„Wir könnten in Russland viel, viel weiter sein“

Nach immer neuen Höchstständen bei den Infizierten- und Todeszahlen will Russland die Lage an der Corona-Front beruhigen. Um Kontakte zu minimieren, wurde die erste Novemberwoche landesweit für arbeitsfrei erklärt. Der Chef eines deutschen Unternehmens in Russland hat der MDZ erzählt, was er davon hält.

30 Prozent Preisnachlass auf alles verspricht dieses Schuhgeschäft in Nowosibirsk „bis zur Quarantäne“. (Foto: Alexander Krjaschew/RIA Novosti)

Die Situation ist, gelinde gesagt, bescheiden. Wahrscheinlich musste damit gerechnet werden, dass angesichts der täglich steigenden Zahlen früher oder später etwas passiert. Aber was dazu von staatlicher Seite kommt, ist eher eine Black Box. Die Anordnungen sind so schwammig formuliert, da liest jeder heraus, was er kann oder will. Verbindliche Auskünfte dazu zu bekommen, ist schwierig. Vieles findet in einer Grauzone statt.

Ich bin an einem unserer beiden Standorte in Russland in einem Direktoren-Chat. Der wurde zu Beginn der Pandemie als Kommunikations-Tool zwischen der Stadtverwaltung und den Generaldirektoren der ortsansässigen Unternehmen eingeführt. Da glühten nach der Bekanntgabe der arbeitsfreien Tage die Drähte, weil sich sämtliche produzierenden Unternehmen wieder die gleiche Frage gestellt haben: Dürfen wir weiter produzieren oder nicht?

Grundsätzlich gilt der Erlass von Präsident Putin ja für alle. Aber es gibt gewisse Ausnahmen, unter anderem für Betriebe mit einem „ununterbrochenen Produktionszyklus“. Es ist allerdings unklar, was das heißt. Wir haben zwei Unternehmensbereiche, einer davon ist aus unserer Sicht Dauerproduktion. Und wie soll man darauf jetzt reagieren?


55 Prozent der russischen Unternehmen wollen trotz der arbeitsfreien Tage ihren Betrieb im betreffenden Zeitraum nicht einstellen. Das ergab eine Express-Umfrage des Stellenportals HeadHunter.


Im Endeffekt interessiert es nicht wirklich jemanden, wie man da als Firma über die Runden kommt. Die arbeitsfreien Tage wurden medien­wirksam verkündet, die Leute freuen sich, dass sie zu Hause bleiben können – bei vollem Lohnausgleich. Damit hat man das Problem sehr elegant auf die Arbeitgeber abgewälzt, die das bezahlen müssen. Wer kann sich das in Russland denn erlauben?

Wir sind finan­ziell so gut aufgestellt, dass wir das locker verkraften würden. Aber die vielen Kleinunternehmer? Es gibt zwar staatliche Unterstützungsprogramme, aber sie kompensieren nicht annähernd die Kosten. Wenn man überhaupt Ansprüche darauf anmelden kann.

„Schon Routine entwickelt“

Als Firmenchef ist man jetzt natürlich alles andere als begeistert. Aber man geht mit der Sache auch pragmatisch um. Immerhin hat man ja schon Routine entwickelt. Das war vor anderthalb Jahren, als zum ersten Mal eine arbeitsfreie Woche angekündigt wurde, ganz anders. Damals hat keiner gewusst, was los ist und wie es jetzt weitergeht. Anfangs hat man auch noch damit gerechnet, dass die Firmen abgefahren werden und Kontrolleure vor der Tür stehen. Vielleicht war das hier und da auch so. Aber ich kenne kein Unternehmen, das auch nur einmal in dieser heißen Phase kontrolliert worden wäre.

Ich persönlich habe mich während der Pandemie in Russland nie unsicher oder unwohl gefühlt. Mit Frau und Kindern bin ich im Frühjahr 2020 auf unsere Datscha umgezogen. Letztlich haben wir mehrere Monate bis zum Sommer dort verbracht. Für uns als Familie war das eine tolle Zeit.


In Russland waren die Infiziertenzahlen zuletzt auf über 40.000 pro Tag gestiegen. Seit Mitte Juni hat sich auch die Zahl der Covid-19-Sterbefälle verdreifacht. Von Anfang Juli bis Ende September waren täglich zwischen 700 und 800 Tote zu beklagen – vergleichbar mit der Bevölkerung eines ganzen Dorfes. Seitdem gab es fast täglich neue Anti-Rekorde zu verzeichnen, am 16. Oktober war die Zahl erstmals vierstellig. Am letzten Tag vor Beginn der arbeitsfreien Tage wurden 1163 gemeldet.


Was mich ärgert: Bei uns in der Firma sind heute 80 Prozent der Mitarbeiter vollständig geimpft, in ganz Russland sind es weniger als 35 Prozent der Bevölkerung. Wenn Sie in einen Laden gehen, wer hat da eine Maske auf? Als gäbe es das Thema überhaupt nicht.

