
2023 wurde der silberne Schrein des Heiligen Alexander Newski der Russisch-Orthodoxen Kirche zur vorübergehenden Aufbewahrung für die Dauer von 49 Jahren überlassen. „Dieses monumentale Schmuckstück des Fürstengrabes wird seinen Platz im Alexander-Newski-Kloster einnehmen. Der Sinn dieser Übergabe besteht darin, dass die Reliquien des Heiligen mit dem Schrein vereint werden. In der Verkündigungskirche sind Klimatisierung und ein Kommunikationssystem eingerichtet, über das wir ständig in Kontakt bleiben.“
Mit der Überführung des Schreins an den historischen Ort, in die Dreifaltigkeitskathedrale des Alexander-Newski-Klosters, sollte man es nicht eilig haben. „Die Dreifaltigkeitskirche muss erst gut restauriert sein und ein angemessenes Raumklima aufweisen. Um im Saal des Winterpalasts, in dem der Schrein stand, hervorragende klimatische Bedingungen zu schaffen, brauchten wir nach dem Krieg einige Jahrzehnte.“
Die Erfahrung der Eremitage mit der Schrein-Übergabe und die der Tretjakow-Galerie mit der Übergabe der Ikonen – zunächst der „Dreifaltigkeit“ Andrej Rubljows, nun der „Gottesmutter von Wladimir“ und der „Gottesmutter von Don“ – an die Kirche sollte man nicht vergleichen. „Ich kommentiere nicht die Tätigkeit anderer Museen, meiner Kollegen. Jeder Fall ist absolut eigenständig, und bei Rubljows ‚Dreifaltigkeit‘ handelt es sich um eine besondere Geschichte. Wie ich bereits sagte: Unser Schrein hat sich mit den Reliquien vereint. Das ist in Ordnung. Wir haben den Schrein eigentlich deshalb übergeben, weil klar wurde, dass in der Gesellschaft gegenwärtig die rituelle Bedeutung wichtiger ist als die künstlerische. Ein Großteil der Gesellschaft steht Schlange, um den Gürtel der Gottesmutter zu berühren. Das ist unsere Realität.“ Wichtig sei es, den Dialog auf der Grundlage gegenseitigen Respekts zu pflegen. „Das ist nicht immer der Fall. Wir verstehen, dass wir unterschiedliche Ansätze haben – den musealen und den kirchlichen. Aber man muss Annäherungen suchen.“
Ende letzten Jahres erschien in Russland das Buch von Geraldine Norman „Hände weg von der Kunst“, das sich mit Restitutionsfragen beschäftigt: „In meinem Vorwort zu diesem Buch werden konkrete Fälle beschrieben. Die Eremitage verfügt über umfangreiche Erfahrung mit unterschiedlichen Arten der Lösung von Restitutionsfragen. Mein Vorwort trägt den Titel ‚Schließt die Büchse der Pandora‘ – Hauptsache, man sollte sich nicht beeilen und einen Kampf für Gerechtigkeit inszenieren, sondern an die Aufgaben der Kultur und an die gewachsene kulturelle Lage in der Welt denken.“ „Im Großen und Ganzen ist Geraldine Normans Buch hervorragend! Es handelt davon, dass alle großen Museen der Welt aus Dingen bestehen, die – sagen wir es so – aus ihrem Kontext gerissen, hergebracht, gesammelt wurden. Ohne diese Dinge würden diese Museen aufhören zu existieren. Davon muss man ausgehen. Deshalb sollte man die Situation in Ruhe lassen.“ Es gebe außerdem Gesetze, die die Übergabe von Museumsexponaten verbieten.
„Diese ganze Dekolonisationsgeschichte ist sehr traurig, weil es sich um einen derart primitiven Ansatz handelt – das Schlechte durch eine Art Rückwärtsbewegung zu korrigieren. Diese Rückwärtsbewegung ist ein absolut falsches Schema. Bei uns in Russland, in der Sowjetunion, gibt es ein glänzendes Beispiel für Dekolonisation ganz anderer Art. Nach der Revolution verkündeten wir: Das Imperium war ein ‚Völkergefängnis‘ und so weiter. Ja, einige Denkmäler wurden zerstört, aber es folgte eine nächste Phase – die Erhebung jener Kultur, die unterdrückt worden war.“
Doch jeder Fall sei ein eigener. „Eine einfache Gerechtigkeit für alle Fälle gibt es nicht. Dinge, die sich in einem Museum befinden, sind immer aus ihrem Kontext gerissen, und ihre Rückführung in den Kontext kann dazu führen, dass sie aufhören, Kulturobjekte zu sein. Wir wissen, dass restituierte Dinge entweder in Rituale übergehen oder auf Auktionen und danach in Privatsammlungen landen und damit dem öffentlichen Eigentum entzogen werden.“
Zusammengefasst von Goscha Haimow.


