sie zu atmen. Russen waren bereits nur noch wenige zu sehen, und nicht in der ersten Reihe: Die Elite hatte sich bei den Premieren gezeigt.
Swetlana (Name geändert)
Die Premiere in Moskau. Es war Dezember, Winter. Ich finde, dass Lantratow wohl der beste Nurejew aller Zeiten und Völker ist, weil er neben seinem choreografischen Talent auch noch dramatisches Gespür besitzt.
Ich habe überhaupt keine Änderungen in der neuen Inszenierung bemerkt. Das Einzige natürlich, dass all diese Mädchen und Jungen, die alle wundervoll sind, und die ich bereits alle beim Namen kenne, natürlich eher auf Contemporary Dance ausgerichtet sind, ganz klar, und nicht auf Klassik.
David, wie wir wissen, lebte seit seinem 13. Lebensjahr in Moskau, er spricht fließend Russisch. Und er war die vierte Besetzung des „Nurejew“, ist aber nie auf die Bühne gekommen, weil vor ihm andere standen.
Er liebt Moskau sehr, bedauert sehr, dass er gehen musste, und vergleicht sich teilweise mit der Figur des Balletts – schließlich musste er seinerzeit aus Brasilien erst nach Moskau ziehen, dort Fuß fassen und nun nach Berlin kommen.
Igor Siwzew, Student und Dichter
Ich hatte erwartet, dass im Publikum viel mehr Russischsprachige sein würden. Doch in der Pause hörte ich häufiger Französisch. Sehr gut gefiel mir, wie alle sich für das Ballett herausgeputzt hatten. Denn in Berlin kommt man oft in dem ins Theater, was man auch im Alltag trägt.
Mir erschien das Berliner Publikum wenig emotional; niemand reagierte besonders, selbst nicht auf starke Szenen oder interessante Kulissenwechsel. Vielleicht ist man in Berlin daran bereits gewöhnt – oder konnten sich die Karten nur jene leisten, die es sich aufgrund ihres Status abgewöhnt haben, Emotionen und Reaktionen zu zeigen?


