Das Sewastopol-Panorama: Vom Münchner Atelier zum Trümmerhaufen

Das Panorama „Die Verteidigung von Sewastopol 1854–1855“, das zum Gedenken an die Verteidiger der Stadt im Krimkrieg geschaffen wurde, überstand den Ersten Weltkrieg, geriet dann im Zweiten Weltkrieg in Brand. Nach seiner Restaurierung stand es jahrzehntelang Besuchern offen – und fiel am 10. Juni erneut dem Krieg zum Opfer. Die MDZ ist den deutschen Spuren in der Geschichte des Pano­ramas nachgegangen.

Im Brunnenbecken liegen die verbrannten Fragmente des Panoramas „Die Verteidigung von Sewastopol“ (Foto: Konstantin Michaltschewski/RIA Novosti)

Das Panorama „Die Verteidigung von Sewastopol“ ist eines der weltweit bekanntesten Werke der Schlachtenmalerei. Die Stadt liegt auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer. Das riesige Gemälde, 115 Meter lang und 14 Meter hoch (Gesamtfläche: über 1600 Quadratmeter), zeigt einen Schlüsselmoment der ersten Verteidigung Sewastopols – das Gefecht auf dem Malachow-Hügel am frühen Morgen des 6. Juni 1855. Die russischen Truppen verteidigten sich damals gegen die anglo-französische Armee, die ihnen zahlenmäßig doppelt überlegen war.

Auf der Leinwand sind mehr als 4000 Figuren zu sehen, darunter Soldaten, Matrosen, Ärzte, Krankenschwestern. Vor der flachen Leinwand befindet sich der „Objektplan“ – echte Geschütze, Sandsäcke und Erdwälle, die beim Betrachter den täuschend echten Eindruck räumlicher Realität erwecken.

Den Auftrag zur Schaffung des Panoramas erhielt Franz Roubaud im Jahr 1901 vom Komitee zur Verewigung des Andenkens an die Verteidiger von Sewastopol – pünktlich zum bevorstehenden 50. Jahrestag der heldenhaften Verteidigung. Die Wahl fiel nicht zufällig auf ihn: Roubaud, der französischer Herkunft war, wurde in Odessa geboren, absolvierte die Kunstakademie in München und wurde während der Arbeit an dem Panorama dort zum Professor ernannt. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits berühmt geworden: Roubaud schuf das erste Panoramagemälde für das Russische Reich – „Die Erstürmung des Auls Achulgo“ (1890), das übrigens ebenfalls in München entstand.

Die Münchner Werkstatt

Von 1901 bis 1904 arbeitete Roubaud fast ausschließlich in München an dem Sewastopol-Panorama. Der Grund dafür war ganz prosaisch: In Russland gab es kein geeignetes Atelier für das riesige Gemälde. München galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu Recht als Hauptstadt der Panoramakunst. Hier kamen mehrere Faktoren günstig zusammen: die Traditionen der akademischen Malerei der Münchner Schule, eine gut ausgebaute Infrastruktur spezialisierter Werkstätten und das enorme Interesse des Publikums an monumentalen Spektakeln. Panoramen waren damals so etwas wie die „Blockbuster“ der visuellen Industrie.

Franz Roubaud malte das Gemälde nicht allein. Ihm halfen die deutschen Künstler Leopold Schönchen, Oskar Merté, Karl Hubert Frosch und etwa zwanzig Studenten der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in München.

Für seine Arbeit nutzte Roubaud einen speziellen Pavillon in einem Münchner Vorort, wo die riesige Leinwand in ihrer vollen Länge ausgebreitet werden konnte. Der Künstler ging mit deutscher Akribie an die Sache heran: Er reiste nach Sewastopol, studierte Dokumente, besichtigte die Schützengräben und traf sich mit noch lebenden Veteranen der Verteidigung – eben jenen alten Soldaten und Matrosen, die 1855 den Sturm abgewehrt hatten. Seine Assistenten fertigten Tausende von Skizzen und Fotos an.

Im Sommer 1904 wurde das fertige Gemälde per Eisenbahn nach Sewastopol gebracht, und im Mai 1905 fand die feierliche Enthüllungszeremonie statt. Dazu waren Veteranen der Stadtverteidigung anwesend. Nach den Erinnerungen von Zeitgenossen waren die alten Soldaten und Matrosen, als sie die ihnen vertrauten Szenen des Nahkampfs, die Festungsmauern und den Rauch wiedererkannten, von der Realitätsnähe des Geschehens zu Tränen gerührt.

Das Panorama „Die Verteidigung von Sewastopol 1854–1855“ (Foto: Wikipedia)

Baltendeutscher Architekt

Das Panorama-Gebäude wurde von dem Militäringenieur Friedrich-Oskar Enberg entworfen, einem Baltendeutschen aus dem Adel der Provinz Livland, der dem lutherischen Glauben angehörte. Sein Entwurf wurde 1902 vom Komitee zur Wiederherstellung der Denkmäler der Sewastopoler Verteidigung außerhalb des Wettbewerbs angenommen und am 31. Juli desselben Jahres von Zar Nikolaus II. persönlich genehmigt.

