Wird der QR-Code bald Pflicht?

Russlands Regierung will bis Februar 2022 QR-Codes für das öffentliche Leben einführen. Einige Regionen setzen jetzt schon darauf. Die Menschen sind davon wenig begeistert.

Demonstranten auf Kamtschatka fordern die Abschaffung der QR-Codes. (Foto: Screenshot/ YouTube/ Gorodskije stranizy)

Über 1200 Tote täglich, das ist seit Wochen die traurige russische Corona-Gegenwart. Zwar sinken zumindest die Infektionszahlen allmählich wieder. Doch offensichtlich tut sich die Regierung weiterhin sehr schwer, eindämmende Maßnahmen gegen das Virus zu ergreifen oder die Menschen im Land zur Impfung zu bewegen. Bei gerade einmal 50 Prozent liegt die kollektive Immunität, Erkrankte und Genesene also miteinbezogen. Die Impfkampagne stockt und der Ton, mit dem zur Vakzinierung aufgerufen wird, ist deutlich rauer geworden. Bislang hilft alles Bitten nicht, sodass härtere Geschütze aufgefahren werden. Mitte November flackerte in den Tickern russischer Zeitungen eine Nachricht auf, die für kurze Zeit wie eine Bombe einschlug. Die Regierung führt QR-Codes für Züge, Flugzeuge und so ziemlich alles außer Supermärkte ein, hieß es dort. In aller Aufregung ging fast schon unter, dass die Codes erst im Februar kommen sollen.

Erste Proteste gegen QR-Codes

Kaum war das Gespenst des QR-Codes in der Welt, begannen die ersten Proteste dagegen. Auf Kamtschatka versammelten sich rund 100 Anhänger der in Russland als extremistisch eingestuften und verbotenen Organisation „Graschdane SSSR“ (Bürger der UdSSR), am symbolischen Denkmal „Hier beginnt Russland“, um gegen die Einführung des QR-Codes zu demonstrieren. Auch in anderen Gegenden wie Jekaterinburg, Tscheljabinsk oder Nachodka gingen die Menschen auf die Straße. In den sozialen Medien versuchen die User mit den Hashtags „Putin erhöre uns“ und „Die Städte sprechen“ die Regierung zum Einlenken zu bewegen.

Droht Russland eine neue Protestwelle? Eher nicht, glaubt die bekannte Soziologin und Anthropologin Alexandra Archipowa. Es sei zwar sehr interessant, wie vor allem der Ural sein Protestpotenzial zeige. Aber eine wirkliche Gefahr sei das nicht, erklärte sie in einem Podcast. Das scheint auch der Staat so zu sehen, dessen Polizisten die Versammlungen zwar beobachteten, aber nur ganz selten eingriffen. Für Beobachter ein deutliches Zeichen, dass die Staatsmacht hier keinen politischen Protest erkennen will.

Die meisten Russen sind dagegen

Und dennoch hat sie ein wachsames Auge, wohlwissend, dass die QR-Codes in der Bevölkerung keinen Rückhalt haben. Laut einer Umfrage des Arbeitsvermittlers Superjob von Mitte November halten nur 27 Prozent die Codes in Zügen und Flugzeugen für notwendig. Mehr als die Hälfte (54 Prozent) spricht sich komplett gegen die Einführung aus. Beim staat­lichen Meinungsforschungsinstitut WZIOM heißt es, dass nicht einmal zehn Prozent aller Russen sich mit QR-Codes wirklich befassen. In einem Interview mit „News.ru“ sprach WZIOM-Chef Walerij Fjodorow davon, dass man den Menschen die QR-Codes gut erklären und die Handhabung einfach gestalten müsse. Dann würde es zwar immer noch Unzufriedene geben, aber keinen Aufstand, so Fjodorow.

Kommt es wirklich so weit?

Die Angst vor möglichen größeren Protesten sei der Grund, warum die Regierung in Sachen landesweiter QR-Codes erst einmal nichts unternimmt. Das mutmaßen zumindest viele Medien. Ende Dezember soll die Einführung wieder in der Duma verhandelt werden. Zuvor sollen noch mehrere andere Gremien darüber beraten. Und vielleicht ist am Ende alles nur ein großer Bluff. Bereits im Sommer hatte Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin die QR-Codes für die Gastronomie sehr schnell wieder einkassiert. Durchaus denkbar, dass der Kreml mit der QR-Drohung Druck auf Ungeimpfte ausüben will.

Wie ein Russland mit QR-Codes aussehen könnte, lässt sich in Ta­tarstan beobachten. Dort darf nur noch in den Nahverkehr, wer einen digitalen Nachweis hat. Gleich am ersten Tag wurden 1500 Menschen aus Bussen und Bahnen geworfen. Für einige endete der Weg zur Arbeit auf dem Polizeirevier. Selbst Impfnachweise in Papierform wurden nicht akzeptiert. Das ist besonders für Ausländer interessant. Schließlich ist für sie bislang nahezu unmöglich, trotz Sputnik-Impfung einen russischen QR-Code zu bekommen.

Daniel Säwert

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