
Vier Abschnitte, vier Bilderserien, die sehr verschieden sind, was Stimmung, Motive und sogar die Qualität der Fotos angeht.
Die Aufnahmen aus der Vorkriegszeit zeigen Menschen in Militäruniformen, stramm, konzentriert. Sie scheinen bereit zu sein, Seite an Seite mit Vertretern anderer Nationalitäten der damals so genannten „Familie der sowjetischen Völker“ ihr Land zu verteidigen. Das sind ganz verschiedene Menschen. Militärangehörige in Rängen bis zum Vizeadmiral, Mitglieder der Gesellschaft zur Förderung der Verteidigung, des Flugwesens und der Chemie – OSSOAWIACHIM, Kadetten von Militär- und Flugschulen, Grenzsoldaten … Sie alle spürten die vor dem Krieg herrschende Spannung, erwarteten einen Ausbruch, aber niemand konnte ahnen, was der Krieg für alle Sowjetbürger und insbesondere für Sowjetdeutsche mit sich bringen würde.
Der Abschnitt über die Sowjetdeutschen in der Roten Armee und der Partisanenbewegung hinter den feindlichen Linien enthält hauptsächlich Fotografien von Kriegsberichterstattern und Studioaufnahmen. Es wäre keine Übertreibung zu behaupten, dass diese Bilder buchstäblich Gold wert sind. Nach dem Erlass über die Entlassung der Sowjetdeutschen aus der Roten Armee konnten nur wenige an der Front bleiben. Aber die meisten, denen dies gelang, erlangten Ruhm.
Die Heimat an der Front verteidigen wollten auch viele von denen, die unfreiwillig im tiefen Hinterland landeten. Doch der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR „Über die Umsiedlung der in Wolgagebieten lebenden Deutschen“ vom 28. August 1941 nahm ihnen diese Möglichkeit. Das Leben der Sowjetdeutschen fernab der Front war hart, verlief jedoch unterschiedlich. Es lohnt sich, die Bildunterschriften zu lesen und die Fotos genau zu betrachten. Details, Kleidung, Hintergrund verraten viel über das Leben und den Alltag jener Jahre. Auf den Seiten dieses Albums finden sich Porträts von Wissenschaftlern und angesehenen Fachleuten, die ihre Arbeit in Fabriken, Werken und Forschungsstationen fortsetzten. Neben ihnen sind Fotos von Theater- und Ballettdarstellern während der Aufführungen. So traten Olga Jordan und Robert Gerbek 1942 im Ballett „Esmeralda“ im belagerten Leningrad auf. Das war mehr als nur Arbeit, es war Teil des heldenhaften Widerstands gegen die hereinbrechende Finsternis und Entmenschlichung.
Das Gleiche galt für Künstler und Schauspieler in ihren neuen Siedlungsorten. Der Maler Jakow Wunder, der am im Workutlag gegründeten Musik- und Dramatheater von Workuta tätig war, wird von seinen Landsleuten als Held der Republik Komi verehrt. Helden sind zweifellos auch ethnische Deutsche, die in die Trudarmee eingezogen wurden und unter unvorstellbar schwierigen Bedingungen arbeiteten – auf den Baustellen der Metallgiganten, bei der Eisenbahn und auf den Feldern.
Das letzte Kapitel in diesem Album berichtet über Sowjetdeutsche in den Jahren direkt nach dem Krieg. Spricht man über den Gesamtzeitraum, den dieses Fotoalbum umfasst, dann ist der Begriff „heroische Zeit“ die treffendste Bezeichnung dafür. Jene Zeit verlangte von allen Sowjetbürgern – ob sie dazu bereit waren oder nicht – heldenhaftes Handeln. Und selbst die Nachkriegsjahre, in denen einige Einschränkungen der Rechtsstellung eines ganzen Volkes aufgehoben wurden, waren in gewisser Weise eine Fortsetzung der vier Kriegsjahre.
Fotografien erzählen Geschichten durch Details. Sobald der Blickwinkel der Aufnahme leicht verändert wird, wirkt das Foto bereits anders. Sehen Sie sich die Details auf dem Gruppenfoto der Zimmerleute und Hilfsarbeiterinnen auf Seite 65 dieses Albums an. Zunächst einmal sind diese Zimmerleute Frauen. Neun Frauen schauen direkt in die Kamera. Einige halten die Kollegin neben sich an der Hand. Die Stehenden in der zweiten Reihe haben ihre Hände auf die Schultern der vor ihnen Sitzenden gelegt. Offensichtlich haben diese Menschen eine enge Bindung zueinander. Das gemeinsame Schicksal, das sie teilen, findet auf diesem Bild seinen visuellen Ausdruck. Und in der rechten unteren Ecke des Fotos ist eine Kiste zu sehen, die offenbar als Armlehne diente. So konnte man eine vorteilhaftere Pose einnehmen. Kaum jemand hätte dieses Fotoatelier-Accessoire bemerkt, wäre da nicht die Aufschrift „Vergiss mich nicht“.
Wie viele Menschen haben sich für ein Foto auf diese Kiste gestützt? Und später schenkten sie ihre Porträts ihren Liebsten, Angehörigen und Freunden – als Erinnerung. Genau das hatte der Fotograf doch im Sinn, als er vorschlug, diese Aufschrift zum Teil des Porträts zu machen? Auf diesem Porträt aber bekommen die Worte „Vergiss mich nicht“ eine tiefere Bedeutung: Wir, die Nachfahren, müssen uns an das Tragische und das Heroische erinnern, die Gesichter der Menschen sehen, die die schwersten Leidensproben zu bestehen hatten. Es sind die Gesichter derer, die ihren Weg oft nicht selbst gewählt, aber mit Würde gegangen sind. Für das Leben der nächsten Generationen.