Enberg gestaltete das runde Pano­rama-Gebäude im klassizistischen Stil mit eklektischen Elementen. Es erinnerte an das römische Pantheon: Der Eingang wurde durch einen Portikus markiert, hinter dem sich eine Rotunde mit einer massiven Kuppel und einer Turmspitze erhob. Das eiserne Gerüst der Kuppel wurde in München erworben. Zu den ungewöhnlichen Details gehörte ein Rundfenster in der Kuppel, das für natürliche Beleuchtung im Inneren sorgte.

Das historische Gebäude (Foto: Investigatio/Wikipedia)

Nach der Eröffnung des Panoramas wurde Enberg mehrmals zum „vorläufigen Aufseher“ ernannt und trug sich sogar in das Kassenbuch ein. Nach der Revolution setzte er seinen Dienst in Sewastopol fort. Doch das Schicksal eines Ostseedeutschen gestaltete sich im Sowjetstaat nicht einfach. Enberg starb 1937 in Jalta.

Rettung unter Beschuss

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde vorgeschlagen, das Gemälde zu evakuieren. Doch man beschloss, kein Risiko einzugehen: Aufgrund seines maroden Zustands und seiner enormen Größe war es praktisch unmöglich, es zu transportieren.

Am 25. Juni 1942 wurde das Gebäude bei einem deutschen Luftangriff von Bomben getroffen. Das Kunstwerk geriet in Brand. Der Kampf um seine Rettung dauerte etwa zwei Stunden. Nur dank der heldenhaften Anstrengungen der Matrosen der Schwarzmeerflotte und der Soldaten, die sich durch die Flammen kämpften, gelang es, 86 einzelne Fragmente zu retten – etwa zwei Drittel der Leinwand.

In der Nacht vom 27. Juni wurden die geretteten Fragmente des Panoramas auf das letzte Schiff verladen, das die belagerte Stadt erreichen konnte – den Zerstörer „Taschkent“. An Bord befanden sich außerdem 2000 Verwundete, Frauen und Kinder. Unter dem unaufhörlichen Bombardement deutscher Flugzeuge brachte die Besatzung die kostbare Fracht nach Noworossijsk.

Es folgte eine langwierige Evakuierung: Kustanai, Nowosibirsk, Ende 1943 – die Tretjakow-Galerie. Dort stellte eine Sonderkommission fest, dass 1116 Quadratmeter der Leinwand gerettet worden waren, doch wiesen die erhaltenen Fragmente etwa 6000 Beschädigungen auf, Schmutzspuren nicht mitgerechnet. Eine Restaurierung des Originals war aufgrund des Zustands ausgeschlossen.

Unmittelbar nach dem Krieg wurde die Wiederherstellung des Panoramas in den Fünfjahresplan zum Wiederaufbau der Volkswirtschaft der UdSSR aufgenommen. Von 1951 bis 1954 schuf eine Gruppe von 24 sowjetischen Schlachtenmalern eine Kopie des Gemäldes. Sie verwendeten Roubauds Skizzen, Fotografien, alte Broschüren und mündliche Beschreibungen als Grundlage. Das Gemälde wurde durch eine Reihe von Objekten ergänzt: Granaten, Geschütze sowie Figuren aus Holz und Pappmaché.

Parallel dazu wurde auch das Gebäude selbst restauriert: Die Kuppel war zu 40 Prozent beschädigt, die Fassadenverkleidung zu 50 Prozent, und die Aussichtsplattform war bis auf das Erdgeschoss vollständig zerstört.

Originalfragmente von Roubaud werden im Museum aufbewahrt (Foto: Konstantin Michaltschewski/RIA Novosti)

Am 16. Oktober 1954, anlässlich des 100. Jahrestags der ersten heldenhaften Verteidigung von Sewastopol, wurde das Panorama wieder für Besucher geöffnet. Seitdem überstand es mehr als 70 Jahre unbeschädigt – bis zum 10. Juni 2026. In der Nacht wurden das Gebäude und das Panorama infolge eines Drohnenangriffs schwer beschädigt.

Fünf Tage später brach im Kiewer Höhlenkloster, einem der wichtigsten orthodoxen Heiligtümer und UNESCO-Weltkulturerbe, durch den Treffer eines Geschosses ein Brand aus. Diese sowie weitere Verluste an Baudenkmälern, darunter auch Kulturerbe der Schwarzmeerdeutschen auf beiden Seiten der Front – all dies erinnert daran: Kriege verschonen nichts von dem, was über Jahrhunderte hinweg durch die gemeinsamen Anstrengungen von Menschen verschiedener Nationalitäten geschaffen wurde und allen als gemeinsames kulturelles Erbe gehört.

Olga Silantjewa

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