Wer so lange in Russland lebt wie ich, der weiß: Die Russen wirft so leicht nichts aus der Bahn, die sind krisenerprobt. Vieles wird relativ locker genommen, manches aber auch zu locker. Mit etwas mehr Disziplin könnten wir in Russland viel, viel weiter sein. Dann brauchte man auch dieses ganze Rumgeeiere nicht.

„Nicht unsere größte Sorge“

Für die erste Novemberwoche, die nun offiziell arbeitsfrei ist, hatten wir auch selbst arbeitsfreie Tage geplant und beschlossen, eines unserer beiden Werke am verlängerten Wochenende vom 4. bis 7. November anzuhalten. (Anm. d. Red.: Der 4.  November ist in Russland ein Feier­tag, der „Tag der Einheit des Volkes“.) Wir haben uns gesagt, dass wir so unseren Mitarbeitern etwas Gutes tun und gleichzeitig die Rohstoffe schonen.

Denn was uns aktuell viel mehr auf Trab hält, sind die weltweit unterbrochenen Logistikketten. In der Corona­-Krise hat man die Produktion heruntergefahren und die Lager geleert. Dann haben alle mehr oder weniger gleichzeitig wieder zu produzieren angefangen und nun fehlt ständig irgendetwas und alle hängen in der Luft. Währenddessen gehen die Preise für Rohstoffe durch die Decke. Ein Irrsinn, was da gerade passiert. Die eine oder andere Corona-Maßnahme in Russland ist insofern längst nicht unsere größte Sorge.


Hintergrund: Arbeitsfreie Tage

Das russische Arbeitsrecht kennt keine „arbeitsfreien Tage“. Trotzdem wurde per Präsidentenerlass landesweit die Zeit vom 30. Oktober bis 7. November dazu erklärt. Sechs Tage davon wären als Feiertage und Wochenenden ohnehin arbeitsfrei gewesen. Es ist das dritte Mal, dass Russland in der Pandemie zu dieser Maßnahme greift. Zunächst hatte Präsident Putin die Russen vom 30. März bis 5. April 2020 in den Zwangsurlaub geschickt. Der Lockdown wurde anschließend mehrfach verlängert und dauerte letztlich 42 Tage, bis zum 11. Mai. Ein weiteres Mal machte Russland zwischen den Mai-Feiertagen des laufenden Jahres die Schotten dicht.

In Reaktion auf die ernste Lage ließen Moskau und das Moskauer Umland die arbeitsfreien Tage bereits vorfristig am 28. Oktober beginnen. Damit verbunden sind weitgehende Einschränkungen des öffentlichen Lebens, allerdings wurde keine Ausgangssperre verhängt wie im Frühjahr des vorigen Jahres.

Neu ist zudem, dass seit 25. Oktober Arbeitgeber aufgefordert sind, 30 Prozent der nicht geimpften Arbeitskräfte ins Homeoffice zu versetzen. Im selben Zeitraum sollen Menschen über 60 Jahre oder chronisch Kranke zu Hause bleiben, wenn sie nicht geimpft sind. Spaziergänge und Sport im Freien bleiben aber erlaubt.

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin schrieb auf seiner Webseite: „Wir hatten ehrlich gesagt gehofft, dass die Renter zu Beginn des Herbstes von ihren Datschen nach Moskau zurückkehren und sich eine Zeit aussuchen, um sich impfen zu lassen. Zu unserem größten Bedauern ist das nicht passiert.“

In der Altersgruppe 60+ sei nur etwa jeder Dritte geimpft. Auf sie entfielen aktuell 60 Prozent der Patienten auf den Covid-Stationen der Krankenhäuser und 80 Prozent derer, die künstlich beatmet werden. Unter den Toten liege ihr Anteil bei 86 Prozent. „In der Regel handelt es sich um Ungeimpfte“, so Sobjanin. Er warb bei der älteren Generation um Verständnis für die neuerlichen Einschränkungen. Die seien natürlich „ermüdend und belastend“, aber: „Es existiert einfach kein anderes Mittel, um Sie vor einer schweren Erkrankung zu schützen.“ An „meine lieben Großmütter und Großväter“ erging noch einmal der Aufruf, sich impfen zu lassen.

Russlandweit sind die Corona-Impfzahlen tendenziell im Süden und Osten besonders niedrig. Die Rote Laterne hält Dagestan am Kaspischen Meer. Den Anteil der Geimpften an der Bevölkerung in der Teilrepublik beziffert das Portal Gogov.ru aktuell mit 16,4 Prozent. Am unteren Ende der Impftabelle folgen mit Nordossetien (22,4%) und Kabardino-Balkarien (23%) weitere nordkaukasische Republiken. Am höchsten ist die Quote im Gebiet Belgorod (53,3%) und in Tschukotka (52,5%). Für ganz Russland lag der Wert Ende Oktober bei 32,4 Prozent und war damit nur etwa halb so hoch wie in Deutschland.

Tino Künzel

  

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