
Alles begann mit einer per Video aufgezeichneten Ansprache der Bloggerin Viktoria Bonja an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Aus dem Kreml kam ein Signal: Wir haben es gesehen, danke für Ihre Sorge. Eine ganz andere Reaktion folgte in Wladimir Solowjows Show: Er warf ihr vor, praktisch für ausländische Auftraggeber zu arbeiten, eine in Russland gesperrte Social-Media-Plattform zu nutzen, und nannte die Life-style-Bloggerin zum Abschluss eine „abgenutzte Schlampe“.
Der große Aufschrei
Das hätte er besser nicht getan. Über Nacht füllten sich die sozialen Netzwerke mit Posts, die eine Entschuldigung gegenüber Bonja und allen anderen Frauen forderten. Menschen, die noch am Vortag nichts von Bonjas Existenz gewusst hatten, begannen plötzlich massenhaft, sie zu verteidigen. Auf Bonjas Seite stellten sich sowohl ganz normale Nutzer als auch prominente Persönlichkeiten. Besonders markant fiel die Reaktion der ebenfalls bekannten Bloggerin Jekaterina Gordon aus. In ihrem Video-Statement erklärte sie, dass die beleidigende Art der Informationsvermittlung über die großen Fernsehsender nicht mehr funktioniere: „Wir sind eine Generation, die noch Bücher gelesen hat, die noch um die Welt gereist ist. Wir haben erlebt, wie unterschiedlich man mit Frauen umgehen kann. Und alles, was ihr erreichen werdet, ist ein echter Frauenaufstand.“
Man muss sagen: Gordon hat nur bedingt recht. Falls überhaupt ein Aufstand entstanden ist, dann ist er keineswegs ausschließlich weiblich. Dem Flashmob schlossen sich sofort auch Männer an. Der Tenor: So benehmen sich echte Männer nicht.
Dasselbe, nur italienisch
Bonja ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Solowjow macht bei niemandem mit seinen Formulierungen halt, schon gar nicht bei Frauen. Vor einer Woche nannte er in seiner Fernsehsendung „Voller Kontakt“ die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ein „faschistisches Biest“ und eine „puta“.
Vor diesem Hintergrund tauchte in den sozialen Netzwerken schnell ein Video aus dem Jahr 2004 auf, in dem Solowjow auf die Frage antwortete, ob ihm das Wort „Weiber“ gefalle. „Nein. Ich mag keine respektlose Haltung gegenüber Frauen“, lautete seine Antwort damals. Der Moderator erklärte zudem, er gehe sehr sorgsam mit dem um, was er selbst sage, und mit dem, was andere in seiner Anwesenheit zu sagen wagten.
70 %
Nun, nach mehreren Tagen öffentlichen Eklats, musste Solowjow sich bei Bonja entschuldigen (dass Giorgia Meloni jemals eine Entschuldigung von ihm erhalten wird, ist hingegen unwahrscheinlich). Wladimir Solowjow lud Viktoria Bonja zu einer Live-Sendung ein – allerdings nicht in das Programm eines föderalen Kanals, sondern in seine eigene, tagsüber ausgestrahlte Sendung mit deutlich geringerer Reichweite. Er begann das Gespräch mit einer Entschuldigung: „Erstens: Sie sehen wunderbar aus. Zweitens: Ja, natürlich muss ich mich entschuldigen. Sie haben absolut recht. Natürlich war ich zu emotional, und natürlich hätte ich – ungeachtet der Motivation – meine Worte im Live-Programm viel strenger abwägen müssen.“
Doch unmittelbar darauf folgte ein Vorbehalt, der den gesamten Eindruck der Entschuldigung zunichtemachte. Solowjow erklärte: „Es ist ziemlich merkwürdig, mich zu den führenden Misogynen des Landes zu zählen. Wenn wir über Frauenhass sprechen: Wie allgemein bekannt ist, sind 70 Prozent der Frauenhasser selbst Frauen.“
Der Vorfall ist erledigt
Dass Solowjow sich durchaus aufrichtiger entschuldigen kann, ist bekannt. Im März 2025 musste sich der Moderator öffentlich vor der tschetschenischen Einheit „Achmat“ und persönlich vor ihrem Kommandeur, General Apti Alaudinow, entschuldigen. Bei Viktoria Bonja hingegen funktionierte das Entschuldigen nach dem Motto: „Entschuldige dich – und weise deinem Gegenüber zugleich seine Grenzen auf.“
Wie dem auch sei: Viktoria Bonja hat die Entschuldigung angenommen. Alle, die sie in den letzten Tagen verteidigt und unterstützt haben, können sich zerstreuen – das Konzert ist zu Ende.
Sie haben sich um eine Entschuldigung geredet
Der Staatsduma-Abgeordnete Vitali Milonow ist stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für den Schutz der Familie sowie für Fragen der Vaterschaft, Mutterschaft und Kindheit. Einer seiner bekanntesten Vorschläge ist es, im März 2026 aus Dubai evakuierten Russinnen („Escort-Damen“) in der Region Krasnojarsk in Sibirien in „Quarantäne“ zu schicken.
2018, als bekannt wurde, dass der Staatsduma-Abgeordnete Leonid Sluzki Journalistinnen direkt innerhalb der Mauern des russischen Parlaments belästigt hatte, ließ sich der Skandal unter den Teppich kehren. Derzeit ruft er einerseits zum Verbot von Abtreibungen auf, andererseits dazu, Frauen nicht länger das Gebären „um jeden Preis“ abzuverlangen.
Designer und Blogger Artemi Lebedew brachte die Moderatorin einer Show im April 2026 zum Weinen. Als sie ihn bat, sachlich zu bleiben, konterte er mit der Aufforderung, „zu saugen“. Später erklärte er dies mit dem Verweis auf Jugendsprache: Gemeint habe er eigentlich „gib dich geschlagen“. Schon früher fiel er durch die Verwendung derber Wortwahl auf.
Erzpriester Andrej Tkatschow erklärte 2016 in einer seiner Predigten: „Man muss die Frau über dem Knie brechen, ihr die Hörner abreiben … sie biegen, sie reiben, sie in die Waschmaschine stopfen. Ein Mann muss eine Frau zu hundert Prozent brechen!“. 2025, am Tag der Familie, der Liebe und der Treue, nannte er russische Frauen „schlaff und verdorben“.
Der Gründer der als extremistisch eingestuften und verbotenen Bewegung „Männerstaat“, Wladislaw Posdnjakow, propagiert die Idee des „Nationalpatriarchats“. Frauen, die schwarze Partner haben, bezeichnete er als „Tintenfässer“ – ein Verweis auf die Hautfarbe, die auf der im russischen Originalwort enthaltenen sprachlichen Wurzel „tschern-“ (schwarz) basiert.
Glafira Baturina

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